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Jeschurun · 1886-12-30 · Heft 52 (30.12.1886) · p. 820

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 52 (30.12.1886)
Article
Prediger-Verirrungen [Rezension]
Date
1886-12-30
Page
820 (sequence 1)
Language
German
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Wiger-Wrrnngen. Snbbath-Ncden für die israelitische Jugend über alle Wochenabschnitte des Schuljahres von Elias KarpeleS, Rabbiner und Prediger ׳ der israelitischen Tempelgemeinde Wieden und Margarethen in Wien. — BreSlan, Verlag von Preuß & Jünger. 1887. ״Das heilige Wort der Thora und der Propheten darf nicht entweiht werden durch willkürliche Entstellung, indem man in dasselbe einen Sinn hinernlegt, den cs unmöglich enthalten kann. ES ist zu ehrwürdig, um alö rhetorische Arabeske zu dienen, oder um dem Redner Gelegenheit zu geben, seiner Predigt die Folie des GottcSworteS zu verleihen und durch anscheinenden GeisteSreichthnm zu glanzen." O, möchten doch unsere Prediger diese goldenen Worte eines ״Nichtpredigers״, wie solche in den im Jahrgange 1864 des ״Jeschnrnn" veröffentlichten ״Gedanken eines Nichtpredigers über die Predigt" niedergelegt sind, beherzigen und darnach ihre Predigten einrichtcn! Was ist's denn, worauf sie sich stützen könnten, um ihre Berechtigung zu erweisen, auf Grund deren sie, wenn auch zum Zwecke der guten Sache, die Worte der heiligen Schrift nach Willkür verdrehen dürften? Hat man denn etwa vielleicht schon gehört — wenn cö verstattet ist, Großes mit Kleinem zu vergleichen — daß in ähnlicher Weise, wie das Vibelwort, die Worte unseres Schiller, Goethe, Lessing rc. verbatlhornisin werden? Nur die gemeine Parodie wagt sich an jene GeisicSherocn wvrtverdrehcnd heran. Und in der That, wäre man nicht von vornherein von der guten Absicht der Mehrzahl unserer modernen Prediger überzeugt, man wäre leicht geneigt, in vielen Fällen an jene niedrigste und ekelhafteste literarische Mißgeburt — an die Parodie zu denken. Tief und schmerzlich muß cS jeden wahrhaften Berehrcr jüdischer Literatur berühren, wenn er den jüdischen Büchermarkt mit den in oben angedeutetcm Sinne verfaßten Prcdigtwerken geradezu überschwemmt sieht, und diese Wahrnehmung ist um so schmerzlicher, die Betrnbniß um so tiefer, wenn er unter den Autoren jener — man verzeihe den harten Ausdruck — Machwerke, Nameu von Männern gewahrt, denen nichts ferner liegt, als jenes frivole literarische Metier, die im Gegcnthcil ein um so größeres Werk zur Erhaltung und Verbreitung unserer heiligen Bibclworte zu vollbringen glauben, je Größeres sie in der Verdrehung der Schristvcrse leisten. — Wir hatten bereits uns früher gelegentlich der Besprechung anderer Werke aus der Prcdigtliteratur m diesem Sinne ausgesprochen und würden daher wahrscheinlich gänzlich darauf verzichtet haben, vorläufig wenigstens auf diesen Punkt zurückzukommen, wenn 11118 nicht gerade das vorliegende Werk von der vcrchrlichen Redaktion des ״Jcschnrun" behufs einer Besprechung übergeben wäre — ein Werk, dessen jede Zeile Zeuge ist von dem Ernst und der Begeisterung des Verfassers für die Neubclebung und Erhaltung dcS alten JudenthumS unter unserer heranwachsenden Jugend. Klar und deutlich spricht eö der Verfasser aus (Seite 86 11. 87): ״Nicht anö der Arbeit des nicnschlichcn Geistes ist die heilige Thora hervorgegangen, dieser Inbegriff aller Wahrheit, Tugend und Sittlichkeit, diese untrügliche Führcriu durch das Leben zur Vollendung und durch den Tod zur Glückseligkeit — nicht durch den rechten Gebrauch der menschlichen Vernunft ist dieses Heiligthum vollendet worden, selbst nicht durch die Weisheit Moseö' ist es entftanben, obgleich er die höchste (Stufe der Prophetie erreicht hat, — sondern sie ist eine מתנה eine HimmclSgabc, eine Himmelsspende, eine Eingebung, eine Mitthcilnng der Gottheit an ihren höchsten Propheten, der nichts weiter für sie mitgedracht, als die Würdigkeit und Reife zu ihrer Empsängniß! משה קבל תורה מפיני Selbst MoseS hat die Lehre nur empfangen, aber sic nicht durch eigene Arbeit erftmden. Nur Gott hat ihn dazu erkoren und berufen, hat ihn mit dieser Offenbarung beglückt und begnadigt. So viele Neligioncn auch im Laufe der Zeit entstanden sind, die Menschen haben sie crsunden, und sie sind wieder ans der Mitte der Menschen entschwunden, die Macht und der Sturm der Zeit hat sie zerstört und vernichtet." — Um so mehr bedauern wir cs, daß gerade der Verfasser dieses Werkes in einer Weise die Worte der heiligen Schriften vergewaltigt, die ihres Gleichen jucht, — und es wundert uns gerade bei dem vorliegenden Werke um so mehr, als es, wie der Verfasser in der Vorrede bemerkt, besonders dazu dicuen soll, die Jugcud mit den Worten der Schrift vertraut zu machen. Da hätte sich aber unseres Erachtens der Verfasser doppelt und dreifach vor jeder auch noch so geringen Verdrehung des Wortsinncs in Acht nehmen müssen. Mahnt doch er selbst in verschiedenen Reden seine jugendlichen Zu- Hörer, einen Thcil ihrer Zeit ״der Erlernung der heiligen Schrift in der Ursprache" zu widmen. Wie groß muß nun aber die Euttäuschnug jenes fleißigen, wißbegierigen Schülers.sein, wenn er schließlich ganz etwas Anderes findet, als der Lehrer ihm vorgetragen? Und daß dies gerade nidit dazu bienen kann, die Achtung vor dem GottcSworte zu erhöhen, ist einleuchtend. Der Verfasser bewirkt also gerade das Gcgcntheil deS angcstrebteu Zieles. Wir wollen mm im Folgenden die Hauptfachlichstcn der vom Verfasser verdrehten SchrisLstellen. anführen, mit kurzer Andeutung der wirklichen Bedeutung derselben.

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