Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1884)
- Article
- Zur Lage der Juden in Demnat (Marokko)
- Date
- 1884-11-27
- Page
- 761 (sequence 1)
- Language
- German
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Mt 48. Jeschnrmt. 701 Jur der Jukit in pnniini (ittarohho).! Ucbcr die traurigen Vorgänge in Demnat haben! wir unsere Leser schon unterrichtet. Dem Zentral- Komitee der ״All. isr. nniv." sind darüber die folgenden näheren Mitthcilungcn zugcgangen: Die Abgesandten, welche die Gemeinde Demnat nach Tanger geschickt, mit dem Sultan die Leiden, welchen sic von Seilen des Kaid unterworfen, nnterbreiten, zogen nächtlich ab und wandertcn zu Fns; bis Kasablanka, beinahe 2<X> Meilen von Demnat. Dort wollten sic sich auf tin englisches Dampfschiff begeben. Aber der Gouverneur von Kasablanka war von Kaid zu Demnat anfgcfordert worden, sie fesizunehmen: daher waren sic gezwungen, ihren Weg zu Fuß fortzusctzcn, und erreichten Tanger, nachdem sie zirka 40(» Meilen zu Fuß znrückgclegt. Einer der Abgesandten, ein schöner weißbärtigcr Greis, erzählte in Tanger vor einem der fremdländischen Konsuln, daß die Israeliten seit acht Jahren die Opfer von des Kaid'S Hadj-cl Djilali Grausamkeit sind: derselbe habe sie verfolgt seit seiner Ernennung zu dem von ihm eingenommenen Posten. So war cs gebräuchlich, daß die Gemeinde dem Polizcichef jährlich eine gewisse Sunune entrichtete, damit für die )!acht Sachter gestellt wurden vor die Kaufläden der Israeliten. Hadj-cl Djilali verlangte, daß ihm diese Summe verabfolgt würde, und versprach, die Läden von seinen Soldaten getreulich bewachen zu lassen. Bald fehlten den israelitischeu Kauflenten sowohl Äaare wie Geld: sic beschwerten sich beim Kaid und baten um die Erlaubnis;, daß einige unter ihnen mit den Soldaten die Wache beziehen dürften. Der Kaid ließ sie schlagen, indem er sie bcschuldigte, selbst die Diebstähle begangen zu haben. Allmählich wurden eine Menge Kanslcutc durch diese wiederholten Unterschlcise ruinirt, und es mußten am Ende eines IahrcS 7l Kaufläden geschlossen werden. Da die Lage sich verschlimmerte, wandte man sich von neuem an den Kaid, der nichts Besseres zu thnn wußte, als die Klüger zu bestrafen, indem er zehn junge Leute auS den besten israelitischen Familien zu Demnat ins Gefängniß werfen ließ. Einer dieser jungen Leute, welcher auch zu den Abgesandten gehörte, gicbt einige Details über seine Festnahme. Zehn Soldaten, sagt er, traten eines Morgens in das Gcschäftslokal seines Vaters, schlugen ihn windelweich, warfen' ihn auf die Straße, wo er andere junge Leute vorfand, die ähnlich wie er bchand-ckt worden waren. Die Soldaten trieben sie vor sich her wie das Rindvieh, und halbtodt, blntbedcckt kamen sie vor den Gouverneur. Dieser — ohne ein einziges Wort an sie zu richten — ließ sic von den Soldaten hiuwcrseu und mit Stockschlägen traktiren. Der Zeuge fügt hinzu, daß er ohnmächtig liegen blieb: als er ansing sich zu erholen, versuchte er anfztlsrehen, worauf ihn vier Soldaten bei den Armen und Beinen packten, indessen Andere ihn mit Ledertiemcu hieben. Er wurde ein zweites Mal ohnuiächtig und von den Soldaten bei Seite geworfen. Als er seiner Sinne wieder mächtig war, wurde er gewahr, daß er ein eisernes Halsband trage, so wie .Ketten an den Füßen, welche ihrerseits derart mit dem Halsband verbunden, daß er in gebückter Stellung verharren mußte. Dieselbe Behandlung war den anderen jungen Leuten zn Thcil geworden und sie waren alle zehn in einem Kerker versammelt, schreiend vor Schmerz, blutend im Delirium, ohne einen Tropfen Wasser, um ihren brennenden Durst zu löschen. Erst am nächsten Tage wurde cS ihren Verwandten gestattet, ihnen Wasser und Lebensmittel zu bringen. Erst nach drei Monaten erlangten die Eltern des Zeugen vom Gouverneur gegen eine große Summe Geldes die Frcigebnng ihres Sohnes. Andere Mitglieder der Delegation erzählten ahnliche Thatsacheu. welche von der unerhörten Grausamkeit des Kaid gegen die unglücklichen Juden DcnmatS zeugten. Eines Tages wurde ein junges jüdisches Mädchen, Freha genannt, daS ihren Lebensunterhalt und denjenigen ihrer jungen Geschwister verdiente, indem sic — von HanS zu Hans gehend — Waaren verkaufte, welche ihr zu diesem Zwecke von einigen Händlern anvcrtraut waren, beschuldigt, Gegenstände zu verkaufen, welche einem -Mauren gestohlen worden. Sic wurde von vier Soldaten gepackt, niedcrgcworsen und geschlagen; sic wird ihr Leben hindurch an den Folgen jener Mißhandlung zu leiden haben. Man dachte nicht einen Augenblick daran, denjenigen Araber zur Veramwortnng zu ziehen, der sie mit dem Verkauf dieser Waaren beauftragt hatte! Roch andere Fälle von Grausamkeit und Erpressung erzählten die Dclegirtcn, doch wäre cS zu lang, dieselben hier aiifznzählcu, auch wurden einige derselben im vorigen Monatsberichte erwähnt. Seit der Abreise der Dclegirtcn hat sich die Lage der israelitischen Gemelndc zu Demnat noch verschlimmert. Der Oberrabbiner, welcher nach dem Abzug der Abgesandten festgenomnien, in Ketten gelegt und den heißen Strahlen der brennenden Sonne baarhaupt auSgcsetzt wurde, ist diesem Martyrium erlegen! die Familien derer, welche nach Tanger abgcreist, sind der grausamsten Behändlung unterworfen, die Frauen der nmrhörtcstcn Schmach anSgesetzl worden. Der ״Neveil du Moroc" vom 8. Oktober halte bekannt gemacht, daß in Folgc der dringenden Schritte des italienischen Gesandten in Tanger, Seine Majestät der Sultan ein Spezialedikt erlassen, zur künftigen Bcr- Hütung der Forderungen, welche den Inden von Demnat