Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-12-30
- Page
- 825 (sequence 2)
- Language
- German
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M 52« 825 Zefchurun« Die Untersuchung über die Entstehung des Feuers wurde ein geleitet. Der Lehrer Schmidt und viele Andere meldeten sich bei dem Untersuchungsrichter und lenkten den dringenden Verdacht aus die Juden im Allgemeinen und auf Joseph und den alten Moseö im Bcsondern. Die Beiden wurden verhaftet. Die UntersnchungSaktcn schwollen täglich mehr an. ES hatte sich der guten Welsingcr eine wahre Zeuguißwuth bemächtigt. Man strengte das Gedächtnis; an, um irgend ein belastendes Moment gegen irgend einen Juden zu finden. Die erhitzte Einbildungskraft erzeugte unaufhörlich neue Betastungen. Die Männer am Biertisch, die Frauen beim Kasfectisch, die Kinder in der Schule — Alle erachteten eS als, ihre vornehmste Pflicht, Material für die Anklage gegen die Juden zu ersinnen. Gegen die Juden! — ES war zu einer un-' autastbaren Thatsache geworden, daß die Juden allesammt, ohne Ausnahme, das Verbrechen geplant hatten. Wehe Demjenigen, der hieran zu zweifeln wagte, der sich erkühnte, an die Möglichkeit zu glauben, daß die Juden nicht ihr Gotteshaus cingeäschcrt hätten! Was aber war der Beweggrund zu dem ungchcuerlichcu Verbrechen? War cs denn denkbar, daß eine NeligionSgcmcinde den teuflischen Plan fassen könnte, ihr Heiligthum zu vernichten? Man war um die Antwort nicht verlegen — der verschmitzten jüdischen Bosheit ist Alles znzutranen. Die Juden Hütten ihre Synagoge angezündet ans Rache gegen die Christen, das wäre ein von langer Hand geplantes Bubenstück. Seit der Zeit, da der Jude Friedlich nicht wieder in das Stadtvcrordnetcn-Kollcginm gewählt worden, hätten sich die Juden mit der Absicht getragen, au der ganzen Bürgerschaft Rache zu nehmen. Diese solltc vor aller Welt auf ewig an den Pranger gestellt werden. Man brachte die eigene Synagoge zum Opfer dieses fanatischen NachcgclüsteS. Ein Synagogenbrand kann nur von Christcuhänden ausgehen. Die Welsingcr sind solche fanatische Antisemiten, daß sic selbst das Gotteshaus der Inden nicht schonen. DaS solltc die Botschaft sein, welche die Flammen des niedergcseugtcn Tempels in alle Wcltgcgendcu tragen würde! DaS die Rache der Juden, das die Ursache der Brandstiftung. ES giebt nichts, waS so widersinnig wäre, um nicht Glauben zu finden. sDcr alte Satz: prorsus crcdibile est <pria iucptuia cst, — eertiim cst, <!uia impossilrile cst, — ״cS erscheint glaubwürdig, weil cS unsinnig — gewiß, weil cö unmöglich ist," behauptet auch heute noch sein Recht." Die Untersuchung adoptirte von vornherein die allgemeine Ansicht, daß die Synagoge von Juden angezündet worden sei. Dr nun keinerlei vernünftiger Grund für dieses Verbrechen zu entdecken war, so mußte cS nothwendig ein unvernünftiger sein. Für das Vorhandensein solcher Unvernunft mußte sich aber auch eine Begründung finden. DaS war der Antisemitismus. Freilich war der Antisemitismus der gegen die Juden herrschende Haß. Da schloß man dann weiter und sagte: die den Juden entgegengebrachte erbitterte Feindschaft muß notwendiger Weise ebenso heftig von ihnen erwidert werden. Und somit war das Motiv zu der That glücklich koustruirt. In dem noch vor wenigen Jahren aus seine Bitdüng und seinen vornrtheilSfreien Sinn stolzen Welsingen hatte der unheimliche Geist eines finstern Fanatismus seinen Einzug gehalten und herrschte in dämonischer Gewalt. Man glaubte in die Zeit des dunklen MittetalterS zurückversetzt zu sein. Jedes Gefühl für Recht und Sitte, für Liebe und Billigkeit schien erstorben, sobald cs sich um Juden handelte. Die ganze Vevölkcruug, von den höchsten Spitzen der Bürgerschaft bis zum Tagelöhner, war von dem Gifte des Hasses ergriffen. Mau suchte sich in Feindschaft gegen die Juden zu übcrbieten. Man mied sie wie die Pest. Man erwähnte keines Juden, ohne ihm eine schmähende Be- Zeichnung Leizulegen. Mansfeld hatte es nicht länger in seiner Vaterstadt auSzuhaltcn vermögen. Seine Verhältnisse gestatteten einen raschen Wechsel seines Wohnsitzes. Er hatte vor Kurzen! an einem auswärtigen Platze eine Zweigniederlassung seines Geschäfts errichtet. Er siedelte dorthin mit seiner Familie über. Auch Fricdlichö Hans stand öde und einsam. Der Untersuchungsrichter glaubte eine Mitwirkung der Eltern an dem Verbrechen auuchmcn zu sollen und ließ deshalb auch Herrn und Frau Friedlich zur Hast bringen. Die jammernden Töchter waren zu einem auswärtigen Verwandten gesendet worden. Nach langwieriger Untersuchungshaft wurden Joseph mit seinen Eltern und auch die andern Juden vor das Schwurgericht gestellt. Vergebens war die Berufung auf die reine, makellose Vergangenheit der Angeklagten, vergebens der Nachweis von deren vielen hervorragenden Tugenden, vergebens die Darlegung der Widcrsinnigkeit der Bezichtigung, vergebens das beredte Wort der gewandten Vertheidigcr. Vor der beschworenen Aussage von etwa hundert Belastungszeugen treten alle Vernunftgründe zurück. Freilich war unter diesen Zeugen kein einziger, der auSzusagcn vermochte, daß er die Brandstiftung gesehen habe. Freilich stammten die am meisten Indizien liefernden Bekundungen von Personen, deren Beeidigung die Vertheidigung mit guten Gründen beanstandete. Es half Alles nichts. Die sämmtlichen׳ Angeklagten wurden schuldig gesprochen und zu schweren Freiheitsstrafen verurtheilt.'