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Jeschurun · 1886-11-25 · Heft 47 (25.11.1886) · p. 744

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 47 (25.11.1886)
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Giftsaat
Date
1886-11-25
Page
744 (sequence 3)
Language
German
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744 Stimmen laut wurden, die gegen die Hetzrede des berühmten Manneö aus der Hauptstadt protcftirtc.1. und sich auf MauSseldö Seite stellten. Es kam noch hinzu, daß nicht von Friedlich und Mansfeld, so doch von Frau Krabbe, die Handlungsweise des großen Volks- Verführers bekannt wurde und die Menschenfreundlichkeit gerade des Mannes in ein Helles Licht setzte, um dessen Wahl es sich demnächst handeln sollte. So standen am entscheidenden Tage sich zwei Parteien gegenüber: die jndenfeindliche, welche in der Beseitigung Fricdlichs nicht ihn allein, dessen makelloser Name selbst der boshaftesten Verleumdung keinen Anhalt zur Verdächtigung darbot, sondern eine gaüze NcligionSgenosseuschast treffen wollte — die judcnfreundliche, die in der Wiederwahl des um das Gemeinwohl so verdienten bisherigen Stadtverordneten, den Haß und die Bosheit bekämpfte und den inneren Frieden der Bürgerschaft vertheidigte. Die Erstere errang den Sieg. Friedlich blieb mit einer sehr großen Anzahl Stimmen in der Minoritüt. Die Wclsingcr Stadtverwaltung war glücklich den! verderblichen Einfluß der Juden entzogen worden. Der Telegraph verkündete nach allen Richtungen der Windrose dieses hochbedeutsame Ereigniß. Die Judenfeinde feierten ihren Triumpf an allen Orten des Landes, wo die giftige Saat des Antisemitismus einen enlpfänglichen Boden gesunden hatte, in Festgclagen, Hetzreden und Hetzschriften. Friedlich aber sprach zu seinem Freunde Mansfeld, welcher durch das Resultat der Wahl bis in die tiefste Seele hinein erschüttert war: ״Hatte ich nicht Recht? Die Macht der niederen Leidenschaften ist zu gewaltig, das Vorurtheil gegen die Juden wurzelt zu tief, als daß man demselben etwas Anderes als die stille, sriedliche Arbeit der Liebe entgcgenstellen könnte. J!n Kampfe werden wir stets unterliegen. Trotzdem wird unser der endliche Sieg, weil es nicht unser Sieg, sondern der Sieg des Göttlichen und Edlen, der Wahrheit und dcö Rechts ist. Diesenigen unter uns, welche in der schönen Erhebung der Gemüther zu vorurtheilsfreierer Gesinnung bereits einen unverlierbaren Sieg bejubelt und in Verblendung dem jüdischen Gesetze die Treue und den Gehorsam aufkündigcn zu müssen glaubten, um deS Segens der Emanzipation und der vollen Achtung und Liebe der Mitbürger theilhaftig zu werden, finden sich durch die Strömung des Tages bitter enttäuscht. Die Anderen aber schauen ruhigen Sinnes der Zukunft entgegen, der schönen herrlichen Zukunft, um welche sie in ihrem Gebete heiß flehen und auf welche sie fest harren, weil Gott sie ihnen längst enthüllt hat." Mansfeld seufzte tief auf und drückte des Freundes Hand. #. Joseph Friedlich hatte das Gymnasium absolvirt und sollte die Universität beziehen. Es war ihm nicht leicht geworden, das Zeuguiß der Reife zu erlangen, trotzdcu! er stets zu den besten Schülern gezahlt. Im Lause der letzten Jahre hatten!!cimlich die Direktoren der höheren Schulen die Anweisung erhalten, fernerhin ans die jüdischen Abiturienten die bisher geübte Rücksicht nicht wallen zu lassen. Bis jetzt hatte man denselben gestattet, die auf einen Sonnabend fallende schriftliche Prüfung nachzuholen. DaS sollte nicht mehr statthast sein. Herr Friedlich wandte sich vor Ansetzung dcS Prüfungsprogramms au den Direktor, um ihn zu ersuchen, den Umstand, daß sein Sohn am Sonnabend nicht schreiben dürfe, von vornherein zu berücksichtigen. Der Schulmouarch war über diese Bitte im hohen Grade erupört. ״Die Inden verlangen immer etwas Besonderes!" antwortete er. ״Nicht genug, daß durch eine Verordnung aus früherer Zeit den Israeliten gestattet ist, während der Schuljahre um Dispensation von der Thcilnahnie am Schreib- und Zeichnen-Unterricht am Sonnabend und ihren Feiertagen nachzusnchcn und einem solchen Ersuchen zu meinem lebhaften Bedauern stattgcgeben werden muß, verlangen sie auch noch, daß der jüdische Abiturient so allmächtig sein soll, um den! Direktor bei der Aufstellung deö PrüsnngSprogramnis Gesetze vorzuschrciven! Gründen Sie doch jüdische Gymnasien, wenn Sie Ihren Sonnabend so hoch Halter! wollen. Und wenn Sie das nicht wollen oder können, so lassen Sie doch Ihre Jungen lieber Schuster oder Schneider werden, als Gelehrte! Die Juden dominiren überall. Wahrlich, cS ist Zeit, daß mau ihren! Uebermuth Schranken setzt." ' Es bedurfte der eindringlichen Verwendung deS Klassenlehrers für seinen besten Schüler, um den ge״ strengen Herrn Direktor endlich zu veranlassen, eine ihm sehr leichte Aendcruug in der Vcrtheilung des PrüfuugSstofsts gnädigst zu bewilligen, daiuit der eine Jude ohne Verletzung seines NeligiousgesctzcS an der Prüfung theilnehmcn konnte. Wäre diese eindringliche Verwendung nicht gewesen, so hätte Joseph Friedlich nicht die Universität beziehen können. (Fortsetzung folgt.)

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