Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-11-04
- Page
- 696 (sequence 2)
- Language
- German
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6% tief eingewurzelte Vorurtheil wahrend der langen Jahre wenigstens ihm gegenüber zurückgehaltcn hatten. Die Binde war von seinen Augen gefallen. Er hatte geschaut, wie der Dämon der Leidenschaft seine Freunde erfaßte. Der gefeierte Redner hatte das Evangelium der nacktesten Selbstsucht gepredigt und die Lehre der Humanität, die Prinzipien der Bildung und Sitte in wilder Rohheit mit Füßen getreten. WaS war es denn anders als die Moral des Tigers, welche er dem deutschen Volke als höchste Tugend und Weisheit anpries? Des gleißnerischcn WortgcprängeS entkleidet, hatte ja seine Rede keinen andern Inhalt als: der Jude hat eine zähere Natur als der Arier, deshalb ist es des Ariers Pflicht, den Juden todt zu schlagen. Und dieser blutdürstigen Doktrin hatten seine Freunde nicht nur lebhaften Beifall gezollt, sondern sich auch für deren buchstäbliche Befolgung freudig begeistert gezeigt! Er konnte cS nicht fassen, er mochte sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß er fei״ ganzes Leben in einem kläglichen Jrrthnm verbracht hatte. .Die Männer, mit welchen er von früher Kindheit an vertraut gewesen, deren Freuden und Leiden er getheilt, an deren Seite er für des Vaterlandes Größe und Wohlsahrt gekämpft, mit welchen tausenderlei Be- Ziehungen ihn aufs Innigste verknüpften, die sollten im Grunde seine grimmigsten Feinde sein und wollüstig -es Augenblicks entgegenharren, in welchem sie sich in seinem Blute baden könnten? Sie hatten vielleicht nicht die letzten Konsequenzen aus des Redners Worten gezogen, waren sich vielleicht nicht klar geworden über deren wahren Bedeutung und Tragweite. An dieses ״vielleicht" klammerte er sich kramps- Haft an. Er durfte nicht unthütig bleiben, er mußte zur Klärung des getrübten Blickes seiner Freunde beitragen; cS sei heilige Pflicht, die Furien der Leidenschoft und des Bruderzwistes von seiner Vaterstadt fern zu halten. Es mußte sofort gehandelt werden. Aber wie? Er stand allein, hatte keinen Genossen, mit welchem er Rath pflegen konnte. Unverwcilt, am morgigen Tage, mußte der Gcgcnschlag erfolgen. Der Agitator beabsichtigte, noch einige Tage hier zu verweilen. Er würde fortfahrcu, .die Bürgerschaft gegen die Juden aufzuhctzen. Stand doch die Stadtver-- ordneteuwahl nahe bevor. Die Beseitigung des jüdischen Mitglieds des Kollegiums, und zwar eines lange erprobten, geachteten Bürgers, gegen den kein anderer Vorwurs zu erheben war, als daß er Jude sei, wurde einen glänzenden Sieg der antisemitischen Bewegung bedeuten. Abraham Friedlich hatte sich niemals mit Politik befaßt. Sein Sturz konnte darum nicht als der Sieg irgend einer politischen Partei gedeutet werden, sondern würde in hervorragender Weise die sich ausbreitende Macht der Antisemiten kundgeben. Mansfeld entschloß sich, dem Führer der antisemitischen Partei die Stirn zu bieten. Er wollte zunächst offen die Nichtswürdigkeit der in seiner heutigen Rede verkündeten Prinzipien darlcgen. — Wäre eö aber nicht gerathen, zuvor Auge in Auge dem Gegner entgegenzutrcten, 1111t von ihm eine Darlegung des Antisemitismus in dürren, schmucklosen Worten zu vernehmen? Würde nicht alsdann der Kampf gegen denselben wirksamer geführt werden können? Ein solches unerschrockenes Aufsitchen des Feindes sagte Manfelds offenem, mannhaftem Wesen zu. Er war begierig, den Gegner kennen zu lernen und ihm den Streit zu verkünden, bevor er in die Arena trat. * Während der Saal des Nathhauses, die den Berathungen über die Förderung der Wohlsahrt der Bürger geweihte Stätte, Zu einem Tempel des Hasses umgewandelt war, zu welchem die Elite der Bürgerschaft hingewallt, befand sich Abraham Friedlich mit den Scinigen im trauten Heim. Die Stunde, welche nach der Hausordnung zwischen dem Schlüsse des Geschäftes und der Abendmahlzeit lag, war ihm die angenehmste des Tages. In ihr fand er die Erholung von der anstrengenden Berufsthätigkeit, in ihr gehörte er ganz und ungestört ^seiner Familie an, während später sich häufig noch Freunde einfanden. Diese behagliche Ruhe wurde durch den Eintritt der Dienerin unterbrochen, welche mit der Meldung hereintrat, daß eine Dame Herrn Friedlich in einer dringenden Angelegenheit allein zu sprechen wünsche. — Er begab sich in ein Nebenzimmer, wo seiner eine in Trauer gekleidete Frau harrte. ״Ich bin die Wittwe des Kanzleiraths Krabbe," redete ihn die Dame an. ״Verzeihen Sie die Belästignug zu einer so unpassenden Stunde. Noth und Sorge aber lassen die einfachsten Gebote der Höflichkeit vergessen. Noth und Sorge führen tnich, die Ihnen unbekannte Frau, hierher." Schluchzen erstickte die Stimme der Dame, welche nur mühsam diese Worte hervorzubringen vermochte. ״Fassen Sic sich," beruhigte Friedlich die Weinende, ״ich bin gern bereit, Sie anzuhören und Ihnen zu dienen, falls ich es vermag." (Fortsetzung folgt.) Drnckfehler-Verichtignieg ans Rr. 42/43.' Seite 678, Spalte 1, Zeile 29 von oben statt ״Versammlung" lies ״Verhandlung". Zeile 30 von oben lies ״über ein zuvor" re.