Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-12-25
- Page
- 824 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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824 thcilt: sic war rorau£$ccilt, um bei» tbcurcn Mann an der Psonc der Ewigleit zu empfangen! Heute ')iöd]!!)alle sic inner Sennern um das abwesende Kind in den Annen der Sehwägermneu ibre l).1rt gcprin'le 2cclc 1T1K\]cl]a11cl)t — jett iae\ sie bleich, mir non einem allen Scibc 'bewach!, in dem!rauten Gemache, welch ec׳ vor niäu langer Zei! noch dcr Schauplatz ihres ungetrübten, sonnigen FamilicuglückeS an der Seite non Mann und ftiub gewesen. 20 steigen die Loose, von fröhlichem Sein zur grausigen Vernichtung führend, aus der dunklen Urne des Geschickes'. — Der A׳.!g ivar jetzt an den Gerüsten angclangt, ans welchen Kurt und seine Gesellen standen. Festen 2chrincs bestiegen die Deligueuten, nachdem sic sich gegenseitig umarmt hatten, die Gerüne — auch ans dem Antlitze dcr beiden minder Todcsmuthigen war jede Spur schwachen Wanlclmuthes gewichen, die ver- Närtcstc Begeisterung allein entstrahlte den drci Märtircrangesichteru. Es wurde den Vcrurthcilten bedeutet, daß ihnen vor der Hinrichtung noch ein Wunsch gestattet sei, und Salomon erbat sich, zum Volke sprechen zu dürfen. Er sprach mit fester, klarer Stimme: ״Ich weiß, daß ich unter denen, die' mich hier umstehen, manchen Frcnnd besitze, dem cs schmerzlich ins Herz schneidet, mich an einem Platze zu sehen, wo nur die verächtlichsten Misscthäter zu stehen pflegen. Meine Freunde! Beim Herrn der Hcerschaaren, beim einzig alln'.ächtigen Gölte Israels, vvr dessen erhabenem Throne ich und meine Brüder bald erscheinen werden, schwöre ich Euch, daß wir an dem Verbrechen, welches uns zur Last gelegt wurde, unschuldig sind, wie die himmtischen Engel!" ״Wir wissen es, Niemand zweifelt daran," riesen einige bewegte Stimmen ans dem Volke. Salomon Rohrbach fuhr fort: ״Ich danke Euch, meine Freunde, cs ist unser größter Trost, daß Ihr an unserer Unschuld nicht zweifelt, trotzdem wir selbst nnsere Schuld cingestandcu. Ach, wir mußten uns schuldig bekennen, wenn nicht Hunderte unserer Glaubensgenossen unsäglich elend werden sollten. Um Eines noch will ich ans dcr Tiefe meines Herzens zu Euch flehen, helfet unseren armen Zurückgebliebenen ihr schweres Geschick durch freundliche Thcilnahme tragen. Lebet wohl, Ihr Freunde hicnieden — betet für Misere Seelen. Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig!" In diesen Nus stimmten alle drei zu Richtenden ein. — Stöhnen, Seufzen und Schluchzen erfüllte das Thal, während — die Hcuker ihres Amtes walteten. Horch, was ist das? Ein schriller Schrei, wie man ihn ז01מ Wahnsinnigen zu vernehmen pstcgt, erschütten die Lust, alle Blicke fliegen nach dcr Richtung des Schreies.' Das Weib, welches den Schrei ausgestoßen hat, steht starr wie eine Bildsäule an einen Baum gelehnt und zeigt mit auSgestrecktem Arme gegen das Gebirge, von wo ein Reiter ans fliegendem Rosse einhergcjagt kommt. Der Reiter steht aufrecht in dem Bügel und hält ein weißes Fähnlein hoch in die Lust empor. ״Gnade!" schallt cs in wilder Berzweislung von Mund zu Mund, und dcr Reiter sprengt durch die ihn! scheu ausweichende Menge zu den Todtengerütten hin, m das Pferd zusannnenstürzt.. * * Johann stand auf seinem Posten nahe am Ge-!ander, welches das Plateau deS WachtthnrmeS umzäunte. Schwarz wie die Nacht um ihn war sein Geninlh und zerrissen wie das Gewölk hoch oben seine Seele. Vier Mal war die Sonne schon auf- und nntergegangcn, ohne daß Katinka zurückgekehrt, oder auch nur eine Spur von ihr entdeckt worden wäre. Johann hatte bereits jede Hoffnung anfgegehen, sie wicderzusinden. Dcr Orkan brauste um seine Gestalt und zerrte ungestüm au ihn!, als wenn er ihn in die schwindlige Tiefe herabzerren wollte. Johann lehnte am Geländer und blickte hinunter in den finstern Abgrund, dcr gähnend seinen Rachen vor ihm aufsperrte. Und der Wind führte ihm allerhand wunderlichc 'Reden in.die Ohren. Bald pries cr ihm mit sausten, flüsternden Worten das Glück, dort unten zwischen NebelquaLm und Schatten zu verschwinden und sich in Nichts aufzulösen, dann wieder grollte er in kurz hervorgestoßcncn Schcltwortcn gegen seine feige Zaghaftigkeit, und endlich brach er in ein gellendes Gelächter aus und pfiff höhnisch, daß dem unerschrockenen Krieger die Schamröthc in die Wangen stieg. Und er beugte sich tiefer vor und spähte mit eigenthümlich glänzenden Augen hinunter, und dcr. Wind schmeichelte immerfort und grollte und pfiff und stürzte sich hinuulcr mitten unter die Nebelmassen, welche sich wild ineinanderschobcn, als wollte er ihm den Weg zeigen, j Sein ganzer Oberkörper schwebt schon über der grausigen j Untiefe, noch eine Linie weiter und das Ucbcrgewicht! reißt ihn hinunter — doch er richtet sich plötzlich, mit! keuchender Brust straff in die Höhe. Er sollte aus j dcr Welt gehen, damit der Frevler ungestört die j Früchte seiner Schandthat genießen könne? Ha, ha, ha, l — das wäre gar nicht übel! Er schlägt sich auf die i Stirne, daß sie davon schier in Stücke geht, und i schimpft auf sich selbst, daß er auch nur einen Augenblick; an eine solche Tölpelhaftigkeit hat denken können. Und! jetzt fängt er erst an einznsehen, warüni ' dcr Wind | eigentlich gegrollt, geschimpft und gelacht hat! Er! reißt die Lucke auf und will hinunter, doch er bleibt! stehen, denn auS der Trcppeuhöhlnng taucht ihm der! Kopf seiner Mutter entgegen. (Fortsetzung folgt.)