Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1886)
- Article
- Nomadenthum und Judenherrschaft
- Date
- 1886-11-25
- Page
- 738 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933200-2967845--23532-2967909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
738 fic noch an Wildheit nnd Zügellosigkeit möglichst zu überbieten. Wir kennen Wahrmundö Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft nicht, wissen überhaupt nicht, ob er hier irgend etwas geleistet. Er könnte jedoch auf die hervorragendste und anerkennungöwürdigste Thätigkeit als akademischer Lehrer und Schriftsteller zurückzublicken haben und würde damit nicht wcttzumachen vermögen, was durch die vorliegende Schrift gesündigt. Dieselbe ist ein Attentat auf den gesunden Menschenverstand, eine Herabwürdigung der Wissenschaft, ein Verrath an den Frieden der Menschengesellschaft, ein Hohn auf die heiligsten und ehrwürdigsten Kleinodien der gesitteten Welt. Da das jüdische Volk absolut niemals ein Nomaden- Volk gewesen und keinerlei geschichtlich begründete AnhaltSpunkte sich finden lassen, um einer so plumpen Unwahrheit auch nur den leisesten Schein einer Wahrscheinlichkeit zu verleihen, so daß selbst ein Wahrmnndsches Gehirn verzweifeln mußte, um irgend etwas zu erklügeln, was die dreiste Behauptung des vorliegenden Buches wenigstens einigermaßen vor dem dunnnsten und denkunsähigsteu Leser rechtfertigen könnte, so blieb seinem Vcrsasser, der nun einmal um jeglichen Preis mit dem pikanten Nagout ״Nomadenthum und Inden- Herrschaft" als allcrneuester Delikatesse den sehr verwohnten antisemitischen Gaumen reizen möchte, nichts Anderes übrig, als auf den Versuch einer Begründung überhaupt zu verzichten. Aber man ist doch nicht umsonst Professor und Dozent, und ein solcher muß doch Anstands halber mindestens gelehrt thnn, damit der ungelehrte Haufe doch nicht allzu gering von der Kathederweisheit denkt. Nichts leichter für einen geistreichen Mann. Muß denn gerade das Nomadenthum der Heuligen Juden nachgewicsen sein? I, Gott dewahre! Es giebt doch noch andere Volköstämme, die Nomaden sind. Da haben wir z. B. den arabischen, der paßt ganz herrlich. Slammen doch die Juden von Jakob, dem Sohne Isaaks ab, und die Araber von Jsmael. Jsmael und Isaak waren aber Söhne desselden Abraham von verschiedenL« Müttern. Freilich hat die Geschichte des von Jsmael ausgehenden Stammes mit derjenigen des JakobsvolkeS gar nichts gemein. Das schadet aber nichts. Wir schildern erstens den Nomaden überhaupt schwarz in schwarz, dann ben arabischen Volköcharakter ebenfalls schwarz in schwarz. So sprechen wir von Räubern, Ueberfällen, Beute, Lanzen und andern fürchterlichen Dingen, die dem behäbigen, friedlichen arischen Mersmann ein gelindes Gruseln verursachen. Er denkt sich, es muß doch in einer solchen arabischen Wüste sich höchst unbehaglich wohnen lassen; mau ist keinen Augenblick vor den wilden Nomaden sicher, die plötzlich wie der Samum auf schnellem Rosse dahergestürmt kommen und Alles rauben, Alles niedersengen, Alles in die Gefangenschaft schleppen. Ach, da lobe ich mir mein schönes Stcierland oder Pommerland, da giebt es keine Wüsten, keine razzirende arabische Nomaden, da ist eS ruhig und friedlich. Da tritt aber plötzlich Herr Wahrmnnd auf und spricht: Du irrst, lieber freundlicher Arier und Ackersmann. Habe ich dir denn nicht so eben den rohen und rauberischen Nomaden in recht lebhaften Farben geschildert! Nun, statt Araber sagst du einfach — Jude, dann hast du in den steierscheu Bergen und auf den pommerscheu Marschen den allerschönsten Nomaden in der graulichsten Gestalt tagtäglich vor dir und mußt dich schaudern, daß du gar nicht aus der Gänsehaut herauökommst. Dieses ist die Wahrmund'sche Beweisführung. Fritz Reuter nennt dieses die ״Sokrat'sche Method", des wackern ״Schaulmeistern Nosengränn", der eS dem Herrn Schulrath in der sokratischen Lehrweise nachmachen wollte. Der Herr Schulrath hatte die Dorfjngeud, um ihr den geographischen Unterricht zu erleichtern und aus ihr selbst herauszulocken, daß Hambürg an der Elbe liegt, bis Elf zählen lassen. Statt ״Elfe" saget ihr nur ״Elbe". Der wackere Schulmeister geht weiter nnd weiß auch auf die gleiche einfache Weise die Antwort auf die Frage: ״Wo mündet sich die Elbe ein?" herauSznlocken. Körtliug Heinz muß bis zwölf zählen. ״Halt!" seggt Rosengräun. ״Wo mündet nun die Elbe rein? Fällt Keinem denn der Name ein? — Nun, 's ist doch so 'ne leichte Sach! Denkt doch bei ,Zwölfe' etwas nach! — Zwölf — zwölfe — thut'S euch überlegen! Seid ihr denn Alle in dem Das? Da stehn sic nu, die Dämelkläj'! Stats ,Zwölfe' müßt ihr,Nordsee' scggen." Also spricht auch Professor Wahrmnnd zu dem etwas schwer begreifenden Publikum. Fällt euch denn bei Araber gar nichts ein? — Da seht einmal die Dummköpfe, statt Araber müßt ihr Jude sagen! Das ist die Wahrmnnd'sche Methode; damit beweist er. daß die Juden Nomaden sind, und alle die schrecklichen Eigenschaften haben und alle die furchtbaren Thaten üben, die er von den Arabern in der Wüste anschaulich geschildert! (Fortsetzung folgt.) Nss M MS Mserm mMMHe« §1i!ki1־! M־tei? v Wir haben bereits zu öfteren Malen dieser Frage die Spalten unserer Wochenschrift geöffnet. Unsere