Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1886)
- Article
- Das Organ des Breslauerthums
- Date
- 1886-11-18
- Page
- 724 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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noch eine Folge der großen Sonnenhitze sein? Will er etwa der Orthodoxie das Recht bestreiten, einen Verein zu konstituiren? Kennt er nicht den Vers des alten Gedichtes: ״Was ich in meinem Zimmer mache, schiert das woh! einem Andern was." Waö kümmertS ihn, da ja Rabbiner Hirsch und die Partei, an deren Spitze dieser steht, ihn und seine Partei nicht angegriffen haben? Aber die Antwort ist leicht gegeben. Der Hieb, den Hirsch durch die Gründung dieses Vereins führte, scheint doch tief zu sitzen, und das sögenannte Neformjudenthnm, als dessen Hort sich Nahmen geriet, fühlt instinktiv die Gefahr, die ihm niit der Zeit dadurch droht, daher dieses anathcma sit dagegen geschleudert. Ich glaube, daß dieses Gebühren des Herrn Rahmer,. sowie alle seine Liebenswürdigkeiten (in Betreff derer er sich dreist mit der amerikanischen Revolverpresse messen kann), die er dem Trifolium Hirsch, Hildesheimer, Lehmann entgegenschleudert, von diesem wohl sehr kühl ausgenommen werden, und das mit Recht. Denn ernsthaft zu nehmen ist ja all diese Salbaderei nicht, und wieder schimpfen, nun, das wäre ja vergebens, denn die Gegner wissen ja im Voraus, daß sie die Höhe der anständigen Schreibart des Herrn Rahmer nicht erreichen können! Da ist also das Einfochste, daß man schweigt, wie es in der Fabel der Mond thut. Die Gefahr nänilich, die Herrn Rahmer und Konsorten mit der Zeit droht, und die sic selbst heranfbcschworen haben, ist, daß, wenn die Reformgemeinden erst zur Besinnung kommen, sie ihre Rabbincr, als zu kostbares Spielzeug, einfach über Bord werfen. Wenn der Humbug, den die Herren mit ihrer Stellung treiben, erst durchschaut wird, wenn man sich sagt, daß die Wichtigkeit der Predigt so in den Himmel gehoben wird, damit Seine Ehrwürden doch nicht umsonst den schönen Talar angelegt hat, damit seine verzückten Mienen und seine salbungsvollen Worte doch nicht unbeachtet vor leeren Bänken schauspielerisch aufgebauscht werden; wenn man ferner für die hohe Bedeutung der Konfirmation, dieser exotischen Pflanze des Christenthums, den wahren klingenden Grund erst herausgefunden, ja dann ist die schöne Zeit vorüber, da ein Rabbinat, um mit dem Dichter zu reden, nur diente ״als melkende Kuh, die ihn mit Butter.und Milch versorgt." Es wären ja durch die frivolen Spöttereien dcS Herrn Rahmer und seiner Kumpane, die von einem papierenen Papst reden, deren Stichwort ja das spöttisch erwähnte Umbinden des Taschentuchs am ist, die erst kürzlich einen längst entschlafenen bedeutenden Rabbiner durch Zitirung eines von (;ד פנים verfaßten Gedichtes noch im Grabe zu besudeln suchten, die Bahn zur Beseitigung des Rabbiners eröffnet worden! A<1 yoccju Taschentuch um binden, bczweifele ich, offen gestanden, sehr stark, ob einer der Herren einen klaren Begriff und Ueberblick der ד׳ רשויות hat, ob er schon ein Mal den ר״מ im פירוש המשנה darüber gelernt und verstanden hat! Nur einige Bemerkungen seien uns noch über die von Gift und Galle strotzenden Artikel des Herrn Rahmer gestattet. Er behauptet, hochgcgrisfcn gebe es 5°/״ orthodoxe Juden. Trotzdem sein Blatt in seiner Devise auch ״Wahrheit" führt (wer lacht da?) so möge uns der geehrte Herr nicht zürnen, wenn wir ihm dies» mat nicht glauben. Es sind doch gar zu wenig angenommen. Ich glaube nicht, daß eS so schlecht mit der Orthodoxie steht. Gesetzt aber auch, jo werden in dieser Beziehung die Personen nicht gezählt, sondern gewogen, und׳ da dürfte das Berhältniß ein bedeutend anderes werden, wenn Ernst und Frivolität einander gegenüber stehen. Außerdem aber hat sich Rahmer ganz der Politik der Antisemiten bedient. Bekanntlich zetern diese, es werden durch das halbe Prozent Inden im deutschen Reich die Christen unterdrückt, ohne zu bedenken, welch' ArmuthS-Zcugniß sie dem Christenthum dadurch ansstellen. Dasselbe thut Herr Rahmer. Er mit seinen 95"/״ Reformern fürchtet die 5"/״ Orthodoxcn. Eine größere Anerkennung von Seiten ihrer Gegner, als diese, kann sich die Orthodoxie gar nicht wünschen. — Der Helle Wahnsinn spricht aus den Worten, die Rahmer dem Rabbiner Hirsch in den Mund legt ״ihr begeht gar keine Sünde, wenn ihr euch Laufen lasset." Daß es ein Gewinn für das Judenthum wäre, wenn erst die europäischen Reform- Rabbiner da angelangt wären, wo z. B. Sonnenschein in Amerika hält, damit Jeder endlich klar sehe, daS möchte ich gar nicht leugnen. Aber die Taufe einem cmrathen, das ist doch geradezu eine närrische Befürchtung אע״פ שחטא ישראל הוא. — Ergötzlich ist folgender Unkenruf: Daß es ein Jndenthnm giebt, von welchem unsere Orthodoxie als der schnödeste Materialismus, als geistlose Verstofflichung des Judenthums, als eine der schlimmsten Verbündeten der christlichen Inden-Mission (!) betrachtet wird, daß beim Lichte des wahren Indenthums gerade die Orthodoxie, natürlich nur ä In Lehmann, Hirsch, Hildesheimer, welche die zeremonielle Hülle höher als den Gehalt achten, — das G cg ent heil des Judenthums ist, das glaubt ja doch keiner." Also nur Rahmer und Konsorten haben den Geist erfaßt, alle anderen, und wären sic sonst noch so geistreich, kennen nur die äußere Schale desselben. Woher den Herren wohl die Erleuchtung gekommen ist! Nun, ich glaube, die eine der 48 Eigenschaften, die zur Erwerbung der תורה gehören, die Bescheidenheit nämlich, fehlt den Herren ganz, und die anderen? rismn teneatis amici! Und zum Schluß bekommt die Orhodoxie das schönste Kompliment, es wird auf sie der Mahnruf MoscheS bei der Gelegenheit der Empörung des mp angewandt:סורו גא ובו״.