Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1886)
- Article
- Die Agitation gegen das Schächten
- Date
- 1886-12-23
- Page
- 807 (sequence 3)
- Language
- German
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behufs Betäubung nach dem Halsschnitte vorschlagt, von keiner besonderen Rücksicht für das Wohl der Thiere Zenguiß ablcgen. Ich verfüge leider bei meinen vielen Unterrichts-Beschäftigungen nicht über so viel Zeit, um dies näher zu begründen." Professor Dr. Gruetzner, Vorstand des phhsiologischen Instituts zu Tübingen, unterm 2. Dezentdcrl886: ״Zur Frage 1): ES liegt meiner Meinung nach keine Veranlassung vor, nach Vollzug des HalsschnitteS beim ״Schächten" durch irgend einen weiteren .Akt die angeblich noch andauernde Schmerzempfiudung deS ThicreS zu vermindern. Mir wäre ein derartiger Akt völlig unbekannt, denn so viel wir anznnchmen berechtigt sind, ist die Schmerzempsindnng nach ansgicbiger Oesfnnng beider Schlagadern deS Halses innerhalb kürzester Zeit geschwunden. Jede weitere, namcntlich bei größeren Thieren mit ziemlich viel Zeitverlust verknüpfte Manipulation würde daher ein völlig oder nahezu gefühlloses Thier treffen und wäre zum minbesten unnütz. Zur Frage 2): Daß eine Betäubung durch Kopfschlag oder Gcnickstich nach der Schächtnng hinsichtlich der Qualität deS Fleisches sich als zweckmäßig erweisen würde, ist nicht anzunehmen. Jedenfalls ist so viel sicher, daß die in Folge der ״Schachtuug" (Verblutung) eintretcnden Bewegungen und Krämpfe der Thiere, die dem Laien einen langen Todeskampf Vortäuschen, das Fleisch blutleerer machen, als wenn durch einen Nackcnstich oder Kopsschtag diese Bewegungen verhindert werden. Zu Frage 3): Durch eine Betäubung ist eine Verkürzung des Schnicrzes des geschachteten ThicreS nicht gesichert." Professor Di׳. Hcr mann, Direktor des physiologischen Instituts an der Universität zu Königsberg i. P., unterm 1. Dezcmbcr 1880: ״Die articlle Bcrblutung auö großen Gefäßstämmcn führt in äußerst kurzer Zeit Bewußtlosigkeit herbei. Die PerblutungSkrampse stellen sich erst nach Verlust deS Bewußtseins ein. Der Nackcnstich ist ohne Einfluß auf daö Bewußtscin, würde also, obgleich er die Krämpfe beseitigt, die Qual nicht vermindern, wenn noch Bewußtsein zur Zeit seiner Ausführung vorhanden wäre. — Nächstdcm (der Tödtnng durch zweckmäßige Schußmaske) erscheint der Tod durch arterielle Verblutung aus großen Gefäßstammen als der qualloseste, da das Bewußtsein ungemein schnell und vor Eintritt der Krämpfe schwindet. Diese TödtuugSart zeichnet sich außerdem durch die Sicherheit der Prozedur aus. Der Dnrchschueidung der Gefäßstämme unmittelbar bat Kopfschlag oder Nackenstich folgen zu lassen, erscheint überflüssig." (Schluß folgt.) Gjftsililt. Non Naphtali S i m o n. . .-x (Nachdruck. verboten ) (Fortsetzung.) Hieran war aber kamn zu denken. Oie Ettern riethen ihm zwar, jedenfalls den Versuch zu wagen. ״Sichst Du, daß eö Dir nicht möglich ist, so kannst Du doch in jedem Augenblicke ansscheiden", meinten sie. Joseph wollte jedoch noch nicht einmal den Versuch machen. Außerdem aber erachtete er eS als seine Pflicht, dem in letzter Zeit stark gealterten Vater eine Stütze in der Führung dcö umfangreichen Geschäftsbetriebes zu werden. Er war der einzige Sohn, die jüngeren Kinder waren Töchter, und der Vater bedurfte sehr eines jüngeren kräftigen Mitarbeiters. Bevor er in das GeschäfLSleben eintrat, wollte er seiner Militärpflicht genügen. Dem gewandten intelligentcn Manne gelang eS aber nicht die nothwendige Qualifikation für die Zulassung zum Osfiziere^amen zu erreichen. Er beendigte als Unteroffizier der Reserve seinen Soldatendicnst. * Die Strömung der Bürgerschaft der guten Stadt Wclsingcn gegen ihre jüdischen Mitbürger ward immer schroffer, abwchrendcr, unfreundlicher, gehässiger und feindlicher. Wie konnte cö auch anders sein? Der große Agitator, welcher hier einen seiner glänzendsten Triumphe gefeiert, verstand eS sehr wohl, den Sieg auszunutzm. Er sowohl wie seine Mitarbeiter beglücklen Wclsingcn sehr häufig durch ihre Besuche und organisirtcn hier eine Zentralstätte für die Erzeugung acht antisemitischer Gesinnung zum Nutzen und Frommen der ganzen Provinz. Mit derselben Regelmäßigfeit wie in der Landeshauptstadt fanden auch hier allwöchentlich patriotische Bierkouventc, fromme Thecabende und gemüthliche Familienkaffees statt. Patriotisch, fromm und gemüthlich bezeichneten aber nur Umschreibungen von Feindschaft, Verachtung und Haß gegen die Juden, zu welchen nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen und Kinder mit ausgesuchter Sorgfalt augclcitet wurden. Ach, warunl ist die Liebe nicht so erfinderisch wie der Haß? Warum sind die Tugendhaften unvermögend und lässig in der Verbreitung deS Guten und Wahren, während für die Giftsaat der Bosheit und Lüge unausgesetzt Tausende bemüht sind, den ergiebigsten Acker zu erspähen, Tausende fortwährend bereit-stehen, dafür den Boden empfänglich zu machen, Tausende unablässig daran arbeiten, die Saat auszustreuen, Tausende nicht ruhen und rasten, dieselbe in zärtlicher Besorgniß zu hüten, zu pflegen und zur Entwickelung zu bringen?