Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1884-12-04 · Heft 49 (4.12.1884) · p. 776

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 49 (4.12.1884)
Article
Nachtgestirne
Date
1884-12-04
Page
776 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933049-2933097-2968448--17333-2968489
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

_ Ti regung zitternd, Heiße Thränen der Dankbarkeit rannen über ihre Wangen herab. ״Das Bewußtsein, ein edles Werk gefördert und meinen Barer vor einem dreifachen Morde bewahrt zn haben." verfemte Engen, ״wird mein schönster Dank sein. Nehmt also ohne Bcrzug einen Wagen mit schnellen Pferden, damit auch Ihr noch morgen in Prcßbnrg anlanget, und übermorgen, so Gott will, werdet Ihr vor den Stufen des Throneerscheinen können, nm Gnade zn erflehen, und, wie ich hossc, zu erhalten." Er schwang sich in den Sattel, Mara und Veal) küßten mit anbetungsvollen Mienen den Saum seines Dolman. ״Noch ein Wort, Herr Graf, sprach jetzt Gabriel hcrvortrctend, ״die Feinde der Gesangencn, die sich gegen sie verschworen haben und ihren Untergang herbeiführen wollen, werden gewiß bestrebt sein, die Unheils- Vollstreckung zu beschleunigen, und es kann sich treffen, daß die königliche Begnadigung, die wir mit Eurem gnädigen Beistand erwirken werden, nur noch den Leichnamen der Gerichteten zn Gute konimen dürste. Wollt Ihr nicht Euer Angenmerk auf diese Möglichkeit richten und solche zu verhindern trachten?" ״Ja wohl," versetzte Eugen, ״ich werde diese Möglichlcit unmöglich machen. Seid beruhigt und vertraut ans Gott!" — Blaß tauchte der erste Schimmer des anbrcchcnden Tages im dichten Gewölk ans, stumm lagen noch alle Häuser in der grauen Dunkelheit. Im Städtchen war's nächtlich still, kein Laut war vernehmbar, cs wäre denn das heisere Krähen eines verspäteten Hahnes. Da ertönte plötzlich das Knallen einer Peitsche und ein schwerer Baucrnwagen jagte mit rasender Schnelligkeit und donnerndem Getöse durch die Gassen, zum Flecken hinaus. Im Wagen saßen außer dem kntschirenden Bauer Gabriel und Leah. Sie war mächtig erregt — sie hatte noch nie die Gemarkung ihres friedsamcn Geburtsortes verlassen, und jetzt sollte sic in eine große prächtige Stadt, in den mit aller irdischen Herrlichkeit ansgcstatteten Pallas! des Königs, und in welchem Anliegen! — Wahrlich mir jener mächtigen Liebe, deren das Herz Lcah's fähig war, konnte cs -gelingen, dem schüchternen Dorskindc die zum Entschluß der Reise nöthige Energie eiuzuflößcn. Zu den übrigen Kümmcrnisscn kam noch, daß die Mutier, obwohl ans den gcnommenen Thec sich etwas besser fühlend, noch immer das Krankenbett hütete. Sic blickte zurück, so lange sie das theure Elternhaus sehen konnte, und als ihr dasselbe längst entschwunden war und der Wagen draußen ans der gebahnten Landstraße dahinrollte, hatte sic noch immer den Kopf nmgcwendct, bis auch das freundliche Kirchthürmlein ihr in der Dunkelheit unsichtbar wurde. Dann erst wendete sie sich ab, und Thränen liefen 6 langsam über ihre von den schmerzlichen Erlebnissen der' letzten Zeit gebleichten Wangen. Die ganze ungeahnte Bitterkeit des Scheidens übcrkam sie in diesem Momente ׳— trübe vor sich nicderblickend, lehnte sic den Kops an die Schult er Gabriels und überließ sich den Gedanken einer verdüsterten Gcmüthsstimmung. Weder bas Schütteln des Wagens noch die Mannigfaltigkett der stetig abwechselnden und sich in den Lichtern des Morgens aufhellenden Landschaft vermochten sie ans ihrer Versunkenheit zn wecken. Einige Stunden später trat Eugen in daS Gemach seines Vaters, um sich zu verabschieden. Er war in ׳ Galatracht und bot einen königlichen Anblick. Ein Kalpag mit stolzen Reihcrsedcrn saß ihm ans dem wallenden Lockenhaar. Die Mente, die über seinen männlich breiten Schultern hing, war mit feinem Hermelin verbrämt und mit leuchtenden Schnüren und Knöpfen ans echtem Gold besetzt. Goldbesetzt war auch die Scheide seines krummen Säbels, und ganz aus echtem Gold geschmiedet waren die klingenden Sporen. Ein viereckiges Täschchen ans pnrpurrothem Sammet, welches ihm an der Hüfte herabhing, blitzte von Gold und Edelsteinen. Das abgelebte Gesicht des alten Wüstlings durchzuckle etwas wie eine ihn überkommende Rührung, als er die ritterliche Gestalt des Sohnes erblickte. ״Die.Kameraden am Landtage oben werden mir Dank wissen," sagte er, ״daß ich ihnen den morschen Allen mit einem schmucken jungen Blute vertauscht habe. Du kommst zuni Abschiede, mein Sohn?" ״Jawohl, mein Vater, ich komme, um mich zu verabschieden, und von Dir wird es abhäugcn, ob es nur für die Dauer der Landtagssession sein soll oder für immer." Der Graf zog finster die Brauen zusammen. ״Wie soll ich das verstehen?" ״Ganz einfach. Entweder ich kehre nach Schluß des Landtages zurück, oder ich schließe mich dem edlen Helden Palfy an und ziehe mit ihm in den Kampf gegen die Ungläubigen, wo ich wahrscheinlich den Tod des Helden sterben werde." Das Augesicht des Grafen wurde noch finsterer und er sagte grollend: ״Ich habe mich geirrt in Dich, Dein Aussehen machte auf mich den Eindruck eines Mannes, ich sehe aber, daß Du noch ein unreifer, leichtsinniger Knabe bist. Du weißt nicht den Ernst und die Lcrpslichttingen Deines Standes zu würdigen, Du flunkerst in eitler Prahlsucht mit dem Entschluß, Dein Leben in die Schanze zu schlagen, wie etwa ein Bube stotzirend neben einem Abgründe auf- und abgeht und die Bedeutung seines halsbrecherischen Spieles nicht cinsieht. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.