Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-11-25
- Page
- 743 (sequence 2)
- Language
- German
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743 wahren, achten Nächstenliebe, wie sie das Christenthum lehrt, haben Sie keine Ahnung, wie Ihr Gott ja auch nur der Nationalgott der Juden, der Gott der Rache ist." Mansfeld war cmpörc von seinem Sitze aufgestanden. ״Das wagen Sie zu behaupten, das wagen Sie mir entgegenzuschleudern? Sie wollen Beweise. Vielleicht genügt Ihnen ein einziger. Cs wohnt hier eine arme christliche Wittwe. Sie befindet sich in bcdrängtcr Lage. Sie soll heute ausgepfändet werden wegen Schulden, für welche sie ihren Gläubigern, keinen jüdischen, verhaftet ist. Sie kann nirgends Hülfe finden. Der eigene Bruder stößt sie von sich. Da klagt sie in der Verzweiflung ihres Herzens einem Juden ihre Noth. Dieser Jude geht vor einer Stunde von mir weg, um mit dem von jüdischen Mitbürgern gesammelten Gelde die Schulden der Frau zu bezahlen und sie vor dem Untergange zu retten. Die Frau ist Ihre Schwester, Herr!" Das spöttische Lächeln schwand von den Lippen des Agitators. ׳ Daß seine Schwester sich an einen Juden wenden konnte, hatte er nicht für möglich erachtet. Dieser Umstand drohte den raschen Triumph, welchen er in Wclsingen errungen hatte, zu Nichte zu machen. Ja, nicht nur dieses allein, auch seine ganze Stellung konnte erschüttert werden. Wie würden die Juden seinen Namen in der Oeffentlichkeit verunglimpfen. Cr hatte den von ihm tödtlich Gehaßten eine Waffe in die Hand gespielt, die ihn vernichten konnte. Warum war er auch hierher gekommen? Verwünschte Sorglosigkeit! Doch der Mann,-welcher erhitzten Volks-!nassen gegenüber nicht die Geistesgegenwart verlor, errang auch hier sehr schnell die Fassung'wieder. ״Sehr gut, Verehrtester," sagte er nach einer kurzen Pause, ״das haben Ihre Leute vortrefflich gemacht! Ja, die Israeliten sind schlaue und gefährliche Gegner. Sie vermeiden den offenen Kamps und wissen den Feind auf Schleichwegen hinterrücks zu überfallen. Da haben sie rasch meine Familicnverhältnisse ausgekundschaftet, sich meiner armen Schwester bemächtigt und wollen nunmehr deren Nolhstand gegen den Bruder ausspiclen. Meine arme Schwester! Was habe ich nicht seit Jahren für sie geleistet! Ich habe ihr noch gestern eine JahreSrentc aus meinen bescheidenen Einfünften auSgesctzt. Freilich, mit den Geldsäcken der Juden kann ich nicht konkurriren. Was liegt Israel an ein paar hundert Thalern, wenn sie damit den Feind vernichten zu können glauben? Beuten Sie nur die Geschichte von dem hartherzigen Bruder uud den barmherzigen Inden gehörig aus. Sie werden ja sehen, wie weit Sie damit kommen. Mich können Sie vielleicht damit an den Pranger stellen, aber sich nützen Sie doch nicht. Wer für eine große Sache seine ganze Persönlichkeit einsetzt, muß sie auch wirklich preiszugeben wissen. — Ja, wahrhaftig, da haben Sie einen großartigen Coup ausgcsührt, er macht der jprüchwörtlichen Klugheit Ihres Stammes alle Ehre." ״Sie irren sich," entgegnete Mansfeld ruhig. ״Ihre Schwester hat meinen Freund Friedlich aufgesucht, gerade den Mann, * den Sie aus seiner wohlverdienten Ehrcnstelluug verdrängen wollen. Ich gedachte allerdings meinen Mitbürgern die nackte Thatsache zu berichten, damit sie zwischen Ihnen und den Inden sich entscheiden. Mein Freund aber hat mir das Ehrenwort abgenommen, daß ich mit keiner Silbe Ihre Privatangelegenheiten vor die Ocsfcntlichkeit Zerre, und ich werde mein Wort halten. Sie können also ganz beruhigt sein. Ihnen aber sage ich es ins Angesicht: Sie sind nicht werth, Herr, mit meinem edlen Freunde in einem Athem genannt zu werden." Er wandte sich zum Gehen und verließ den großen Mann, der kein Wort mehr zu finden wußte. Am Abende wurde als Beilage zu der ״Welsinger Zeitung" ein Blatt mit ausgegeben, in welchem ManSfeld in kurzen kräftigen Worten seine Mitbürger warnt, aus den Verführer zu hören, der den Frieden innerhalb der Bürgerschaft zu stören gekommen war. Er wies nach, wie dessen gestrige Rede den schamlosesten Eigennutz verherrlichte, wie sie allen Gesetzen der Moral Hohn spreche und den Menschen zur Bestie mache, die auch kein höheres Gebot kennen, als die rücksichtslose Verfolgung des in ihm lebenden egoistischen Triebes. Habe Jener an die niedrigste Leidenschaft in der Menschenbrust appellirt, so wolle er sich an deren edelste Regungen wenden, an die heiligen Genien der Wahrheit, des Rechts und der Liebe, welche des Menschen Entschlüsse allein beeinflussen sollen. Eine Lüge sei es, die Juden und Christen als gegenseitige Feinde zu kennzeichnen, ein schreiendes Unrecht, ihnen den Anspruch aus die volle Gleichberechtigung mit den übrigen Bürgern streitig zu machen, verabscheuungswürdiger Haß allein könne die giftige Saat der Zwietracht in den Schooß eines Gemeinwesens streuen wollen, wo bis zu dieser Stunde Eintracht und Friede gewaltet. Die schlichte Wahrheit dieser Worte verfehlte allerdings nicht, Manchen, der am gestrigen Abend sich an den Agitator gedrängt hatte, um nur des Ehrenmannes Händedruckes theilhaftig zu werden, wieder in seinem Entschlüsse, ein wüthender Judenfeind zu werden, wankend zu machen. Mansfeld war eine allgemein gekannte und beliebte Persönlichkeit, und man hatte doch im Allgemeinen gar keine Ursache, den jüdischen Mitbürgern zu grollen. Die Nothwendigkeit einer Feindschaft, welche zu einem Kampfe ans Leben und Tod herausfordert, leuchtete doch Vielen nicht ein. Merkwürdiger Weise war es gerade der Kreis demittleren und ärmeren Bürgerstandes, in welchem