Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1884)
- Article
- Betrachtungen über den Religions-Unterricht
- Date
- 1884-12-18
- Page
- 805 (sequence 2)
- Language
- German
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805 Ougcnb für bcti erhabenen Inhalt des IudcnthumS empfänglich zu machen und dadurch in ihrem Herzen die heilige Flamme der Begeisterung für die nimmer zu brechende Treue eines Opfer heischenden Gehorsams zu entzünden, nur dann di'ufen wir mw sagen, das einzige Ziel des Nctigionslutterrichts, die Jugend für die gewissenhafte Befolgung des ganzen jüdischen Netigionsgcsetzcs für das ganze Lebcn zu gewinnen, erreicht zu haben, lins Lehrern ist eilte schwere, verantwonungsvolle Aufgabe gestellt, schwerer und verantwortungsvoller, als in den Tagen der Vorzeit. Uns werden die Kinder entweder müde und abgespannt von den Anstrengungen der allgemeinen Schnlanfordcrungen oder nur für einige wenige wöchentliche Stunden anvertrant׳ wir erscheinen ihnen vielfach als lästige Störer ihrer berechtigten Er׳ holuug und Freuden, als Lehrer zweiten oder dritten Ranges, welche nach dem Gesangs- und Turnlehrer, ja nach dem Instruktor für den häuslichen Musilunterricht folgen, und in diesen wenigen Stunden und in dieser herabgcdrnelten Stellung sollen wir unseres schweren Amtes walten. Müßten wir nicht an jeden Erfolg verzweifeln, inüßtcn »vir nicht die Lust und Liede selbst verlieren? Wahrlich, man verdamme den Lehrer nicht, welcher in stummer Resignation sein trauriges Geschick trägt und mit der Zeit verdrossen und gleichgültig wird; — man versehe sich in seine Lage und wird milder über ihn urthcilcn. Ich bin im Dienste des Religionsunterrichts alt und grau geworden und — Gott weiß es — ich habe cs redlich und ernst mit meiner Pflicht gemeint. xUnd) jn meinem Leben gab es Augenblicke, wo ich muthlos, verzagt und gleichgültig zu werden begann und nur der Gedanke! thuc du deine Pflicht, habe das zu erreichende Ziel nnvcrrückt im Auge,. l1״^ überlasse daS Gelingen demjenigen, der der אל אלקי הרוחות לכי^בשר ist, daß Er den Geist deiner Schüler für das Wort der Unterweisung und Erkenntnis; empfänglich mache, — vielleicht gelingt cs dir, einen Einzigen für die Wahrheit dauernd zu gewinnen-hielt in ich aufrecht und führte mich zu meiner Pflicht zurück. Ich habe unter den verschiedensten Verhältnissen als ReligionSlehrer amtirt und — cs möge mir solches nicht als Anmaßung ansgckegt werden — bin vielfach meinen eigenen Weg gegangen. Ob er der rechte war. das unterstelle ich hiermit gern der Bcnrtheilnng weiserer und einsichtsvollerer Genossen. Ich habe in jedem einzelnen Falle mich nach den gegebenen Umstünden gerichtet für das zu lehrende Pensum, das war der Grundsatz, von welchem ich niich leiten ließ: und das vorhin genannte praktische Ziel erschien mir als der Strebcpunkt für mein Wirken. Ich habe deshalb bei der Entwcrfnng eines Lehrplans mir stets die Frage vorgelegt, was hast du anS dem unerschöpflichen Schatze jüdischer Religionswissenschaft unter den vorliegenden Verhältnissen ausznwählcn als das deinem Ziele am meisten entsprechende? Denn das bedarf ja keiner näheren Erörterung, daß wir RcligionSlchrer unseren Schülern überhaupt nur einiges Wenige nlitzutheilen vermögen, müssen wir ׳.ms doch glücklich schätzen und es als ein imerreichbarcs Ideal betrachten, daß . man nits die Schüler sieben Jahre lang für einen Unterricht von durchschnittlich fünf wöchentlichen Stunden zust'ndct. Ich glaube nicht, daß viele Kollegen zu diesen auserlesen Glücklichen zählen. Demgemäß habe ich mich auch in denjenigen Fällen, wo ich micl> zu diesen rechnen konnte, sehr beschränken nlüsscn. Sobald die erste Schwierigkeit des hebräischen Leseunterrichts überwunden lvar, schritt ich zu Ucbcrsctzungsübungen ans der Tcsilla, dem שמע, den ירכיה n. s. w., und diese benutzte ich, um das Gcmüth meiner Schüler für die Befolgung der göttlichen Gebote zu erwärmen, indem ich ihnen dieselben nicht nur zu lehren, sondern so viel ich es vermochte auch zu deuten trachtete. Hierbei aber sachte ich cs sorgfältig zu vermeiden, irgend eine Erklärung zu geben, weiche ich selbst nicht für die richtige hielt,, ein Fehler, der häufiger vielleicht als man glaubt begangen wird. Man redet sich nünllich, wie mir scheint, nur allzuoft in eine viel zu geringe Schätzung der kindlichen Fassungskraft hinein, and um seinen Unterricht aus diesem Gebiete derselben anzupasscn, wird man stach, trivial und unwahr. Je länger ich unterrichtet habe, desto mehr bin ich zu der Erkenntnis; gelangt, daß man dem Kinde sowohl bei dem Tefilla- und Ehnmcsch-Untcrricht, wie bei der biblischen Gcschichte ein wahres Verständnis für den Inhalt und die Bedeutung der Gebote und der Geschichte anregcn und ans ein vcrständnißvolles Entgegenkommen bei ihm rechnen könne. Oer Lehrer vertiefe sich nur selbst in seinen Gegenstand, denke reiflich über denselben nach und hüte sich vor Allem vor der Ansicht, er habe sich nicht mehr auf den Unterricht vorzuberciten, da er ja doch jahraus jahrein dasselbe unterrichte. Das ״im Lehren lernen wir" ist für den denkenden Lehrer eine große Wahrheit, aber nur für den denkenden und sich thnnlichst auf jede Unterrichtsstunde gewissenhaft vorbereitenden Lehrer. Bei der knapp zugemessenen Unterrichtszeit vcr> zichtctc ich auch in dem Uebcrsetzungsnnterrichte auf eine gründliche grammatische Kenntniß und begnügte mich damit, daß nach lind nach die Schüler die Wurzel eines jeden Wortes zu erkennen im Stande waren und die BeugungSforinen inne hatten. Dagegen war mein Streben unablässig daraus gerichtet, ihnen ein Verständniß der heiligen Schrift und vor Allem der Ge- und Verbote zu gewähren. Der ״Ehanrew", dieses wahrhaft klassische Werk, war hierbei mein Leiter. Es