Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-11-11
- Page
- 712 (sequence 3)
- Language
- German
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712 . Ihre Sorge, Ihre Noch hatten aus der Erde kein menschliches Herz gerührt. WaS sollte sie noch hienieden? Sie hatte gegen daS Vcrhängniß gekämpft, wie nur immer ein Mensch kämpfen kann. Sie konnte nicht weiter, sie vermochte das Geschick ihrer Kinder nicht weiter zu leiten, konnte nicht ferner für sie sorgen. Sollte sic deren Noth nnthätig znschanen, sollte sic Schimpf und Schande über sich ergehen lassen? — Wem nutzte ihr Dasein noch etwas? Das bleiche, hohläugige Gespenst des Hungers grinste ihre Kleinen an, und sie war zu schwach, cs zu verscheuchen. — Ein kurzer Augenblick, — ein rascher Sprung in den Fluß, und alle Qual war für sie zu Ende! — Vielleicht erbarmte sich Gott der Kinder! Unter der Herrschaft dieses Gedankens hatte sie ihre Wohnung wieder verlassen und ihre Schritte dem Flusse zugelenkt. Da war es urplötzlich wie eine Erleuchtnng über sie gekonuuen! - Alle, die ihr näher standen, hatten sie znrückgestoßen, — vielleicht sind Fremde, ganz Ferne mildherziger. Die Juden?! Sie sollen menschenfreundlich sein, sollen einander helfen, — so sagt man. Aber sie Helsen nur sich gegenseitig. Was kümmert sie der Christen Leid? Die Christen verachten sie, verhöhnen sie. Sie selbst und ihr verstorbener Gatte, haben sie nicht stets neidischen Blickes auf die Inden hingeschaut, haben sie nicht stets nur verächtlich von ihnen gesprochen? Haben sie nicht den Kindern jeden Umgang mit den jüdischen Schulgcnossen untersagt? Hat nicht noch kürzlich ihr Wilhelm sich gerühmt, den jüdischen Mitschüler Joseph Friedlich verhöhnt zu haben? Hatte sie dafür ein Wort des Tadels gefunden? Und dennoch — sie war ja von Allen verstoßen — was hatte sie zn verlieren'? Dieser Friedlich galt als der Reich stc unter den Inden. Gerade ihn wollte sie aussuchen, gerade ihm ihre Noth klagen! Vielleicht! — Es war der letzte Schritt, den sie noch für die Ihrigen thun konnte. Sie wollte nicht von dannen gehen, ohne ihn versucht zu haben.-Vielleicht!- Sie bedeckte das Antlitz mit ihren Händen. Höchste Wonne, tiejste Scham erfüllte ihr Herz. Die Worte des Juden hatten sie dem Leben wiedcrgcgeben, hatten das drohende Elend von dem thenren Haupte ihrer Kinder gescheucht! Wunderbare Fügung des Himmels! Der Fremde, der Verachtete, der Jude hatte sie wie ein Bruder ausgenommen, hatte kein Wort des Vorwurfs, kein kaltes schales Bedauern für sie, die von Allen znrückgewiesen! Der Jude erschien ihr als der Engel der Liebe vom Herrn gesandt, sie und die Ihren vöm Untergange zn retten!- Sie vermochte nicht zu reden. Sie erfaßte FriedlichS Hand und zog sie an die Lippen. ״Um Gottes Willen, was thun Sie?" rief dieser aus. ״Dem Herrn danken, daß er sich meiner und meiner Kinder erinnert in liebevollem Erbarmen, und den Boten dieser himmlischen Gnade den Zoll der Verehrung weihen —״ ״Ihre Nerven sind überreizt," unterbrach sie Friedlich. ״Ihrer überschwänglichen Empfindung erscheint das Einfachste und Natürlichste in überirdischem Glanze. Warum sollten denn ein Paar Menschen, denen Got( etwas mehr gegeben hat, als sic nothwendig für sich gebrauchen, von ihrem Ueberflusse nicht gern dem minder Glücklichen mittheilen? Ich kenne solche Menschen und habe mich natürlich gern bereit erklärt, mit diesen vereint ihre Verhältnisse zn ordnen. Das ist Alles. Gehen Sie zu Ihren Kindern, liebe Frau, und seien Sie guten Muths, aber auch ruhigen Sinnes. ״Sie lehnen meinen Dank ab!" cntgegncte Frau Krabbe. ״O, Sie haben recht. Ich bin nicht würdig, Ihnen zu danken!" — ״Lassen Sie mich", fuhr sie heftig fort, als Friedlich sie unterbrechen wollte. ״Sie müssen mich zu Ende hören! Sie sind nicht meines Glaubens, ich stehe Ihnen fern, sehr fern, ferner als Sie vielleicht ahnen. Ich thcile das Vornrtheil gegen die Israeliten, ich bin nicht umsonst die Schwester ihres erbittertsten Gegners. Meine Kinder haben die Gesinnung der Mutter geerbt, ich habe sie ihnen anerzogen. Mein Sohn hat den Ihrigen mißhandelt, ich habe ihn dafür nicht gestraft, nicht getadelt. Und bei Ihnen finde ich, was ich vom eigenen Bruder vergebtich erfleht, noch bevor ich darum gebeten! Ihnen genügte die Kenntniß meiner Noth; Sie warteten meine Bitte nicht ab; Sie sagten mir Hülfe zu; Sie lehnen meinen Dank ab. Auf den Knien habe ich Ihnen Abbitte zu leisten — Friedlich hatte vergeblich versucht, sie zu unterbrechen. Als sie aber jetzt im Begriffe war, sich vor ihm uiedcrznwerfcn, wehrte er Liesen übcrströmenden Erguß ihrer Empfindung energisch ab. ״So schweige ich denn, weil Sie zn reden mir verbieten. Gott lohne Ihnen, was Sie heute an mir geübt!" Friedlich geleitete sie zur Thür und begab sich iu das Familienzimmcr, wo man seiner nngebutbig gewartet hatte. (Fortsetzung folgt.)