Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1869-04-01 · Heft 3 (April 1869) · page 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
15 (1868-1869)
Issue
Heft 3 (April 1869)
Date
1869-04-01
Page
– (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933206-2933210--11461-2968959
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

204 Ludry Nepwirm eines SchameS. kecken in Familie und Gemeinde führten fast nie zuProzeffen, sou׳ dem fanden ihren Austrag vor dem Rabbiner; denn obgleich längst picht mehr jüdische Gerichtsbarkeit bestand, erkannte doch in dm meisten Füllen. Jeder gerne die weisen Aussprüche desselben als zu Recht bestHend an. So sah es im großen Ganzen bei uns aus. Ich habe es erlebe» muffen, wie die Reform ihre Saat der Zwietracht und §es Haffes in unsere friedliche Gemeinde einsenkte. Unser zweiter Vorsteher war es, der mehr als Alle dies Jerobeamswerk unternahm.. Inhaber des bedeutendsten Waarengeschäftes der Stadt, verband er mit seinem Reichthum einen schmutzigen Geiz und eine tyrannische Härte des Gemüthes, wenn überhaupt er ein Gemüth besaß. Denn gemächlich sah er nicht aus, er, der in Frack und weißer Weste, dickgoldener Kette, mit hartem kaltem Gesichte in seinem Privatbureau thronte, unnahbar seinen Angestellten, noch weit ׳ unnahbarer jedem Armen, dem es geglückt, die Schwelle seines Hauses zu überschreiten« Wirklich war, als zehn Jahre spater die sogenannten Armenvereine gegründet wurden, unser Vorsteher der Erste, der sein Haus mit dem Schilde ״Armenverein" gegen die Armen deckte. Hätte er doch nur auch ein solches Schild als Stirnblech auf der Straße tragen können, um ״unmolestirt" durch die Stadt schreiten zu können— ein Hoheprüster der Hartherzigkeit! Er hatte die Meffe besucht und kam nun zurück.. Wie Andere ihrer Familie und ihren Hausgenoffen ein sogenanntes Meßstück, etwas Schönes von der Meffe mitbringen, so brachte er seiner ״lieben Gemeinde" die Reform mit, die Aufklärung. Er hatte den großen Reformator sprechen hören, der die Meßzeit nicht unbenutzt gelaffen, um unter die Menge der Meßfrem« den die Lichtsaat der Aufklärung zu-streuen. Merkwürdig, wie mannigfaltig die Wirkungen dieses Lichtes sich äußerten. Gar Mancher kehrte geblendet zu den Seinigen zurück, Der auf beiden Augen, Jener nur auf Einem, den Einen hatte das Licht/blind für die Pflichten gegen Gott gemacht, den Andern blind fü^-die Anforderungen des socialen Verkehrs; hatte der Prediger die Spcisegesttze einer gründlichen Reform dringend bedürftig erklärt, so waren in den Augen manches Meßbesuchenden die Gesetze der Moral uud jüdischon Sitte als so wenig ״zeitgemäß" und einer Umarbeitung so benöthigt erschienen, daß er mit katzenartig conpruirten Augen nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.