Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1886)
- Article
- Aus dem alten Berlin
- Date
- 1886-12-02
- Page
- 760 (sequence 2)
- Language
- German
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760 Demi hier wie anderwärts bildeten die Inden das ganze Mittelalter hindurch ein Finanzobjekt, und nur als solches wurden sie geschätzt und geschützt. Sie waren in jener geldarmen Zeit für Diejenigen, denen sie Leibzölle entrichten mußten, von nicht unbeträchtlichem Werthe: die Reichen hatten bis zu fünfzig Gulden und auch die Armen nicht unter fünf zu zahlen. Der Judenschutz war ein Regal, aber in den Kämpfen des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts mit den meisten übrigen Rechten der Landeshoheit von der Stadt Berlin erworben und besessen worden; bis die Hohenzollern kamen und es ihr, mit allen: Anderen, wieder nahmen. Anderthalb Jahrhunderte lang aus einer Hand in die andere gegangen, aus der des Kaisers in die der Markgrafen, und aus der der Markgrafen in die der Stadt (alle drei nicht besonders stark in der Nationalökonomie), waren die Juden nun zuerst in feste Hände, die der Hohenzollern gekommen, die sie auch nicht wieder los ließen. Denn man weiß, was die Hohenzollern einmal haben, das geben sie nicht wieder her, weder Juden, noch sonst Etwas. Und für die Inden war es insofern ein Gewinn; sie hatten hundcrtundsüufzig Jahre Ruhe. Wie über jede andre Quelle von Einkünften in diesem ihrem verarmten Lande, dem sie erst wieder Wohlstand schenken sollten, gaben die Kurfürsten scharf Acht aus ihre Juden, daß denselben kein beides geschah, weder an ihrem Seckel noch an ihrem Leibe, ließen sie handeln, wandeln und gedeihen und waren ihre wohlgeneigten Freunde, vorausgesetzt, daß sie mit ihrem Bcutelchen voll Silber und Gold an den Zinstagen pünktlich zur Stelle waren. Aber ein böser Tag kam, wo man nicht nur ihr Silber und Gold, sondern auch ihr Leben wollte; ein Tag, wo selbst ein Hohenzoller die Juden nicht länger vor den trüben Wahnvorstellungen eines aufgeregten Volkes zu s-chützen vermochte; wo die Beschuldigungen und Anklagen auf Hostienraub, Marter und Mord von Chnstcnkindern so laut und stürmisch und in der That durch eine Kette begleitender Umstände (versteht sich in Folge des JnquisiüonSverfahrenS mit Folter und Territion) so glaubhaft wurden, daß das Verhängniß nicht mehr abzuweuden. war. Unter Joachim I. geschah'S im Jahr 1510, daß man von einundfünfzig verdächtigten Juden aus Berlin und der Mark achtunddreißig zum Feucrtode verurtheilte — ״sol man sy zu pulfer verbornen", wie es in den Alten heißt. Von dreien, die zum Chrlstenthum übertraten, wurden zweie zum Tode durch das Schwert begnadigt und demgemäß ״deS Sonabeuds nechst" hingerichtet; ein Dritter aber, wegen - seiner Kenntnisse in der Augenheilkunde, dem Grauen Kloster überwiesen! Von den zehn im Urtheil nicht Erwähnten muß man armehmen, daß sie die peinliche Befragung nicht überlebten, daß sie vor oder nach der Festnahme Mittel zur Flucht fanden oder — dem Scharfrichter durch Selbstmord zuvorkamen. Der Rest ward auf dem Neuen Markte verbrannt. Ir: ihrer Judentracht, mit den gelben und weißen spitzen Hüten, den sogenannten Judenhüten bekleidet, wurden sie mit eisernen Halsbändern an die Roste des Scheiterhaufens geschmiedet, der sich in der Form eines Tabernakels erhob; und hier, von ihrem Nabbiner, der mit ihnen starb, zur Standhaftigkeit ermahnt, hörte man sie Synagogenlieder singen, bis die Flammen aus dem Holz, Reisig und Pech um sie zusamnicnschlugen, bis ihre Stimmen schwächer wurden und allmälig verstummten und Alles in glühende Asche zusammensank.... Aber iarmer noch, indem ich auf derselben Stelle stehe, und hier, von der Ecke der Papenstraße hinüberschaue nach den Ruinen des Kleinen Jüdenhofs, mein' ich die Stimme der Sterbenden und ein leises Wimmern zu vernehmen aus jenen Steinhaufen — Die uns ansehn, schmerzhaft traurig Daß mau glauben muß, sie weinten. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Witten, 24. November, lieber eine Anti- Stöcker-Versammlung in Witten :neldet ein Korresponbcnt des ״Berliner Ta gebt." von dort unterm 21. Novembcr: Heute fand hier-eine außerordentlich stark besuchte Versammlung statt, die als eine Demonstration gegen einen von Herrn Stöcker gehaltenen Bortrag, sowie gegen die Agitation des hiesigen Deutschen (antisemitischen) Vereins aufzufassen war. Die von Herrn Bergrath Erdmann eröfsnete und geleitete Versammlung, die in Ruhe und Ordnung verlief, spendete den Ausführungen des Herrn Dr. Beniner, der die Ansichten des Herrn Stöcker bekämpfte, lebhaften Beifall, ohne daß es indeß auch an einigen Zwischenrufen fehlte. Der Redner betonte auch, daß die Anwesenheit Stöckers in Witten und seine Predigt in der Kirche wesentlich bezweckt hätten, Propaganda für den Hammerstein'schen Antrag zu machen. Es fand schließlich eine Resolution Annahme, in welcher das Vorgehen deS antisemitischen Vereins in Witten gemißbilligt und die Gründung eines Anti׳Wucher-Vereins, entsprechend einem derartigen im Saargebiet bestehenden Vereine, beschlossen wurde. Mit einen: Hoch auf den Kaiser wurde die Versammlung geschlossen.