Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1868-1869)
- Issue
- Heft 3 (April 1869)
- Date
- 1869-04-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2932754-2933206-2933210--11486-2968984- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
Ein Vortrag von Adolf Kohut. 229 ethischen Wahrheiten, — dies Alles mußte auf eine für Poesie und Naturschönheiten jo außerordentlich empfängliche, weibliche, höchst sensitive Natur, wie die eines Herder, einen mächtigen Einstuß üben. Daher kam es, daß weder der gleichniß- und bilderreiche, olympische Ruhr athmende Homeros, noch der düstere, wildromantische, nordische Osfian, noch Shakespeare, der größte Denker unter den Dichtern und größte Dichter unter den Denkern, noch die kühnen Schöpfungen des indischen und arabischen Genius ihm jenes Werk ersetzen konnten, das so bezeichnend das Bnch der Bücher genannt wird. In dieses herrliche Buch, das die größten aKer Zeiten gepriesen und aus dessen frischer, stets jugendlich sprudelnder Quelle, Millionen von der göttlichen Vorsehung ge׳ prüfter und gebeugter Gemüther Trost und Erquickung geschöpft und noch ivrmer schöpfen, — in dieses Buch der Bücher vertiefte fich mit der ganzen Gluth seiner Seele schon der Jüngling Herder; aber auch der Mann und Greis Herder, dessen kindliches, für alles Schöne und Edle empfängliches Gemüth sich stets gleich blieb — lebte noch in den Bildern nnd Gedanken "der heil. Schriften ״dieser ältesten und schlichtesten Poesie;" seine ganze Individualität war erfüllt von der gewaltigen Naturepik der Bibel, welche hoch emporragt über Homer, Hesiod, Ossian, die Barden und Skalden, und durchglüht von den Strahlen der in den Büchern Gottes leuchtenden Humanitäts sonne, erklangen in wundervoller Anmuth und Schönheit die Saiten des Herder'schen Genius und — gleich der Memmonssäule, wenn sie vom Hauche Aurora's geküßt wurde, besang und verherrlichte er das — seiner Anschauung zufolge — in der Bibel erwachte erste Frühroth des menschlichen Geistes. Was Herder vor allen seinen Zeitgenossen befähigte, in den Schacht der jüdischen Wissenschaft hinabzusteizen und die daselbst Jahrhunderte hindurch für den nichtjüdischen Kreis verborgen gebliebenen Gedankenschätze zu heben und zugänglich zu machen, war vorzugsweise sein eminentes An ei gnungstal ent, die große Gabe, sich in die Vorstellungen und Anschauungsweisen einer fremden Nation Zv versenken und dem hier Entdeckten und Erprobten zugleich einen llasfischen Ausdruck zu geben. ״Wenige Geister", bemerkt Jean Paul, waren auf die große Weise gelehrt wie er. Die Meisten v«fvigen nm das Seltenste, das Unbekannteste einer Wissenschaft)