Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-11-18
- Page
- 728 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933199-2967739--23470-2967808- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
728 3:־ Kommerzienrats), nicht viel würdiger? Es ist gar nicht zu begreifen, wie wir nur aus den Juden kommen konnten, den Inden überhaupt jemals zu wählen und ihn immer aufs Neue zu wählen!" So folgten weise, edle und gute Reden auf einander, und so weise, edle und gute Entschlüsse waren dieser Reden köstliche Frucht. Der Wein floß dazu in Strömen, und erst das Morgengrauen trennte die edlen Seelen. Keiner aber konnte mit innigerer Befriedigung sein Lager aufsuchen, als der große Mann, dessen Redekunst einen solchen Umschwung der Gesinnung vcrursacht hatte. Ihm war in der Thar Großes gelungen. Das Gefühl dieser innigsten Behaglichkeit lagerte noch auf seinem Antlitze, als er am späten Vormittag das Frühstück einnahm und ihm Mansfelds Karte gebracht wurde. ״Jakob Mansfeld", las er. ״Ein Jude! Was kann dieser bei mir zu suchen haben? Sollte er ein Gläubiger meiner Schwester sein, einer der Wucherer, die sie in ihren Klauen haben?" Von dem Kellner des Hotels, welcher ihm die Karte gebracht hatte, erfuhr er jedoch, daß Herr Mausfeld Besitzer einer großen Fabrik sei. Es war nicht anznnehmen, daß ein solcher, wenn auch Jude, sich zu so kleinen Geschäften, wie das Bewuchern einer armen Wittwe, hergeben sollte. Eine Belästigung in dieser Hinsicht war nicht zu erwarten. ״Ich lasse den Herrn hcreinbitten." sprach er zu dem wartenden Diener. Er ging dem Eintretenden entgegen und bot ihm artig einen Stuhl an. ״Ich zählte zu den Zuhörern Ihres gestrigen Vortr.agS," nahm Mansfeld das Wort. ״Ich bin Jude und muß mich als solcher von Ihnen bitter gehaßt erachten. Trotzdem komme ich hierher, oder vielmehr gerade deshalb. Die Juden befanden sich hier, und, wie ich glaube, im ganzen deutschen Reiche, bis jetzt in Eintracht und Frieden mit ihren andersgläubigen Mitbürgern. Sie suchen dieses friedliche Zusammenleben zu stören. Würden Sie geneigt sein, mir Aufschluß zu geben, welche '.Gründe in Wirklichkeit Ihre uns feindliche Agitation veranlassen? Haben die Inden in Deutschland im Großen und Ganzen irgendwie sich als Feinde des Vaterlandes erwiesen, haben sie nicht vielmehr stets treu zu Kaiser und Reich gestanden und des Vaterlandes Wohlfahrt gefördert wie ihre chriftlichen Mitbürger?" Der Agitator hatte Mansfeld lächelnd zugehört. ״Sie finden mich zu so später Stunde noch beim Frühstück," entgegnete er. ״Ich bin erst spät zur Ruhe gekommen. Sie gestatten wohl, daß ich mir eine Zigarre cmMde. Ich entbehre solche ungern nach dem Kaffee. Darf ich Ihnen eine anbieten? Man plaudert angenehmer beim Aigarrendampf." Als Mansfeld die angebolene Zigarre ablehnte, setzte er die!einige in Brand und fuhr fort: ״Ihre Frage setzt mich in Erstaunen, verehrter Herr. Sie gehören, wie ich weiß, zu dm angesehensten und im telligentesten Bürgern der hiesigen Stadt. Ich darf deshalb annehmen, daß Sie meinen gestrigen Auseinandersetzungen mit Verständniß gefolgt sind. Ich habe denselben nichts hinzuzufügen. Ich nehme keineswcgS in Abrede, daß die Juden ihren Pflichten als Steuerzahler und Soldaten getreulich Nachkommen. Sie müssen wohl. Der Staat weiß die Renitenten zu zwingen. Darum handelt es sich gar nicht. Ebenso ist es ganz unzweifelhaft, daß es recht viele achtungs- und liebenswürdige Männer und Frauen unter Ihren Glaubensgenossen giebt, mit denen ein recht angenehmer Verkehr zu pflegen ist. Wer leugnet denn solches? Giebt es nicht auch achtungSwerthe und liebenswürdige Franzosen, die wir freundlich behandeln, wenn sie uns besuchen, und die uns wohlwollend entgegenkommen, wenn wir sie in ihrem Lande aufsuchen. Trotzdem haben wir einen Krieg mit ihnen geführt. Die liebenswürdigen und achtungSwerthen Inden sind uns auch als fremde Gäste vorübergehend ganz angenehm. Aber sie haben nicht in unsere Angelegenheiten dareinzureden, können nicht Ehren- und autoritative Aemter bei uns bekleiden, weil sie eben fremde Gäste sind, denen wir eine wohlwollende Gastfreundschaft so lange gewähren, bis sie uns lästig fallen. . Das ist doch ganz klar und eigentlich selbstverständlich. Hat man nun den Fehler gemacht und die Inden als vollberechtigte Einheimische betrachtet, so muß dieser Irrthum redressirt werden. Da haben Sie, Verehrtester, in nüchternen Worten das ganze Geheimniß meines Herzens." ״Wer giebt Ihnen das Recht, die Juden als Fremde auf deutschem Boden zu betrachten?" fuhr Mansfeld auf, den der leichte, spöttelnde Ton in seines Gegners Rede empört hatte. ״Woher wollen Sie das Recht hcrleiten, das verliehene Jndigenat selbst einem ehemaligen Fremden oder dessen als Inländer geborenen Kindern wieder zu entziehen? Juden weilen so lange im Lande wie die meisten anderen Stämme, welche das heutige deutsche Volk bilden. Sie haben sich stets als Einheimische gefühlt in der Bethätlgung un״ ersehnttcrlicher Treue zum Lande, hingebcnder Liebe zu den Mitbürgern. Selbst als. diese ihnen die ihnen gebührende volle Gleichberechtigung vorenthielten und sie unterdrückten und mißhandelten, wankten die Juden nicht in jener Treue und Liebe. Das bezeugt die Vergangenheit." (Fortsetzung folgt.) 1