Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1886)
- Article
- Jüdische Briefe aus und über Rußland
- Date
- 1886-11-18
- Page
- 729 (sequence 1)
- Language
- German
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M 4ö, 729 Zeschrrrrrn. I'Difhe Briefe m!0!md filier RnImd. Von Peniel. (?lus dem Hebräischen übersetzt.) VIII. Die Vertrauensseligkeit und Kurzsichtigkeit dieser aufrichtig das Gute, Wahre, daS Heil des Judeuthums Fördernde anstrebende Männer, welche sich von den glatten Worten der schlauen Neformsüchtigen täuschen lassen und — in bester Absicht, vermeintlich für die Erhaltung des Judeuthums wirkend — mit diesen Reformern gemeinsame Sache machen, hat unendlich geschadet und schlägt dem russischen Judenthum fortwährend neue Wunden. O, diese Leichtgläubigleit, diese wohlgemeinte Unterstützung der Maßkilim, diese harmlose Unerfahrenheit in einer Sache, welche den Nerv deö religiösen Lebens und des religiösen Geistes tödtlich verwundet? Würden wir nicht wissen, daß hier eine bedaueruSwerthe Verirrung, welche aus der Uukenntui-ß der Personen und der Nichtcrwägung der Folgen entspringt, obwaltet, — würden wir nicht überzeugt sein, daß hier in reiner Gesinnung irrthümlich — jedoch eine שגגה שהעלה זדון — UebeleS gewirkt wird, und zwar leider in solchem Maße und von solcher Tragweite, daß es sich ganz der Schätzung entzieht, so dürften wir nicht .zurückhalten und müßten Namen össentlich zur Rechenschaft ziehen. Wir können aber vorauSsetzcn, daß das deutsche Publikum auch in seiner nächsten Nähe ähnliche Beispiele kennen wird, in welchen in gleicher Weise ans Unverstand, Mangel an Ueberlegung. Ucbereifer und sonstigen in der Person der Betreffenden wurzelnden Beweggründen, von sonst achtungswerthen, gottesfürchtigen, das Jndenthnm ocrehrenden Männern Hand in Hand mit den Reformern an dem Umsturz gearbeitet worden ist, vielleicht noch jetzt gearbeitet wird. Noch ist die Zeit hier zu Lande nicht gekommen, aber sie wird hoffentlich einmal hereinbrcchen, wo eS auch den Gesctzestreuen gestaltet ist, öffentlich das Wort zu nehmen, daun wird es möglich sein, eine erschöpfende Darstellung der heutigen Zeitströmnug und der Ereignisse der Gegenwart zu verfassen. Dann wird wenigstens den kommenden Geschlechtern zum Bewußtsein gebracht werden, wer in der Gegenwart zu den Großen unseres Volkes, zu seinen Leuchten und Wohlthätern in Wahrheit gezählt werden kann, und wo die,Feinde des Jndenthnms im eigenen Lager zu suchen sind. Dann wirb eine gerechte Geschichtsschreibung auch festzustellen haben, wer zu den Letzteren zu zählen ist als in bewußter feindseliger Absicht handelnd, und und wer zu ihnen aus Unverstand gehalten hat. Gebe Gott, daß diese Zeit nicht mehr allzusem ist! Wir wollen darum bei' diesem Kapitel nicht länger verweilen. Es genügt uns, wenn wir dazu beigetragen haben, unsere Brüder in Deutschland zu warnen, daß sie aus der Ferne über unsere religiösen'Zustände kein unbedachtes Urthcil fällen, daß sie sich nicht von Namen blenden lassen, die heute Bestrebungen decken helfen, welche auf die Untergrabung dcS Judenthums gerichtet sind. Ihnen, in der Ferne, erscheint nur die Außenfeite der Dinge, sie wissen nicht, welches Verderben sie im Innern birgt. Sie mögen aber nicht vergessen, daß sie sich ebenfalls der Förderung au dem Neberhandnehmen des Abfalls schuldig machen, wenn sie in Ueberciser hierher ihre 'Rathschläge entsenden. Sie mögen die verhängnißvolle Tragweite solcher Urtheilc und Nathschläge, die sie gewiß auch in bester Absicht geben, nicht verkennen. Gelangt eine solche Venrtheilung über hiesige Verhältnisse von Seiten eines bekannten Mannes des Auslandes hierher, so wissen die an dem Ruine des Judeuthums Arbeitenden, die Neformsüchtigen, sehr schlau eine solche Meinungsäußerung einer auswärtigcn Autorität zu ihren Zwecken zu verwerthcn. Sie berufen sich für ihre verwerflichen, geheim gehallenen Ziele auf diese Autorität, von welcher auch die Gesetzestreuen zugestehen müssen/ daß sie sie achten. Dann rufen sie diesen Gesetzestreuen zu und verkünden auch solches laut im Lande: seht, die Orthodoxen im Auslände wissen Bildung und allgememeS Wissen zu schätzen, unsere Orthodoxen aber sind Finsterlinge, Fanatiker u. s. w. u. s. w. Sie wollen nichts lernen, sie wollen sich der allgemeinen Bildung entziehen, sie sind zu bornirt; darum muß man mit Gewalt und gegen ihren Willen ihnen die Segnungen der Aufklärung aufnöthigen. Es geschieht ja zu ihrem Vesten. Man kann gar nicht anders, als sie als unmündige Kinder behandeln, die man zu ihrem Besten mit Strenge und Strafen erzieht, n. s. w. u. s. w. — So haben die Herren im Auölande gar keine Ahnung, welches Unheil sie hier oft anrichten und wie ihr geachteler Name oft zu einem Werke mißbraucht wird, dem sie gewiß selbst in tiefster Seele abgeneigt sind. Unfern hiesigen Neformsüchtigen gilt jedes Mittet recht, wenn cS nur ihren verwerflichen Zwecken dient. Sie nehmen Jedes, wo es sich ihnen darbietet. Es kommt ihnen gar nicht darauf an. heute einen deutschen orthodoxen Rabbiner, welcher etwa gerade Veranlassung hatte, in seinem Lande ungehörigen Bestrebungen von reformistischer Seite energisch entgegenzutreten, zu verlästern und zu verhöhnen, und zwar in ganz ausschweifendem Maße. Morgen aber paßt es ihnen, für irgend eine ihrer Bestrebungen sich auf einen AuSsprach oder eine Handlung gerade dieses henke Geschmähten und in den Staub Getretenen zu beziehen, um unter dem Schatten seiner Autorität gegen die