Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-11-18
- Page
- 727 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933199-2967739--23469-2967807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
727 herüber Verehrung ' schaarten, wies aber gerade das Gegentheil nach. Es sei eines wahrhaft liberalen, vornrtheilSfreien und gebildeten Mannes im neunzehnten Jahrhundert unwürdig, der Schwäche, der Schwärmerei, der Unklarheit, der mißbräuchlichen Anwendung der Begriffe: Freiheit, Nationalsinn, Patriotismus fernerhin Raum zu geben. Die Devise der Gegenwart sei ein gesunder Realismus. Ihm müsse jeder Vernünftige huldigen. Dieser gesunde Realismus aber verlange, vor Allem vorurtheilslos sich von der Herrschaft eines krankhaften Idealismus zu befreien, jener romantischen Anschauung, welche deS eigenen Jchs, der vitalsten Lebensbedingnngen vergessen ließe, um einem auf die Spitze getriebenen Prinzip zu Liebe sich selbst preiszugeben. Die Judenemanzipation sei aus einer solchen Verirrung hervorgegangen: Sie müsse unabweislich zur Unterdrückung des deutschen WirthsvolkeS durch das ihm in gewisser Hinsicht überlegene Gastvolk führen, sie bezeichne eine Trübung des national-deutschen Bewußtseins. Jeder freie, von seinem nationalen Werthe durchdrungene, das Vaterland aufrichtig liebende Mann müsse deshalb sich aus den Banden einer solchen verderblichen romantischen Schwärmerei zu befreien suchen und dem Vaterlande auch das Opfer persönlicher Freundschaft zu einzelnen Individuen des eingedrungenen und zur Oberherrschaft führenden Stammes zn dringen wissen. Zu Ehren der Welsinger Bürgerschaft muß anerkannt werden, daß unter der Elite derselben, welche dieser Offenbarung bei diesem denkwürdigen Bankett theilhaftig ward, sich Viele befanden, die zu einem solchen Opfer stark genug waren. Da war der würdige Gymnasialdirektor, welcher sich sofort zu einer so crhabenen Aufopferung begeistert fühlte. Trotzdem die jüdischen Schüler zu den eifrigsten, lernbegierigsten und gesittetsten des Gymnasiums zählten, und die reichhaltige Bibliothek der Anstalt vor Allem der dankbaren Muni׳-׳ fizenz jüdischer Eltern ihre Grundlage und Entwickelung verdankte, so faßte er doch in dieser geweihten Stunde den patriotischen Entschluß, sich durch solche und ahnliche kleinliche Rücksichten nicht ferner beeinflussen zu lassen und der Judenherrschast durch Unterdrückung des Stolzes in der Brust des jüdischen Schülers frühzeitig einen Dämpfer aufzusetzen. Er gelobte es sich, die jüdischen Jugend fortan fühlen zu lassen, daß die höhere Bildung und dir darauf sich gründende hervorragende Stellung im bürgerlichen Leben keineswegs dem Gast- Volke gezieme, welches für die bloße Duldung seiner Existenz überhaupt sehr dankbar fein müsse. Da war ferner der hochangcseheue Justizrath, der gesuchteste Rechtsanwalt der Stadt, welcher auch zn einem ähnlichen Opfer bereit war. Obgleich er einen großen Thcil seiner einträglichen Praxis dem Vertrauen der jüdichen Geschäfts- Welt verdankte unedle Erfahrung gernacht hatte, daß der prozessirende Jude auch bei der Verfolgung seines Rechts vorzugweise gern geneigt war, dem Gebote der Menschenliebe und der Billigkeit Rechnung zu tragen, und obgleich er in jüdischen Kreisen viele Freunde zählte, so wollte er dennoch fürderhin dem schwächlichen Gefühle geschäftlicher und freundschaftlicher Verpflichtung entsagen und gegen die Judenherrschaft wirken, welche durch die in erschreckendem Maße sich mehrende Zahl jüdischer Neserendarc bei den Gerichten in sicherer Aussicht stände. Er hatte drei Söhne, welche Jura studieren sollten; welche gefährliche Konkurrenz drohte ihnen nicht auS diesen jüdischer! Referendaren? Da waren auch der Geheime Kommerzienrath und der Herr Superintendent, der Sanitätsrath und der Herr Seuerdircktor und noch manche Andere, welche sich zn gleicher patriotischer Auf- Opferung begeistert fühlten. Ein Jeglicher war freudig überrascht, eine solche Fülle von Freihcitsgesühl, Nationalsinn und Vaterlandsliebe bei sich zu entdecken, welche ihn zu so edlen Entschlüssen befähigen konnte. Dieses Erwachen des besseren TheilS, diese schöne Selbsterkcnntniß, diese edle Begeisterung verliehen diesem Feste eine erhabene Weihe, in welcher große Seelen in überströn'.ender Empfindung sich gegenseitig suchen und einander finden. ״Wir bewegen uns heute in einer soreinen Atmosphäre, von keines Inden Gegenwart getrübt, und fühlen uns in ihr so lebcnsfrisch und lebenfroh wie noch niemals bei den Neunions unseres Vereins, daß der Wunsch gewiß von Allen getheilt wird, stets in einer solchen athmcn zn können," bemerkte der chrcnwerthc Präsident deS Bürgcrvereins. ״Die Inden, welche zn unser Aller Bedauern einmal Mitglieder sind, können wir leider nicht aus unserer Mitte bannen, laßt uns aber dahin einig werden, fernerhin keinen Juden aufzunehmen," bemerkte ein Anderer. Jubelnde Zustimmung lohnte diese edelmüthrge Anregung. Aber ein begeisterter Bcifallsstürm erhob sich, als der Herr Justizrath auseirrandersetzte, man habe auch Mittel an der Hand, um die Juden, welche Mitglieder seien, arrSzuschließen. ״Wir berufen eure General- Versammlung, beschließen die Auflösung des Vereins und konsiiruiren uns sofort als ״Neuer Bürgerverein", dessen erstes unabänderliches Statut lautet: Juden können nicht anfgenvmrncn werden!" ״Wir können freilich die Slädtcordnnng nicht aufheben," sprach ein Anderer, nachdem der Beifallssturm sich beschwichtigt hatte, ״aber wir haben es doch in der Gewalt, das Stadtverordueten-Kollegium von dem jüdischen Einfluß zu befreien. Wir wählen den Inden Friedlich nicht wieder. Ist unser Freund, der Herr