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Jeschurun · 1884-12-25 · Heft 52 (25.12.1884) · p. 823

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 52 (25.12.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-12-25
Page
823 (sequence 2)
Language
German
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eine Kraft und Schnelligkeit, die an's Unbegreifliche grenzte.-— * * * Auf der Burg schlug es zwölf Uhr und den Bauern wars, als ob die dröncndcn Glockcnschläge heute dumpfer wären als sonst. Wie ein Verhängniß lag eS über die ganze Gegend, die Gemüthcr furchtbar erregend und sic mit der {׳aft geahnter Schrecken niederbeugend. Ueberall im Orte schlichen die Bewohner mit hohlen, bleichen Gesichtern umher. Die Bauern zitterten vor dem Feuer und Schwefclrcgcn, die Juden trauerten um die Zierden der Gemeinde. Die Aktive des Gestandnisses der heroischen Brüder waren längst kein Gchcimniß mehr, jederwußte, daß sic als Opfer für die Gesammthcit sielen. Im großen GcrichtSsaale der Burg harrten sänuntliche Richter, mit dem Fiskal und Pfarrer an der Spitze, auf ein Zeichen des Burgherrn. Auch Georg von Ormay befand sich im Banne dcö allgemein herrschenden Verhängnisses, auch er war erregt und ungewöhnlich bleich. Der letzte der zwölf Glockcnschlägc war schon verklungen und immer noch zögerte er, die erwartete Erlaubnis zum Beginne der Unheils- Vollstreckung an den drei Juden zu crtheilcn. War es nicht möglich, daß das Räderwerk der Uhr heute schneller ging als sonst und Mittag zu früh verkündete? Erst nach Verlauf einer weiteren halben Stunde ertheilte er endlich auf das Drängen des ungeduldigen Pfarrers das Zeichen, und der Zug zum Nichlplatzc fetzte sich in Bewegung. Voran schritt der Pfarrer in geistlichem Ornat, ein Kreuz tragend, neben ihm gingen einige Chorknaben, dampfende Weihrauchfässcr schwenkend. Dann kamen die drei Vcrurtheilten in schweren Ketten, von einigen Gcfängnißwächtcrn umgeben, ihnen folgte der Fiskal mit den! versammelten Gerichtskollegium, und den Zug beschloß eine starke Abtheilung Hcllebardistcn zu Fuß und zu Pferd. Im Thalc drunten, von der Zugbrücke bis zu den drei Richtsätzen, stand eine unzählbare Menge, Kopf an Kopf gedrängt. Unter den Ersten, welche hart neben der Zugbrücke standen, befanden sich auch zwei uralte Greise: der alte Rcb Chajim und Marko. Als die Vcrurtheilten zu dieser Stelle gelangten, ergriff Ncb Chajin! die Hand Salomon Rohrbachs und sagte schluchzend: ״Warum habt Ihr nur das gethan! Wir wären lieber Alle betteln gegangen, wenn Ihr nur am Leben geblieben wäret, — ach, das Leben ist ein kostbares Gut!" Der Manu, welcher in wenigen Minuten nicht mehr unter den Lebenden sein sollte, konnte lächeln, als er durch die letzten Worte des Greises an dessen komische Furcht vor dem Tode erinnert wurde — so ruhig und kampflos war sein Gemüth! Ein milder, lächelnder Friede lag auf dem durchgeistigten Antlitze Salomon Rohrbachs, der Tod hatte nichts Schreckliches 823 _ mehr für ihn. Durch die Macht -er ausgestandcncn Leiden war ihm der Tod immer in milderem Lichte erschienen, als man ihn gewöhnlich anznsehen pflegt, und das Bewußtsein des edlen NettungswcrlcS, welches er durch den Tod besiegelte, verwischte für ihn von demselben den letzten düstcru Schattenanflug. Nicht ganz so ruhig und friedlich war's im Antlitze seiner zwei Brüder. Keine so lange und jchmcrzvolle Prüfung hatte sie auf den Tod vorbereitet und vom Leben los« getrennt; durch manche Faser standen sie noch mit demselben in Verbindung. Salomon Rohrbach reichte dem Greise die Hand und sagte bewegt: ״Lebet wohl, Reb Chajim, und betet oft für meine Seele." Der alte Manu uwlltc noch etwas sprechen, aber die Thräneu erstickten feine Stimme. Jetzt ries der alte Marko: ״Ihr könnt beruhigt in den Tod gehen, biedere Männer, wir sind Alle überzeugt, daß Ihr unschuldig seid, und Eure Mörder wird Gott strafen!" Der Pfarrer hatte sich -heftig umgewcndet und schleuderte den! alten Manne haßerfüllte Blicke zu, woran sich dieser aber wenig kümmerte. ״Wenn solche Dinge geschehen können", sagte Marko in seiner ehrlichen, offenen Weise, ״dann mag schon Alles drum und drauf gehen." Auch im Volke wurden murrende, unzufriedene Stimmen laut, doch vor dein sich nach vorwärts bewegcndeu Wald non funkelnden Hellebarden erstarb das Wort in jeder Kehle. Der Zug bewegte sich durch die dichte Menschenmenge nur langsam vorwärts, und die Muße benutzten die drei Verurthcilten, um ihre Blicke unablässig durch die Volksmenge irren zu lassen. Die zwei Brüder Salomons hatten gefunden, was sie gesucht, dort standen die Weiber mit gerungenen Händen, thränenden Augen und die Lust 'mit ihrem Jammer und Wehrusen erfüllend. Die Gatten nahmen innigen, traurigen Blickes von ihnen Abschied und wendeten dann die thräncnnmflorten Angen zum Himmel empor. Aber die verzweifelnden Frauen hatten kaum die GemüthSruhe, um den Trost, der in diesem nach oben gerichteten Blicke lag, empfinden zu können. TalomonS Augen suchten vergebens in fieberhafter Ruhelosigkeit unter den Anwesenden die Seinigen zu erspähen. Weder die treue Gefährtin seines Lebens, noch das holde, einzige Kind waren gekommen, um ihn mit einem letzten Blick aus treuem Auge ins Jenseits zu geleiten. O, wie sehnte er sich nach einem solchen Blick! Er senkte schmerzvoll den Kopf auf die Brust herab und nahm in Gedanken Abschied von denen, die zu sehen ihm nicht gegönnt war. Warum sie nur nicht gekommen sein mögen? Warum? Die heiß geliebte Tochter war ja ferne und ahnungslos bemüht, ihm die Kerker- Lhüren zu öfsncn, und die Gattin — hatte als biederes Eheweib das vorher geahnte Schicksal des Gatten ge-

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