Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-11-11
- Page
- 711 (sequence 2)
- Language
- German
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711 ״Verwandte, Freunde??" erwiderte die Wittwe und ein bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen. ..Wissen Sic denn nicht, daß der Arme und Unglückliche keine vermögende Verwandte und Freunde besitzt? Sobald die Armnth und das Unglück in das HauS einziehen, verlassen cö die Neichen. Armnth und Reichthum, Elend und Glück sind niemals mit einander verwandt und befreundet!" ״Sie haben cs wohl noch nicht gewagt, sich Ihren Freunden zu entdecken," meinte Friedlich. ״Ich bin gern bereit. Ihnen diesen schweren Schritt zu ersparen, will gern mit den Freunden ihres Gatten, der ja auch mein Schulkamerad gewesen, reden —" ״Und meinen Sie denn wirklich, daß ich nicht Alles bereits versucht hätte, Alles" — fiel ihm Frau Krabbe in höchster Erregung in die Rede, ״bevor ich einem mir so Fernstehenden, der nicht einmal meines Glaubens ist, meine Noth und Augst klage? O. ich habe Alles versucht, glauben Sie es mir, Sie sehen es ja — komme ich doch zu Ihnen!" — ״Wir haben hier am Platze keine Verwandte," fuhr sie nach diesem Ausbruch der Entrüstung etwas gefaßter fort. ״Die Kollegen meines Mannes, die Bekannten unseres Hauses hatten für!nein Elend nur ein kaltes Bedauern und einen wohlfeilen Rath. Die eigenen Bedürfnisse seien zu groß, das Einkommen sei zu schmal. Wir hätten uns doch etwas mehr nach der Decke strecken sollen. Schulden seien der Ruin eines jeden Hausstandes, wir hätten uns davor in Acht nehmen sollen. Wir hätten brr Zeilen uns einrichteu können, so daß die Last eine geringere sei. Mir wolle man allerdings damit keinen Vorwurf machen, aber der selige Kollege sei immer ein Sanguiniker gewesen. Wie konnte er nur bei seinem Gehalt daran denken, die beiden ältesten Knaben in das Gymnasium zu schicken und sie damit einem Berufe widmen zu wollen, der erst sehr spät zur Erwcrbsthätigkeit führt. Man habe darüber stets den Kopf geschüttelt, auch den lieben -Kollegen gewarnt. Du lieber Gott, wenn man eine starke Familie zu ernähren hat und selbst von schwächlicher Konstitution sei, so dürfe man mit seinen Kindern keine hochfliegendcn Pläne verfolgen. Die billige Volksschule sei dann gut genug, nur so früh wie möglich die Knaben zu einem Handwerksmeister in die Lehre zu geben. Dann spare man erheblich und entlaste sich. Das war die Hülfe und der Beistand, die ich bei den vermeintlichen Freunden gefunden! Und bei Verwandten? Ich habe einen einzigen Bruder. Er bekleidet in der Hauptstadt ein eintraglicheS Amt und ist ein berühmter Mann. Aus meine flehentlichen Briefe erhielt ich nur selten, dann aber kühle abweisende Antwort. Er könne mit dem besten Willen nicht, ich vermöchte nicht zu ermessen, welche Ausgaben seine Stellung und seine Thätigkeit ihm bereiten. Er ist augenblicklich hier. Ich war heute Nachmittag bei ihm, ich bat ihn unter Thronen, ich beschwor ihn bei dem Andenken an unsere im Grabe ruhenden Eltern. — Vergeblich! — Die Gläubiger zu befriedigen, wäre seinerseits eine Thorheit. Ich solle mich ruhig anspfündcn lassen. Der Magistrat sei dann verpflichtet, sich meiner anzunehmen. Er wolle sich auch verpflichten, mir eine monatliche Bcihülfe von fünf Mark zu gewähren. Das sei das Alleräußerste, was er thun könne. Und dieser Mann predigt die Liebe und ruft das Volk zu einem christlichen Wandel aus. Dieser Mann eifert gegen die Inden, die das Volk aussangen sollen! Dieser Mann ist hierher berufen worden, um auch hier die Menschcn zu belehren und zu begeistern und zum Haß gegen die Inden aufzufordern!" Verstehe ich Sie recht?" frag Friedlich erstaunt. ״Der berühmte Agitator —״ ״Ist mein Bruder, ja, mein einziger Bruder! Er will sich des christlichen deutschen Volkes erbarmen und ist Mitleid- und erbarmungslos gegen die eigene Schwester!" Erschöpft sank die Wittwe zusammen und schaute angstvoll in banger Erwartung zu dem Hausherrn hin. ״Um welche Summe ist bei Ihnen gepfändet worden?" frng dieser nach einer Panse. ..Hier haben Sie das Verzeichniß meiner Gläubiger. Es sind ausnahmslos christliche Burger. Die Schulden betragen im Ganzen sechshundertundfnnfzig Mark. Außerdem schulde ich aber noch dem Kaufmann Jakob Cohn vierzig Mark, der mich aber nicht verklagt hat. Morgen ist der BcrkaufStermin —״ ״Der soll Ihnen keine Sorge machen," unterbrach, sie Friedlich. ״Ich werde im Verein mit einigen Freunden Ihre Angelegenheiten ordnen. Senden Sie nur den Gerichtsvollzieher morgen zu mir." Wie der Sonne Strahl das Düster des gcwitterschwangeren Gewölks durchbricht und heiter lächelnd ans die Flur hinabblickt, sie vergoldend mit ihrem glanzvollen Lichte, also wirkten diese nüchternen Worte ans der kummervollen Wittwe bedrängtes Gemirth. Sic glaubt ihrem Gehör nicht trauen zu dürfen. War eS - och ein Schritt, der Verzweiflung, welcher sie in drescS Haus geführt. Als sie ihren Bruder verlassen .hatte, da war es Nacht um ihren Geist geworden. In dumpfer wort- und thränenloser Stimmung war sie heimgekehrt und hatte stundenlang vor sich hin gebrütet. Der furchtbare Gedanke des Selbstmordes hatte sie, die zärtliche Mutter, selbst der mächtigsten Empfindung) der Mutterliebe vergessen lassen. Was blieb ihr denn übrig? Freunde, Bekannte, der leibliche Bruder hatten sich im kalten, mitteidloseu Sinne von ihr abgewandt.