Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1886)
- Article
- Die Agitation gegen das Schächten
- Date
- 1886-12-30
- Page
- 819 (sequence 3)
- Language
- German
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das bei jeder TödtungSart unvermeidliche Schmerzgefühl auf das möglichst geringste Maß." Von Professor Dr. Hoppe-Seylcr, Direktor dcS physiologisch-chemischen Instituts an der Universität zu Straßburg i. CL unterm 5. Dezeinbcr 1886: ״Gutachten, betreffend das von den Israeliten geübte Schlachtverfahren und etwaige Modifikation desselben zn möglichster Vermeidung der Qual des SchlachtthicrcS. Der Zuschrift vom 22. November b. I. sind am Ende drei Fragen angefügt, welche den Gegenstand, wie ich glaube, genügend umfassen, und auf welche einfache Antworten erthcilt werden können. 1) Die erste Frage lautet: Liegt eine Veranlassung vor, nach Vollendung des Halsschnittes beim ״Schachten" durch irgend einen weiteren Akt die angeblich noch andauernde Schmcrzcmpfindung des ThicrcS zn vermindern? Diese Frage ist mit ״nein" zn beantworten, weil bei schneller und guter Ausführung dieses ohne alle Schwierigkeit und mit großer Geschwindigkeit ausführbaren Schnittes der zur Ohnmacht führende Blutverlust ein so schneller ist, daß ein nachfolgender Schlag auf den Kopf oder Nackcnstich kaum im Stande sein kann, diese Ohnmacht zu beschleunigen. Die Frage 2): Würde eine Betäubung durch Kopsschlag oder Gcnickstich nach dem Schächtschuitte hinsichtlich der Qualität deS Fleisches sich als zweckmäßig erweisen? ist gleichfalls zu vcrncinen. Die Qualität des Fleisches wird hierdurch sicher nicht verbessert, und im Fall, daß der Schlag auf den Kopf oder der Genickstich sehr schnell dem HalSschuittc folgt und zu wesentlichen Blutgefäß- Zerreißungen führt (was gewöhnlich der Fall ist) durch Blutungen an der getroffenen Stelle verschlechtert. Die Krampfbewegung, welchen jeden plötzlichen Tod begleiten und welche beim Verbluten die Austreibung dcS Blutes sehr begünstigen, werden durch Schlag auf den Schädel oder Nackcnstich nicht wesentlich verhindert. Es ist aber hcrvorzuhcbcn, daß durch die nach dem HalSschuittc eintretendc Unruhe deS ThicrcS die gute und sichere Ausführung dcS Kopfschlags oder GenickstichS oft so erschweren wird, daß diese beiden Prozcdurcn entweder zu spät kommen und also ganz überflüssig sind, oder mit ungenügendem Erfolg auSgcführt, sich zu einer gräulichen Thiergualerci gestalten. Die schnelle Eröffnung der großen HalSartcricn und Halsnervcnstämme, wie sie der von den Israeliten geübte Halsschnitt bei Schlachtthicrcn hcrbcisührt, ist die zweckmäßigste Art, den Tod deö ThicrcS möglichst schnell und möglichst sicher, zugleich mit möglichst geringem Maß von Schmerz für das Thier herbeizusühren und zugleich ein von Blut recht freies gutes Fleisch zu erzielen. Die Antwort auf die Frage 3): Wäre durch jene Betäubung eine Verkürzung des Schmerzes für das gcfchächtete Thier gesichert? ist in den obigen Begutachtuugen der Fragen 1) und 2) bereits enthalten." Von Professor vr. Hei den ha in, Geh. Medizinalrath und Direktor des physiologischen Instituts an der Universität in VrcSlau, unterm 5. Dezember 1886: ״Die Frage: Liegt eine Veranlassung vor, nach Vollzug des Halsschnittes beim ״Schächten" durch irgend einen weitern Akt die angeblich andauernde Schmerzcmpsindung deS ThicrcS zu vermindern? Diese Frage muß ich entschieden mit ״Nein" beantworten. Denn der mit einem scharfen Messer geführte HalSschnit! öffnet gleichzeitig die Kopfschlagadern (artcriae carotidcs) und die Drosselvcncn (venae jugiilarcs). Durch die Oeffnung der Karotidcn wird die Blutzufuhr zum Gehirn plötzlich zum bei weitem größten Theil unterbrochen, durch die Oeffnung der Jugularvcnen der Blutabfluß aus dem Gehirn wesentlich befördert. Beide Umstände vereinigen sich, das Gehirn sehr schnell in den Zustand einer solchen Blutleere zu versetzen, daß Verlust dcS BewußtscinS cintritt. Der Zeitraum, während dessen nach geschehenem Halsschnitt das Thier noch Schmerz empsindct, kann sich nur nach Sekunden bemessen und durch den Gcnickstich nicht merklich verkürzt werden. Der Genickstich würde allerdings bewirken, daß die am Körper bei der Verblutung austretcnden krampfhaften Bewegungen plötzlich gehemmt würden. Aber diese Bewegungen sind nicht Ausdruck von Empfindungen, denn das Empfindungsvermögen erlischt notorisch mit dem Eintritt der Hirnanaemie. Der Laie ist sehr geneigt, jede an irgend einem Theile des ThierkörperS austrctende Bewegung als Folge einer Empfindung auzusehen. Oft genug habe ich, wenn ich an den abgeschnittenen Beinen tobter Frösche durch elektrische Ströme Bewegungen hervorrief, bei Zuschauern die Ansicht aussprechen hören, das Bein müsse noch cmpfindlich sein. Wie hier die Bewegung nur Folge des elektrischen Reizes, so ist sie beim verblutenden Threre nur Folge einer Lurch die Anaemie bedingten chemischen Reizung der im verlängerten Marke liegenden motorischen Ccntra. Diese VcrblntungSznckungen treten auch dann noch ein, wenn die Halbkugeln deS großen Gehirn, die Organe deö Bewußtseins, entfernt sind, zum Beweise, daß die Anacmie-Krämpfe mit bewußter Empfindung nichts zn schaffen haben. ES ist überflüssig, dieselben durch den Genickstich unterdrücken zn wollen; der Schmerz, welchen inan dadurch ausheben will, ist in Wirklichkeit gar nicht vorhanden." ES erscheint überflüssig, diesen Voten irgend ein Wort hinzuzufügcn. Wir hegen das feste Vertrauen, daß der Reichstag die Petition des Verbandes der deutschen Thierschutzvereine durch einfachen Ucbergang zur Tagesordnung erledigen wird.