Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1884)
- Article
- Eduard von Hartmann über die Judenfrage
- Date
- 1884-12-04
- Page
- 771 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933097-2968445--17323-2968484- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-1>- Eduard von Hortmann über die Jndenfragt. Demnächst wird im Berlage der Königlichen Hos- Buchhandlung non Wilhelm Friedrich in Leipzig unter dem Titel: ״Dao Iudcnthum in Gegenwart und Zu׳- knnst, sozialpolitische Abhandlungen von Eduard von Hartmann" eine neue Schrift des Philosophen des Unbewußten erscheinen. Wir geben im Folgenden einige Auszüge ans den! Aushängebogen des in Bälde erscheinenden Wertes, wie dieselben im ״Hamb. Korresp." veröffentlicht sind, und behalten uns eine eingehende Besprechung des Wertes bis znm Erscheinen desselben vor. ,,Die Inden," schreibt E. v. Hartmann, ״müssen Geduld haben mit demjenigen, was ihnen an ihrer Stellung im heutigen Leben noch nicht gefallt, und einsehen lernen, daß die noch bestehenden Neste der früheren Zurücksetzung ein Produkt nicht des bösen Willens, sondern geschichtlicher Verhältnisse sind, und daß cS nicht in ihrem Interesse liegt, diese Neste schneller bcscitigt zu sehen, als daß der innere Umschwung im Jndenthnme gleichen Schritt damit hält. Die Nichtjudcn müssen Geduld haben mit der konservativen Laugsamkeit, mit welcher die Inden sich in die neuen Verhültnissc finden lernen. Die Inden müssen die Ab- Neigung dcS Boltes gegen sic bis zu einem gewissen Grade als berechtigt anerkennen, und energisch Hand aulcgcn, um diese Beschwerden zu entkräften, also sich bemühen, erstens die schlechten erworbenen Eigenschaften ihres StanuneStypus abznschleifen und denselben zu reslituircn und zu verebten, zweitens die scheidenden Unterschiede ihrer religiösen Sitte und die verletzende Ucbcrhebnng ihres StammeöbcwußtscinS abznlcgen, drittens ihren Gemcinsinn ganz in dem Nationalgcfühl der WirthSvölker aufgchen zu lassen, viertens sich den von den WirthSvölkern bereits erreichten Grad gesellschastlicher Bildung anzueignen, fünftens für die frühere Art ihres Kapitalerwerbcs Indemnität zu erlangen durch Lcrineidung jedes Mißbrauchs der Kapitalmacht im jüdischen Sonderinteresse und durch Aufgcben aller ansbeutenden Thäligkeil, sechstens sich unter die Gesummtbevölkcrung sowohl räumlich rvie in Bezug auf alle BcrnfSartcn, insbesondere solche der produktiven Arbeit, zu vertheilen, siebentens sich der politischen Thäligkeil entweder ganz enthalten oder aber sich aus die bestehenden Fraktionen zn vcrthcilcn. — Die Nichtjndcn müssen dagegen von jeder Maßregel der Gesetzgebung wie der Selbsthülfe Abstand nehmen, die sich als eine Ansnahmemaßrcgel gegen die bereits staatsaugehörigen Juden karaktcrisiren würde, müssen in ihrer Abwehr > sich lediglich gegen Thätigkeitcn richten, die, ganz abge- , sehen von den sic ausübenden Personen, als gemein-! schädlich zu bekämpfen sind, müssen den nach Bildung! und Nationalisirung strebenden Inden brüderlich die i Hand reichen, durch solches Entgegenkommen das Indenthunt in seinem ErziehnngS׳ und UmwaudlnngSprozcß liebreich unterstützen und mit den trotz guten Willens verbleibenden ׳Resten und Schlacken freundliche Nachsicht üben. Wenn diese Regeln befolgt werden, wenn jeder Theil im Vereine mit dem anderen zunächst an seiner eigenen SclbslvcrvvHkommnung arbeitet unb sich die Vorzüge des andern zum Vorbild nimmt, dann kann aller Streit begraben und mit Geduld und Zuvcrsicht der Zeitpunkt erwartet werden, wo der letzte Anlaß zu gegenseitiger Beschwerde und Abneigung geschwunden sein wird." In einem weiteren Abschnitt über ״Nasse" heißt cS dann: ״Die Juden sind ein durchaus realistischer Stamm, und vielleicht ist ihr Realismus größer als der irgend eines anderen Volkes der Gegenwart mit Ausnahme der Nord-Amerikaner. Unter praktischem Realismus verstehe ich das energische und ausdauernde Streben nach unmittelbar erreichbaren Zielen; wobei nicht ausgeschlossen ist, daß diese unmittelbar erreichbaren Ziele selbst wieder Mittel zn ferneren und höheren Zielen sind. Wir werden sehen, daß cS dem 3ubcu• thnme durchaus nicht an solchen idealen Zielen fehlt; aber diese bleiben, soweit sie bewußt sind, eine Znkunftö- Perspektive, lvclchc nicht nur nicht hindert, sondern noch mehr dazu antrcibt, seine ganze Kraft den relativwidrigen Zeiten der unmittelbaren Gegenwart zn widmen, Nüchternheit. Mäßigkeit, Geduld, Zähigkeit, Elastizität im Unglück, Arbeitsamkeit, Emsigkeit, Betriebsamkeit, Wirthschaftlichkeit, Sparsamkeit. Häuslichkeit, Familiensinn, Kinderliebe, Schätzung und Hochhaltung der Frauen, Pietät vor den Eltern, Wissensdrang, BikdnngSstrcben und Lerneifer, alle diese Eigenschaften dienen zunächst dem praktischen Realismus des JndenthumS, und gerade weil sie dies thnn, erweisen sie in ihrer Vereinigung jo große Resultate. Für praktische Wohlthätigkcit sind die Inden geradezu das klassische Volk, dem entschieden die Uebcrlegenheit ebensowohl über die indische Passivität dcS Mitleids, wie über die unpraktische christliche Almosenwirthschast zntommt. Mnckerthnm und Ehristcnthnm unterstützen das arbeitsscheue Drohncnvolk der Mönche und ׳)tonnen und züchten systematisch den bettelnden Müssiggang; jüdische Wohlthätigkcit gicbt nur dem Arbeitsunfähigen Almosen, sonst bloß Bcihülfe zur Ver- Wendung der Arbeit. Die christliche Nüchsicntiebc ist in der katholischen Praxis zn einer Karrikatnr ihres jüdischen Urbilds entartet uiib der Protestantismus ist noch immer in der Unterstützung dcS BettelnS stecken