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Jeschurun · 1886-12-30 · Heft 52 (30.12.1886) · p. 823

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 52 (30.12.1886)
Article
Prediger-Verirrungen [Rezension]
Date
1886-12-30
Page
823 (sequence 4)
Language
German
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823 heiligen Schrift selbst. Weder das Eine noch das Andere liegt aber doch offenbar in der Absicht der Predigt. DaS Fazit daranS ist demnach: besser keine Predigt, als solche Predigt. Man könnte nun allerdings cinwendcn: DaS Volk im Allgemeinen ist nicht im Stande, die falsche An- Wendung des Schristworteö hcrauözufindcn. Da nun eine Berufung ans das Heiligste deS Heiligen, auf unsere Thora, nur zur Unterstützung der beabsichtigten Wirkung der Besserung dcö Volkes dienen kann, so sei dieser kleine Betrug wohl gestattet- Darauf entgegne ich: die einfachen Worte der Thora in ihrem eigentlichen Sinne bieten Stoff genug zur Predigt. — Woran licgts nun aber, daß eine solche Unsitte in der Predigt cingerissen ist? Weil ein großer Theil unserer Prediger keine Prediger in dcö Wortes wahrster Bedeutung sind! Sie scheuen sich, die Dinge beim rechten zu nennen. Anstalt mit Thatsachen zu rechnen, anstatt darauf hinzuwcisen, daß dieses Ge- oder Verbot in Verfall und Vergessenheit geräth, und an der Hand des dasselbe enthaltenden Bibelvcrscs und der sich daran anschließenden Halacha dessen Bedeutung und unverbrüchliche Verbindlichkeit für alle Zeiten darzulcgen und im Anschluß daran unter Hinweis auf die Geschichte zu zeigen, wie für die Anfrcchtcrhaltung jeder einzelne מצות unsere Väter mit jeder Faser ihres Daseins gekämpft, wie sie it)r Letztes dahingcgebcn, wie sie selbst ihr Leben dahin geopfert haben-statt dessen ergeht man sich in allgemeinen Phrasen über GoitcSsurcht, Rechtlichkeit und Menschenliebe oder — wcnn's hoch kömmt, wenn einmal ein Prediger recht dreist ist -— so spricht man wohl über Sabbathruhe und Festesfreude — oder auch wohl, wenn einmal die Synagoge am Tage des ״öffcntlichen Gottesdienstes״ (vulgo Predigttag) zum Schmerz und Kummer des Herrn Predigers, der sich durch das Memoriren seiner Rede sogar die Ruhe der letzten Nacht geraubt, eine bedenkliche Leere zeigt, über die heiligcPflicht des Synagogenbesnchs wenigstens an den Sabbathcn, an denen Predigt gehalten wird. — Wenn der Prediger nichts weiter als dies vorzubringcn weiß, dann ist allerdings in der kürzesten Zeit sein Textvorrath erschöpft, bann muß er seine Zuflucht zu allerlei Finten nehmen. Und das ists eben, woran daS besprochene Buch krankt: eS ergeht sich in allgemeinen Betrachtungen und ist dagegen äußerst arm an wirklich Thatsüchlichem. Möchten doch, wenigstens die besseren unter den Predigern, bedenken, was uns noth thut. Gottgläubig, rechtschaffen, friedliebend, nun daö ist doch noch Gottlob im allgemeinen der größte Theil unserer jüdischen Brüder; nur eins fehlt ihnen: die Crkenntuiß und Ueberzcugung von dem Werthe und der Verpflichtung-- kraft jedes einzelnen unserer sechshnudertdrcizehn Ge- und Verbote nebst der zu deren Schutze von den Weisen unseres Volkes geschaffenen גזרות ותקנות. Auf daß diese Erkcnntniß und Ucberzcugnng jeden Einzelnen in Israel dmchdringc und in jedcur Einzelnen zur thatkrästigcn Vollbringung reife, daß ist und wird stets die Aufgabe der Predigt bleiben. R.l. Die WeWhlcr mb die Jude». (Schluß.) Um aber die Grausamkeit zu verhüten, wird das Schächten gleichsam als eine priesterlichc Funktion ausgeübt, und nur ein für dieses Fach besonders examinirter Mann wird zu derselben zugelassen. Stärkere Garantien zum Schutze der Thiere können nicht geliefert werden, darum sagt der Stettiner Departements - Thierarzt Müller: ״Ich kann dem Schächten von Schlachtthieren in Bezug auf Sicherheit der Ausführung und.relativer Schmerzlosigkeit vor jeder anderen Schlachtmethode den Vorzug geben." Herr IJr. Hcrtwig in Berlin schließt sich in einem gründlichen Gutachten diesen Ansichten vollständig an. Sehr gut wird in dem oft erwähnten Schweizer Schriftstück die Kompetenz der Thierschntzvcreine zu derartigen Schritten angegriffen und zurnckgcwiesen. Die Landbevölkerung, die Flcischcrmeister beschäftigen sich Jahr ein, Jahr aus mit Thieren und schon aus Rücksicht auf ihren Nutzen müssen sie thicrfrenndlich sein. In diesen Kreisen hören wir die Stimme der praktischen Erfahrung über das Thiertebcn. Aber die Thicrschutzvereine rckrntircu ihre Mitglieder meistens aus ganz anderen Kreisen der Bevölkerung. Das sind größtentheils ״Zimmermcnschen", die sich zum Vergnügcn Hunde, Katzen und Stnbenvögel halten. Da möchten sie denn gern, daß die ganze Thierwelt eS so gut haben solle, wie ihre Lieblinge, die gehätschelt und verzärtelt werden, daö ist jedoch eine ganz unberechtigte Sentimentalität. Diese Vereine haben zum Motto ein Sprüchlein von Goethe, in welchem sein Gewissen ihm Vorwürfe macht, daß er eine Spinne tödtcn gewollt. Dies ist der Standpunkt der Inder, die cS bekanntlich für verpönt halten, auch die ekelhaftesten Thiere, wenn sie den menschlichen Körper belästigen, zu vernichten. Aber alle Hochachtung vor Goethe, wir glauben nicht, Laß er seine Milde gegen die Spinne so weit ausgedehnt hat, um in feinem Studirzimmer das Spinnengewebe gemächlich zu dulden. So hilft uns alles sentimentale

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