Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1884-12-18 · Heft 51 (18.12.1884) · p. 803

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 51 (18.12.1884)
Article
Chanukah
Date
1884-12-18
Page
803 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2932754-2933049-2933099-2968603--17435-2968643
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

808 in diesem lauge verschont gebliebenen Winke! die Blüthc | tiefer Gemüt!)sinnigkcit mit ihren realistischen Reiter-! stiefeln zu zertreten. Welche Wonne erfüllte! nicht unsere kleinen Herzen, als endlich der sehnsuchtsvoll erwartete 25. K iS lew erschien, an dessen Abend das erste ״Licht" angezündet werden sollte. Der Tag mochte noch so kalt und mürrisch sein, nnS schien er als Eröffnet׳ des Reigens der achttägigen, oder besser gesagt achtabendlichen Herrlichkeit, mit dem Vichlnimbns des heitersten Maimorgens wetteifern zu können. Aber der gute Herr Lehrer hatte seine Noth mit uns an diesem Tage. Der amte Mann hätte das Gallensieber bekommen können, wenn er cs nicht schon gehabt hätte. Ein Chor der verschieden- und fremdartigsten Laute schwirrte und summte unablässig durch die Schulzimmcratmosphäre und diejenigen unter uns, die sonst tanbenfromm und zahm von Gemüthe waren, die waren heute verstockt wie die Widder. Du lieber Herrgott, wie denn auch nicht! •— Eine nervöse Ansrcgung prickelte in allen Gcmüthcrn, cs galt zn zeigen, ob man würdig auf den Empfang des lieben Gastes gerüstet sei. Wir klapperten in den Taschen mit unserem Borrath von Nüssen, welche bei den Ehanukahspielen die Stelle der Scheidemünzen vertraten, und wer mit den Verhältnissen nicht genauer bekannt war, hätte meinen müssen, die Schule sei voll mit Klapperschlangen. Das Hauptgewicht siel aber aus die 1111־ crläßlichen ״Trcndcrl", welche bei nnS das waren, was bei den Erwachsenen die Geschmeide anS Perlen und Edelsteinen sind: Gradmesser der Wohlhabenheit und vielumworbcne, neidcrweckcnde Zierden des irdischen Lebens. Und wie in der AnSthcilnng der GlückSgüler an die großen Kinder der Erde, so gab es auch hier eine lange Skala der mannigfachen Abstufungen, von dem plump geschnitzten, ärmlichen Holztrenderl, dem vornehmcru aus Blei, dem eleganten mit Flügeln, bis zu dem vollkommensten und prachtvollsten, was in diesem Fache gedacht werden kann, bis znm — Latemtrenderl! — Dazumal Hütte ich freilich nicht gedacht, daß man leben könne ohne das Wesen des ״Trenderl" mit allen seinen Abarten genau zn kennen, daß es Menschen — Menschen giebt, die es nicht als einen Angriff aus ihre Zivilisation betrachten, wenn man mit dem leisesten Zweifel an ihre innige Vertrautheit mit der Trenderleinrichtnng herantritt. Heute sind jedoch meine Ansichten über diesen Punkt andere geworden, so zwar, daß ich cs nicht mehr für überflüssig halte, den technischen Benennungen der angeführten vier.Hauptarien einige erklärende Sätze folgen zn lassen. Das ״Trendelchen" besteht bekanntlich in seiner primitivsten Form aus einem sechsseitigen, rechteckigen Würfel, in der Mitte der einen Seite mit einem langen Zäpfchen als Handhabe und mit einem ebensolchen, nur kleinern, in der Mitte der entgegengesetzten Seite. Bei der zweiten Art ist der Würfel durch vier rechtwinklig aufeinander stehende Flügel ersetzt, auf deren inneren Flächen die üblichen Buchstaben angebracht waren. Was die dritte und vollkommenste Art der Trendelchen betrifft, so unterschied sic sich von der zweiten nur insofern, daß die Flügel an ihren oben! und untern Ecken durch dünne Stäbchen miteinander verbunden und demnach sehr täuschend einer verjüngten Laterne ähnlich waren,?uh gestehe es jedoch selbst, daß diese Einthcilnng und Desinition für unsere Tage, da eine raffiiürtcre Industrie auch von diesem Gebiete des Schaffens die schlichte Handnrbeit verdrängt hat, kaum mehr ausreichend sein dürste. Wir klapperten also wacker darauf los und probirteu im Innern der Schulbänke unsere Treudclchcu, was ein Geschnurrt und Gesumme hervorbrachte, wie in einer altdeutschen Spinnstnbe, wenn alle sittigen Weibchen der Barg sich zur Arbeit znsammenfaiidcn. Als der Tag sich zn Ende neigte, hielt uns der Herr Lehrer znm lkebcrsluß noch einen schönen Bortrag über Bedeutung der Ehanukahgeschichtc, von welchem er selbst die aber in dem heillosen Geschwärm wahrscheinlich ebenso wenig zn Gehör bekam wie wir. Und heisa! gings hinaus aus den: dunklen Schnlzimmer, in die Arme der lieben, vergnügungsreichen Nacht. Auf der Gasse steckten wir noch cimnal die Köpfe mit den rolhen Nasen znsamurcn, um nach reiflicher Ucbcrlegnng zn beschließen, wo wir uns das erste Mal znsammensinden wollten, denn cS sollte der Reihe nach gehen, jeden Abend bei einem Andern. Dieses Mal entschied die Stimmenmehrheit für meine Wenigkeit, und nach einigen diplomatischen Pourparlers ließ sich auch die minderzähligc Opposition bewegen, dem Majoritätsbeschluß bcizutretcn, worauf dieser zur einstimmigen Resolution erhoben wurde. Unheimlich finster blickte die Nacht, deren Schwärze die Schnecmassen draußen nicht anfznheitern vermochte, znm Fenster herein, vor welchent in weihevoller Erwartung die ganze Familie grnppirt stand. Jetzt erklangen mit Heller, freudig erregter Stimme die üblichen Lobsprüche und der Vater zündete das Lichtlein an. Dann sangcit wir im Chor daS schöne Lied: O Hort, du Felsen nieincs Heiles, Dir ziemt der Lobgesänge Ruhm, O, richte auf, aus daß wir wieder Danlopscr weihn, dein Hciligthnm. Als bei uns die letzten Strophen des Gesanges verklungen waren, latischte ich aus. Wie ein geisterhasteö Echo tönte dieselbe süße Melodie in gcdämpstcnt Chor von der Gasse herein. Es war der Nachbar. Jetzt näherte sich ein Helles mehrfaches Klingeln dem Hanse, welches gerade vor dem Thorc mit einigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.