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Jeschurun · 1886-11-18 · Heft 46 (18.11.1886) · p. 722

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 46 (18.11.1886)
Article
Nomadenthum und Judenherrschaft
Date
1886-11-18
Page
722 (sequence 2)
Language
German
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722 (Sr ist so gewaltig in seinem Fluche, wie sein Gegensatz, die Liebe, in beglückendem Segen. Sein Werk ist Verheerung. Wehe fccm Gcschlcchte, baS sich ihm hmgiebt! Brandstatt und Blut sind seine Spuren; und die ihm stöhnen, gehen unter in sich selbst ansreibender Verwilderung. Die Literatur deS Hasses ist in diesen Tagen um ein neues Werk bereichert worden, welches den Titel: ״Das Gesetz des NomadenthumS und die heutige Inden- Herrschaft"*) trägt und den ״Professor der k. und k. orientalischen Akademie und Dozenten der Universität in Wien Dr. Adolf Wahrmnnd" zum Verfasser hat. Nachdem ein anderer Prosessor einer anderen osterreichischen Hochschule, Rohling, vorläufig von dem öffentlichen Schauplatze abgetreten ist, mußte ja natürlich ein anderer auf dem Plan erscheinen, der, ihm ebenbärtig, seine Stelle in dem Kampfe gegen das Judenrhnm einnimmt. Der Verfasser hebt in dem Vorworte mit voller Berechtigung hervor, daß sich sein Buch den bisher erschienenen Judenhatz treibenden Schriften anreiht. Es basirt ebenso wie diese ans objektivem Lug und Trug. Es gicbt lustige Hirngespinnste, anscheinend das Erzeugnis eines voreingenommenen seichten Verstandes, als Thalsachen aus und sabnlirt in ansschweisendstem Maße. In der leichtfertigsten Weise wird das Material zusammcngcstoppelt, aus welchem das Verlangen zur Austreibung der Inden als eine Forderung der Gerechtigkeit, der Humanität und Zivilisation sich ergeben soll. Der Verfasser will mit diesem Buche, höchst bc> scheidenen Sinnes, der ideellen Grundlage für die Neugestaltnng Mitteleuropas Vorarbeiten. Was ein in Schwanberg in Südsteyer zur Spätsommerfrische im September 1S8G weilender Professor doch für absonderliehe Ideen haben kann! Wäre er in Wien gewesen, so hätte sich vielleicht doch wohl ein verständiger Kollege gefunden, der ihm über die Schulter geschaut und zugerufen hätte: Freundchen, Freundchen, der Wein steigt dir zu Kops! Mit deinen armseligen Blättern willst du die Welt ans ihren Angeln heben und Europa Gesetze vorjchrciben! Du faselst, du »lachst dich lächerlich und rufst den Spott des' Publikums gegen den Professorenstand wach! Herrn Wahrmunds Meinung von der Bedeutsamkeit seines Buches beruht ans dem Grunde einer Entdeckung, welche er gemacht hat. Diese Entdeckung hat sein Selbstgefühl so erregt, daß er sich weiser dünkt als alle gegenwärtig lebenden arischen Fürsten und Staatsmänner and sich deshalb berufen fühlt, der Netter Mitteleuropas zu werden. Diese Entdeckung besteht aber in nichts Anderm, als in dem vermeint- *) KLrlsruhe und Leipzig. H. Neuther. 1887. lichen Faktuni. daß die Inden stets Nomaden gewesen und cS noch bis auf den heutigen Tag sind. Weil aber die Arier, und besonders die Deutschen, keine Viehzucht treibenden Nomaden, sondern Ackerbauer sind, so gähnt eine nicht zu überbrückende Kluft zwischen dem jüdischen und arischen Wesen. Da diese Entdeckung der Fels ist, auf welchem Wahrmnnd sein ganzes Buch ansbant, dieses Buch aber die neue Heilesbotschaft für die Neugestaltung Mitteleuropas ist, so kann es einen so großen Manne gar nicht kümmern, daß erstens kein Mensch den Nomadmstand der in Mitteleuropa lebenden Juden wahrzünehmcn im Stande ist, und daß zweitens, falls die Urahnen der heutigen Juden in der That eine Beduinenhorde gebildet haben sollten, was allerdings nicht der Fall ist, auch die alten Germanen, die Urahnen der heutigen Deutschen, ans nomadisirendeii Hirten- und Jägcrstämmcn hervorgegangen sind. In dem heiligen Eifer, für Mitteleuropa die ideelle Grundlage für eine unumgänglich nothwcndigcNeugestaltung zu schassen, kann er sich durch eine solche Kleinigkeit nicht beirren lassen, daß nämlich der Ausgangspunkt seiner ganzen Ausführung eine einsache Unwahrheit, nnd demgemäß Alles, was er hieraus stutzen will, nichts als eitel Dunst und Nebel ist. Man kann doch billiger Weise von einem tut Dienste der edlen Jndenhctze arbeitenden Schriststeller nicht verlangen, daß er sich an solche Kleinigkeiten, wie erdichtete Voraussetzungen, falsche Schlüsse, trügerische Beweise stoßen soll, wo es sich tun daS große Ziel eines frischen, fröhlichen Vernichtnugskampses gegen die tödtlich gehaßten Inden handelt. Haben denn etwa der große Rohling, der! Wahrmnnd als Autorität zitirt, oder der seelige Eisenmenger, dessen Geist er hcraufbcsichwört, dergleichen kindische Rücksichten geübt? Wofür ist ment denn Professor an der Akademie und Dozent der Universität, wenn man sich nicht über solche kleinliche Skrupel hinwcgzusctzcn vermag? Man hat nicht umsonst etwas Arabisch gelernt und eine Nomenllatnr von historischen Daten zur Hand. Man nimmt dazu einige philosophischen Allüren, exzcrpirt einige Aussprüche einiger kongenialer Geister, setzt sich so wohl ausgerüstet ans den Lehrstuhl and dozirt munter darauf loS, je toller, je besser.' DaS Auditorium muß durch die Kühnheit, noch mehr aber durch die funketnagelneuen Lehrsätze verblüfft werden und dcn großen Mann nnftaimcn, der es versteht, offenkundige und allbekannte Thatsachen durch dcn Hauch seines Mundes verschwinden und die allerunglanblichstcn Dinge an deren Statt erscheinen zu lassen. Es ist in der That ganz wunderbar, was Wahrmund Alles aus der Fiktion, daß die Inden noch heute Nomaden seien, hervorzaubern kann. (Fortsetzung folgt.) r

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