Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-11-04
- Page
- 695 (sequence 1)
- Language
- German
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605 ®iftfant. Von Naphtal! Simon. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Mansfeld war der Einzige unter ihnen, der das Haupt gehoben hielt. Eine fahle Blässe überzog sein Antlitz. Während der Rede hatte er sich Gewalt anthun müssen, um nicht empor zu schnellen zu einer lauten Unterbrechung des NedncrS. Er bezwang sich. Sein Auge wanderte von einem seiner christlichen Freunde zum andern. Er suchte deren Mienen zu cnträthseln. Er laS in jedem Antlitze einen Absagebrief der alten Freundschaft, der freundlichen Beziehungen, in welchen er zu den Männern, mit denen er von früher Jugend an vertrauten Umgang gepflogen, bis zu diesem Augenblicke zu stehen wähnte. Wie oft hatte er mit ihnen im Freundeskreise über die antisemitische Strömung des TageS sich unterhalten und auS ihrem Munde stets die schärfste Vernrtheilnug der Agitation gerade dieses Mannes vernommen, zu welchen! sie jetzt wie zu einem Propheten cmporblickten. Vor dem flüchtigen Hauche seiner Lippen waren alle Grundsätze der vornrtheilöfrcicn Gesinnung verschwunden, deren sie sich stets gerühmt hatten; — waren vergessen alle die heiligen Bcthcuerungen, daß in dem Weichbild der Stadt Welsin gen kein Platz sei für. Haß und Neid und Feindschaft zwischen den Gliedern des Geinein- Wesens. Er saß bekümmert und einsam int weiten Saale. Die Glaubensgenossen hatten sich nach Hanse begeben, die Freunde umringten den Helden des Tages und luden ihn ein zu einer Feier, welche ihm zu Ehren veranstaltet werden sollte. Er blieallein mit seinen trüben Gedanken. Endlich erhob er sich und wandte sich seiner Wohnung zu. Es mußte etwas unternommen werden, um den verderblichen Folgen dieses VortragS vorzubeugen. Dem feurigen thatkräftigcn Manne war der Gedanke unerträglich, dieselben geduldig als ein unabweisbares Verhängniß über sich, seine Glaubensgenossen und Mitbürgcr Heraufziehen zu sehen. Einer angesehenen und begüterten alten Welsingcr Familie entstammend, hatte er, wenn auch für den kaufmännischen Beruf bcftimmt, eine ausgezeichnete wissenschaftliche Bildung genossen. Seinem Wunsche nachgcbend, hatte ihm sein Vater gestattet, nach Absolvirnng .des Gymnasiums die Universität zu beziehen. Er verlebte daselbst glückliche Jahre im innigen Verkehre mit einigen Kameraden von der Schulbank und hatte sich in eine Anschauung hineingelebt, welche ihm in der zeitgenössischen Kultur uud in den Fortschritten der Wissenschaft das Dunkel des Mittelalters gänzlich überwunden zeigte. ״Wir Juden haben aber auch uns vollständig in Sitte und Bildung der großen Gesammtheit anzuschließen und alles Eigenartige abzustreisen, welches die intimen Beziehungen zu unseren Mitbürgern beeinträchtigt", das war der Gedanke, der ihn beherrschte und ihn in einen schroffen Gegensatz zu seinem treuen Jugendfreunde Abraham Friedlich brachte. Sie hatten in früheren Jahren oft mit einander darüber disputirt. Friedlich stimmte mit seinem Freunde zwar dahin überein, daß der Jude sich als treuer Bürgcr zu bewähren und kein Opfer zu scheuen habe, um dieser Treue gegen das Vaterland und seine Mitbürger jederzeit thatkräftigen Ausdruck zu verleihen. Er dürfe sich von keinem gemeinnützigen und humanen Werke ausschließen, er habe für alle Sorgen und Freuden seiner Neben- Menschen stets ein thcilnehmendeS Herz, eine offene Hand. Diese patriotische Gesinnung habe aber der Jude von jeher bewiesen. Sie sei als heilige religiöse Pflicht völlig unabhängig von der Gewährung oder Versagung der Gleichberechtigung im Staate. Auch der Schutzjude des Mittelalters, auch der verhöhnte- und unterdrückte Jude habe dieser Pflicht stets vollauf genügt. DaS sei eine nicht zu leugnende geschichtliche Thatsnche und eine der glänzendsten Zeugnisse für die Reinheit des jüdischen Charakters und die veredelnde Kraft des JndenthumS. Gerade die Treue, welche der Jude den Gesetzen seiner Religion zolle, verbürge diese Treue gegen den Staat, dessen hingebenstcr Angehöriger er von jeher gewesen. Es sei eine bedauerliche Verirrung, die sich bitter rächen werde, glaubte man, die praktische Bethütignng des JndenthumS aufgeben zu sollen, um der Mitbürger Gunst und Freundschaft zu erkaufen. ״Bin ich etwa ein schlechterer Patriot, als Du," pflegte er dem Freunde vorzuhalten, ״weil ich nicht theilnehme an den Taselsrenden unserer christlichen Mitbürger?" ״DaS nicht", lautete die Gegenrede, ״aber sie bezeigen Dir nicht die innige Freundschaft, wie mir. Zwischen ihnen und Dir bleibt immer eine gewisse Kälte. Man bezeigt Dir. volle Hochachtung, man schätzt und ehrt Dich, aber die Intimität, welche man mir enigegenbringt, erringst Du niemals." Friedlich hatte hierauf stets nur ein Achselzucken zur Antwort. Am heutigen Abend war Mansfeld zun! ersten Male der Gedanke aufgestiegen, daß dieser Zweifel an der Innigkeit und Unwandclbarkeit der Freundschaft, welche Friedlich in Bezug ans seinen sozialen Verkehr hegte, nur allzu.gerechtfertigt war. Sie hatte nicht die erste Probe bestanden, sie hatte sich als morsch und hinfällig erwiesen vor dem gleißnerischen Worte deS Agitators, des unversöhnlichen Judenfeindes. In einer kurzen Stunde waren die Fesseln gesprengt, welche das