Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 3 (April 1869)
- Date
- 1869-04-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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250 nach dem gestrigen Vorfall konnte er sein Zimmer nicht betreten — Aber schon wieder dieses jammernde Stöhnen, dieses Wimmern. — Der Jude konnte es doch nicht über sich gewinnen, seinen Beleidiger, allem Anschein nach, in Schmerzen zu wissen, ohne ihm seine Hülfe anzubiethen. Wenn er mir nur öffnet, dachte er, und trat auf den Corridor, um sich in's Nachbarzimmer zu begeben. Eben im Begriff anzuklopfen, bemerkte er mit Erstaunen, daß die Thür gar nicht geschlossen, nur lose in den Angeln hing. Er warf einen Blick durch die Spalte, und was er sah, machte das Blut ihm erstarrend. Mitten im Zimmer an einen Tisch lehnte der Böhme, noch immer ächzend, sein erdfahles Gesicht war abschreckend verzerrt. — Jetzt hob er den rechten Arm, eine Pistole war in seiner Hand, langsam senkte er die Mündung der Stirn zu. Sein verhöhnter Widersacher sah es, ohne der Gefahr zu achten, der er selbst sich dadurch aussetzte, stürzte er auf den Böhmen zu, umfaßte die Hand, die im Begriffe war den Selbst- - nkdrd zu verüben. Mit seinen schlanken aber energischen Fingern umsvannte er das Handgelenk des anscheinend weit stärkeren Gegners und hielt es wie in eisernen Klammern, die Mündung der Pistole nach oben, auf den Plafond des Zimmers richtend. Es entspann sich ein furchtbarer Ringkampf, der rasende Böhme schäumte vor Wuth, ״Verdammter Jud, laß mich los? laß mich los! Oder ich zerschmettere dir das Gehirn mit meiner Kugel.״ ״Hast mich ja gestern einen Feigling geheißen, nun schau, ob du den feigen Juden durch solche Drohung einzuschüchtern vermagst." Nahe an zehn Minuten währte dieses grauenvolle Ringen, da siegte endlich doch die kaltblütige Gewandheit des Retters, es gelang ihm dem Andern die Pistole zu entreißen. — Ter Böhme taumelte zurück und fiel ganz erschöpft in einen Sessel, seine Wuth war gewichen, aber seine Verzweiflung schien wo möglich noch gesteigert. Heiße Thränen stürzten ihm aus den Augen, laut schluchzend barg er sein Antlitz in den Händen. Der Jude, ohne sich weiter nach ihm umzusehen, entlud eilends das Schießgewehr, zerbrach dann durch einen kräftigen Fußtritt