Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1884)
- Article
- Was haben wir zu fürchten?
- Date
- 1884-12-04
- Page
- 770 (sequence 2)
- Language
- German
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i i Dessenungeachtet aber wagen wir doch, eine Gefahr! für den Bestand des orthodoxen Indcnthmns durch! diesen;ahmen und unblutigen AntisemitiSnnis mit alter! Entschiedenheit zn verneinen, und;war sowohl a»8 j änderen wie inneren Gründen. (S$ ergiebt sich nämlich von selbst, daß der orthodoxe Jude dieser feindlichen Stimmung weit weniger ansgesetzt ist als derjenige, dem es keine Gewissens- : skrupel bereitet, den Geboten des jüdischen Religionsgesetzcs znwiderznhaudcln. Er kommt weit weniger in die Vage, sich in der Gesellschaft unangenehm und unbequem;n machen und daS unter den glatten Umgaugssormen schlummernde Mistbehagen nichtjüdischer )!reise;t! wecken. Er eignet sich an der Table d'hstte nicht den besten Theil einer Schüssel an, er sticht nicht durch einen pikanteren Toast seinen Vorredner aus, seine Dame stellt durch eine reichere Gesellschaststoilette eine andere nicht in Schatten, kur;, er bietet eigentlich wenig Gelegenheit;ur Erregung von Neid, einer der Hauptsächlichsten Quellen des sozialen Antisemitismus, 1111b hat demgemäß auch nicht unter einem solchen so häufig zu leiden, -vast und Berachtnttg im sozialen Verkehr treffen ihn seltener, weil er anch in manchen anderen Beziehungen weniger rivalisirt. Den! orthodoxen Juden sind gewisse Lebensstellungen überhaupt verschlossen; nur in sehr geringem Maste vermag er sich der Beau!lencarriüre;u widmen, weil das Sabbathgcsctz ihm auf; derselben Schwierigkeit in den Weg stellt. So gewährt ihm gerade seine Orthodoxie gewissermaßen einen Schutz gegen die gesellschaftliche Misere, unter welcher die minder Gewissenhaften fortwährend zu leiden haben. Er tritt mit der nicht jüdischen Welt vornehmlich nur in seinem Erwerbsstreben und seiner eifrigen Aut heil- «ahnte an allem meuscheufreuudlicheu gemeinsamen Wirken in Berührung, und l'eitter harrt weniger eine beschämende, niederdrückcnde Zurücksetzung, weil er gar nicht daS Bedürfnis; fühlt, sich aus alleit.Gebieten mit seinem! Mitbürger;11 messen. | Aber selbst wenn dem auch nicht also wäre, wenn! der orthodoxe Jude ebenfalls den zahllosen Nadelstichen! der sich im sozialen Veden bethatigcndcu antisemitischen Strömung unausgesetzt preiSgegeben fein tvürdc, so verblutete das orthodoxe Indenthnm dennoch nicht an diesen Wunden. Wie den Heimgegangenen Geschlechtern der jnngstverflossenen Jahrhunderte innerhalb der Ghettimauern durch die Gesetzestreue sich ein Paradies erschloß in dem innigen, beglückenden Familien- und Gemeindeleben, also erblüht auch dem orthodoxen Juden der Gegenwart in seiner Isolirung von der nichtjüdischen und unjüdischen Umgebung ein trautes, beseligendes, Geist und Gemnth erhebendes Glück, von welchem die Umgebung kaum eine Ahnung hat. Und dieses Glück ist die Frucht seines Gehorsams, seiner Begeisterung 0 für daS Indenthnm — seiner Orthodoxie. O, sie wissen es nicht, die mitleidig oder spöttisch das -Haupt schütteln beim Anblick eines orthodoxen Inden, der mitten im regsten geschäftlichen Treiben sein Werk unterbricht, um den Sabbath;11 heiligen, der auf wochenlangen Reisen sich mit der frugalsten Kost begnügt um seines Gesetzes willen, der bei der Wahl seiner Wohnung die Rücksicht auf die Errichtung einer Sucka den Ausschlag geben läßt — kur;, der in jedem Augenblicke der Beobachtung der NeligionSgcbote ängstlich eingedenk ist, welches Wonnegefühl dessen Brust erfüllt, in welcher Welt des Segens er sein himmlisches Dasein lebt. Der gebildete orthodoxe Jude der Gegenwart freut sich der Bildung, der geistigen und materiellen Genüsse, die ein in fortschreitender Entwickelung auf! dein Gebiete menschlicher Erkenntniß sich befindendes > Jahrhundert gezeitigt, und nimmt gern daran Theil.! Aber höher als Alles steht ihm das Gebot GotteS,! und kein Genus; und kein Bortheil übt auf ihn einen so mächtigen Reiz aus, um ihn für eine Verletzung seiner Pflicht zu entschädigen. -Haß und Verachtung lhnn ihm weh, aber erniedrigen ihn nicht; der feindlichen Brüder Dränen schreckt ihn nicht; sie haben die Beacht, ihm Elend und Armurh und Unterdrückung zu bereiten — unglücklich, verzweifelnd werden sie ihn aber nimmer schauen. DaS orthodoxe Indenthnm ist stärker als der Antisemitismus. Mitleidig schaut eS ans die Verblendeten hernieder, die in blinder ohnmächtiger Wuth seinen hehren Bau zu bercnncn sich unterfangen; sie sinken zu Boden, cS aber steht fest und unerschüttert in seiner erhabenen Größe und überdauert der Jahrtausende Flucht. Pygmäen ziehen zum Kampfe gegen Niesen aus, unbärtige Knaben wollen wettergebräunte, stahlfeste Helden besiegen?? Der orthodoxe Jude lächelt des bramabasircnden Feindes. Er dünkt sich unendlich erhaben über den kleinen gehässigen Spott. Denn, wenn ein stolzes Selbstbcwnßtsein gerechtfertigt ist, so ist eS daS seine; wenn eine hohe Ausgabe den daiüit Betrauten adelt, so ist es die Mission, als deren Herold er sich berufen weiß. In seiner ohnmächtigen Erscheinung steht er dennoch mit dem! Pnrpnrbekleidet auf der Hochwarte der Zeiten und entfaltet! mit kräftigem, nimmer ermüdendem Arme das GotteS-! lanncr, zu demselben alle Völker, alle Zeilen ladend. Gott hat eS ihm anvertraut, und er hat eS treu gehütet und vcrtheidigt — da sollte eS seinen -Händen entgleiten, weil wahnbcthörte Eintagsmenschen seiner spotten?? (-Fortsetzung folgt.)