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Jeschurun · 1884-12-25 · Heft 52 (25.12.1884) · p. 818

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 52 (25.12.1884)
Article
Was haben wir zu fürchten?
Date
1884-12-25
Page
818 (sequence 2)
Language
German
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818 11nflcl)0rjam werden, die Treue brechen, Vcrrath üben und Gottes und seines Gesetzes spotten. Und so drängte sich die Frage auf, was können wir thun, um den Gefahren, welche uns demnach aus dem Haß und der Verachtung unserer uns seindlichen Umgebung und dem Leichtsinn und Abfall unserer eigensten Kreise drohen, wirksam abwchrcnd entgegenzulrcten? Der Gefahr gegenüber, die aus dein wüsten Haß aus uns cindringt, nichts: wir sind ohnmächtig und wehrlos und haben der Uebermacht eines übermüthigeu Feindes nichts cutgegcuzusiellcu, als die Forderiing des NechtS lind die Bitte um Liebe, und müssen in ruhiger Ergebung harren, ob das RcchlSbewußtscin und das sanfte Gefühl in der Mcnschcnbrusl bereits so lebendig geworden, daß dieser Forderung und Bitte (su’l)ör geschenkt werden wird. Wir sind schütz- und machtlos in die Bahn gestellt, welche die Geschichte der Völker zieht, nicht Burg und Wall umgeben unS. Unser Zarin ist längst cingerisseu, unsere Mauern liegen längst in Trümmern ואריה בל עברי דרך ..wer des 'Weges geht, rupft an uns", jeder lose Gassenbube, jeder rohe Pöbclhaufc, jeder hochmnthige Große kann an dem Juden sein Mülhchcn kühlen, kann ihn beschimpfen, treten, zerzausen, schlagen, morden; und er thut es, so ihn die Laune auwandelt, so in seiner Brris! nicht Recht und Liebe eine Stätte gefunden. Wir haben dem Haß und der Verachtung unserer feindlieh gesinnten Brüder gegenüber nur die Zuversicht auf den ״ ,רעה ישראלden Hirten Israels״, der seine Heerde in treuer, liebender Sorge schützt und führt, die sie geschützt und geleitet hat bis zu dieser Stunde. Ihm haben wir zu vertrauen und .Seines Beistandes zu harren, und wenn seine Weisheit cs zulüßt, daß ״der Eber aus dem Walde" hervorbricht, und ״was auf den Feldern sich regt" uns zur Beute sich erkiest, so haben wir in diesen furchtbaren Angriffen die erziehende Wallung unseres Gottes zu erkennen und seinem Willen uns zu beugen, der daraus gerichtet ist, uns in den Pfad des Rechts und der Wahrheit zu lenken, wenn wir abgewichcu sind von dem unS gewiesenen Wege, tveuu wir gegen den Ruf unseres Hirten taub geworden. Und mit dieser Zuversicht haben wir die Rückkehr zu Gott in Wahrheit zu vollziehen. Jeder Einzelne von uns sollte stets der Mahnung eingedenk sein ולא יראה בך ערוה דבר, welche gerade im Hinblick auf die Feinde ausgesprochen ist, die Israel zu vernichten suchen. והיה בזהניך קדוש. Unser Lager sei heilig, keine Blöße biete dasselbe einer gerechten Beurthcilung da. Gott schaue lein Unrecht, nichts UnhciligcS darin — das ist die einzige Bedingung seines allmächtigen Schutzes. Wohl können wir Juden überall den Anschuldigungen und Verunglimpfungen unserer Feinde die Stirn bieten und den gehässigen Behauptungen von der sittliche:: Inferiorität eine jegliche Berechtigung abstreiten. Es giebt keine größere Lüge, als die angebliche größere sittliche Vollkommenheit der Arier und Christen im Vergleich mit den von Jakob abstammmden Semiten und den Bckennern des Indcnthums. Wir dürfen uns kühn neben jeglicheu Stamm und jedes RcligionSbekcnntniß stellen und haben uns nicht zu schämen. Das Edle, Wahre, Göttliche des McnscheuwesenS ist in der jüdischen Nasse und unter dem Einflüsse des IndenthumS zu einer Entfaltung gelaugt, die von keiner andern Rasse und keinem andern Bekenntnisse übertrosfen wird. Die Mängel, die uns anhaften, sind nicht zahlreicher und gewichtiger als die Fehler, von welchen itnsere Feinde behaftet sind. Unsere Feinde haben in keiner Weise Veranlassung, sich uns gegenüber einer größeren Tugend zu rühmen und uns zu verachten, und unser Judenthum ist wahrlich keine trübere Quelle des Heils und der Moral lehre, als die Religion unserer Neider und Hasser. Niemand hat das Recht, von seinem Ncbcnmenschen eine größere sittliche Vollkommenheit zu heischen, als er selbst erreicht hat. Dennoch aber dürfen und sollen wir uns gerade in Zeiten der Verfolgung und Anfeindung angespornt fühlen, nach höherer Vollkommenheit zu streben, weil dieses nicht nur die stete Pflicht eines jeden Menschen ist, sondern weil wir Inden ganz besonders die Aufgäbe unseres Lebens darin erblicken sollen, den Brüdern voranzuteuchten in allein Guten und Edlen, und wir unfern Feinden auch jeden Anlaß zu einem Vorwurf, sei er in ihren! Munde auch noch so unberechtigt, träfe er sie auch in weit höherem Maße, benehmen sollen. Möge ein jeder Jude in der unfreundlichen Gestaltung unseres äußeren Geschicks die Mahnung und Warnung Gottes erblicken, sich fern zu halten von jedem Fehl in Handel und Wandel, in That und Gesinnung auf jeglichem Gebiete. Dann muß die Anklage der Bosheit verstummen, daun verwandelt sich die Verachtung in Anerkennung, die Feindschaft in Liebe, und alle die auf Israel blicken, werden zu dem Bekenntnisse genöthigt, daß cs die Gottessaat sei, zum Segen der Menschheit e'mgcstrent in die Furchen der Geschichte. Was aber von Seiten der Bekenner des ״orthoboxen" Inden!hnms zu geschehen habe gegen den Abfall und die Untreue im Kreise der Gemeinden, was jeder Jude zu vollbringen habe, um sich und die Seinen vor der Verlockung znm Abfall zu schützen, das darznlegen ist ja der wesentlichste Zweck, welchem diese Zeitschris! sich geweiht; cs ist in der Devise enthalten, die sic an der Stirn trägt: Förderung jüdischen Geistes und Lebens in Haus, Gemeinde und Schule. Unseren geehrten Interpellanten aber wiederholen wir: das Jndcuthum hat weder von den Angriffen äußerer Feinde, noch von dem Abfall seiner eigenen

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