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Jeschurun · 1886-12-02 · Heft 48 (2.12.1886) · p. 759

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 48 (2.12.1886)
Article
Aus dem alten Berlin
Date
1886-12-02
Page
759 (sequence 1)
Language
German
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759 Aus dem allen Berlin. Die deutsche Neichshanptstadt reinigt sich immer mehr von dem Staube vergangener Jahrhunderte. Das alte Berlin fällt täglich mehr der Vernichtung anheim, um neuen Straßenzügen Platz zu machen. Julius Nodenberg widmet in der ״Deutschen Rundschau" diesem alten Berlin, das bald nur noch in der Erinnerung leben wird, ein Gedächtnißblatt. welchem das Folgende aus dem alten jüdischen Leben Berlins entnommen ist. Früher befanden die Gefängnisse Berlins sich in den Thürmen der Stadtthore, so daß diese Gegend wirklich die der AuSgestoßcnen, Exulirten, war; und hier in der Nachbarschaft der Gefangenen und der Elendsgilde, nur durch ein Stück Stadtmauer von deren Hofe getrennt, wohnten die Juden in einem andern, dem Kleinen Juden Hofe, der auch nicht viel besser war als ein Gefängniß. Denn er wurde des Nachts mit eisernen Thoren verschlossen und durch die Stadtdiener bewacht. Wann die ersten Juden nach Berlin gekommen, ist, so viel ich weiß, bis jetzt noch nicht genau festgestellt worden. Doch müssen sie schon sehr früh hier gewesen sein, fast seit Beginn unsrer Stadt und noch vor den Grauen Brüdern der Klosterstraße. Juden waren in der Mark am Ende des dreizehnten Jahr- Hunderts und in Berlin sicher am Anfang des vierzehnten; denn um die Mitte desselben hören wir schon von einer Judenvcrpfändung, einer Judenverfolgung und einer Judenvertrcibung — die drei einzigen Dinge, wozu sie gut schienen, diese dreimal Armen, die so zäh an ihrem Gott, ihrem Neichthmn und ihrem Hause hingen, und — verlassen, beraubt und verjagt — dennoch immer wiederkamen.... Berlin hatte zwei Jüdenhöfe, den kleinen, an der Stadtmauer, und den großen, an der Jüdenstraßc, weiter oben; und dieser, der Große Jüdenhof, war der erste Wohnsitz der Juden in Berlin. Die Namen selber klingen mittelalterlich und geben uns, mitten in der veränderten Umgebung, eine Art historischen GefühlS, wenn wir diesen Boden betreten. Keiner solchen Glorie, weder mönchischen noch weltlichen, vermag sich die Jüdenstraßc mehr zu ruhmen, wiewohl sie noch älter ist als selbst die Klosterstraße. Von der Stralanerstraße abzweigend, und zwischen Nathhans und Landgericht in die Königstraße mündend, ist sie heute eine breite, freundliche Straße mit allerlei Geschäftshäusern, unter denen nur noch hier und dort eines von mehr prägnanter Bauart hervortritt. Aber ihr Name selbst, und mehr noch dessen mundartliche Form, die sich unverändert erhalten hat, weist in eine ferne Vergangenheit. Hier in einem Hose, der noch immer der Große Jüdenhof heißt, war das erste Ghetto der Berliner Juden. Die Konstruktion des Raumes ist offenbar noch genau dieselbe wie vor fünf Jahrhunderten und ruft deutlich die trüben, alten Erinnerungen zurück. Zwischen den beiden Häusern, Nr. 46 und 47, durch welche man in den Hof tritt, sicht man noch die Oeffnung des Thorcs, welches denselben einst abgcsperrt; man glaubt, dicht zusammengedrängt, noch die Judenhäuscr und die Synagoge zu sehen, die hier stand, und einen Gesang zu vernehmen, weither, klagend uud jubelnd zugleich: ״Sei gegrüßt, geliebte Halle Meines königlichen Vaters! Zette Jakobs, eure heil'gen Eingangspfosten küßt mein Mund:" Aber sie sind gefallen, die Zelte Jakobs, und kein übrig gebliebener Balken oder Stein mehr giebt Kunde von der alten Herrlichkeit und den alten Leiden. Hand- Werker und kleine Beamte wohnen jetzt in diesem Hof, und wo der Schrein stand — der die Thora Aufbewahrer und verhängt ist Mit der kostbar seid'nen Decke, Die von Edelsteinen funkelt — da stehn jetzt die Kremser und Equipagen eines hier residirenden Fnhrhcrrn — und man weiß, die Berliner Fuhrherrcn sind substantielle Leute! Den Hintergrund schließt die französische Kirche, deren Eingang in der Klostcrstraße seit dem vorigen Jahr, dem zweihundertsten Gedenktag des Refugiums, eineVronzctafel schmückt, den Empfang der Flüchtlinge durch den Großen Kurfürsten darstellend; imd vor der sauberen Küsterwohnung im Großen Jüdenhof steht eine alte Akazie, welche zur Zeit ihrer Blüthe dm Hof mit lieblichem Duft erfüllt und ihm zu jeder Zeit ein trauliches Ansehen giebt —״ vielleicht von den Händen frommer Emigranten an dieser Stätte gepflanzt, von welcher Glaubenshaß einst Unschuldige vertrieb, und wo nun sie selber, der alten Hcimath beraubt, eine neue, bessere wiederfanden. Als die Juden aus ihrer!׳, ersten Exil nach Berlin zurückkehrten, da fanden sie ihre Synagoge zerstört und ihre Häuser nicht wieder. Markgraf Ludwig, mit. dem Beinamen der Römer, der sie zuerst ״versetzt", und daun vertrieben, hatte während ihrer Abwesenheit den Großen Jüdenhof dem Probste Möruer geschenkt, und die Inden waren froh, noch weiter hinaus, an der Stadtmauer, im Kleinen Jüdenhof, unterznkommen. Aber wenn es ihnen im großen Jüdenhof schlimm ergangen, so erging cs ihnen schlimmer im kleinen. Mit der Ankunft der Hohenzollern schien zwar, wie Alles in der Mark, auch ihr Loos sich bessern zu sollen, nicht weil diese schwäbisch-fränkischen Herren etwa größere Judenfreunnde gewesen wären als die Märker — wie sollten sie auch? Aber sie waren bessere Rechner.

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