Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 49 (9.12.1886)
- Article
- Deutschland und Rußland
- Date
- 1886-12-09
- Page
- 777 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Mm 777 Zeschnrun. eirtslhlMd!11111 Rußland. Eine Skizze von * * *. Nichts von Politik! Nur der schüchterne Versuch einer Parallele zwischen den religiösen Verhältnissen der deutschen und russischen Juden. Vielgepriesene Aufklärung und Bildung! In deinem Namen ist viel gesündigt worden. Du theilst das Loos alles Erhabenen und Wahren. Giebt es erhabenere, heiligere Begriffe als Gott, Religion, Wahrheit? Und sind nicht diese so oft mißbraucht worden von Irrenden und Bösewichtern? Hat man nicht unter Anrufung Gottes, im Namen der Religion und zur Verbreitung einer' vermeintlichen Wahrheit sich auf die Juden gestürzt und sie dahingeschlachtet, und sie unterdrückt und gequält, und sie verspoitet und geschmäht Jahr- Hunderte lang? Und ebenso hat man Dich mißbraucht, Aufklärung und Bildung. Statt Erleuchtung des Geistes, Läuterung des Gemüths, Verfeinerung der Sitte ist Umnachtung des Verstandes, Trübung der Empfindung, Roheit des Herzens unter deiner Aegide gepflanzt, gepflegt und verbreitet worden. Und in jüdischen Kreisen hat solches geschehen können? Wann war es doch, daß dieses frevelhafte Spiel' begonnen? In der Wcndezeit zweier Epochen hob es an. Der reine Name eines Mannes, den seine Zeit als einen weisen Mann verehrte, mußte als Deckmantel für Wahn und Lüge dienen. Schüler Mendelssohns nannten sich die Männer, welche von ihm gar nichts gelernt hatten, als vielleicht den richtigen Gebrauch der deutschen Grammatik. Und im Besitze dieser geringen Kenntniß dcnchten sic sich, ach, so weise! Lauter Philosophen, lauter Mendelssohns, lauter Freunde LessingS! -Der junge Handlungsbeflisscne, welcher seine Zigarre am Sabbath so meisterlich zu rauchen verstand, die junge Dame, die den neuesten Noman so eifrig studirte, ja selbst der Dorfheld, welcher am Sabbath Nachmittag auf der Kegelbahn ״alle Neune" werfen konnte — alle Schüler Mendelssohns, alle Träger der Aufklärung, alle Verbreiter der Bildung! Armer Mendelssohn, arme Aufklärung und Bildung!- Diese falsche, erbärmliche Aufklärung und Bildung hat große Verheerungen angerichtet. Wäre es die ächte, wahre, hehre gewesen, sie' hätte eine Quelle des Heils und Segens werden können! Dasjenige, was wir moderne Zivilisation nennen,' trat durchtränkt von dem Gifte dieser Ansklärung und gesättigt von dem Geiste der Religionslcugnung in den Kreis der bis dahin von dem gesellschaftlichen Verkehre mit ihren Mtibürgern fast gänzlich ausgeschlossenen Juden Deutschlands. Die sogenannten Reformer, in Wahrheit die Träger einer solchen entstellten und mit Lügen verquickten Bildung und Wissenschaft, scheuten sich nicht, offen für sie Propaganda zu machen. Sie wußten sich die Gunst der Machthaber zu gewinnen, und in Wort, Schrift und That verhöhnten sie das alte, ewig seine VerpslichtungSkraft besitzende Judcnthum, proklamirten ein neues an seiner Stelle, das ״geläuterte und mit dem Zeitgcist im Einklang gebrachte" (!), meisterten den allmächtigen Gott, der das Gesetz gegeben, leugneten die Propheten, leugneten die Göttlichkeit der Tradition — kurz machten tabula rasa mit dem ciiutqcti wahren Judenthnm. Mochten die Gerechten nnd Gottessürchtigen ob solch' offenen Trenbruchs trauern und klagen — er war ein Segen für die deutschen Juden. Wohl hat mau eure Jeschiboth geschlossen, wohl eure Lehrer verfolgt, wohl ist es soweit gebracht worden, daß ganze Städte und Provinzen verödet sind, — dennoch ein Segen! Je offener und unverhohlener die Reform ihr wahres Antlitz gezeigt, desto eher erwachte im Volke das Bewußtsein von der Lüge und dem Truge, von dem entsetzlichen Verrathe, zu welchem man es verleiten wollte.' Die Rabbinerversaminlnngcn zn Braunschweig und Frankfurt waren ein Segen, ein Segen die das Judenthum fälschenden itnb verleugnenden Reden und Schriften der Geiger, Holdheim nnd Genossen! Angesichts solchen Trenbruchs siel doch Manchem die Binde von den Augen. Und, Gott sei Lob und Dank, der Herr halte Israel nicht verwaisen lassen. Noch lebten in Deutschland Männer, die den Ruf im Lager Israels erschallen ließen: Wer zu Galt und seinem Gesetze stehen will, der sammele sich um uns! So ist das Licht GottcS in den jüdischen Kreisen Deutschlands nicht erloschen. Es verbreitet Helle nach allen Seiten ׳. Gottesfurcht, begeisterte, opferfähige Hingebung, wahre Bildung, ächte Aufklärung. Wie trübe eö auch immerhin noch anssehen mag und wie gering an Zahl vielleicht die Gesetzestrcuen gegen die Reformer in Deutschland erscheinen — die Reform ist doch gebrochen, die große Täuschung zn Beginn dieses Jahrhunderts doch überwunden. Warum? Weil die Larve gefallen, weil die Lüge als Lüge erkannt worden ist. Wer sich nicht täuschen lassen will in Deutschland, der braucht sich nicht täuschen zu Lassen. Da§ ist der Segen des offenen Heraustretens der Reform! ' DaS Judenthum hat in Deutschland wiederum eine Stätte gefunden, wo es gehegt und gepflegt wird