Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-10-28 · Heft 42-43 (28.10.1886) · p. 686

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 42-43 (28.10.1886)
Article
[Rezension] / R.....l.
Date
1886-10-28
Page
686 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
spine
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933196--23338-2967551
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

686 Wenngleich ich als Rezensent eines jüdischen Blattes im Allgemeinen der Ansicht bin, daß die Prcdigtlitcratur unserer Tage, einmal wegen der übergroßen Produktion, sodann aber wegen ihrer meist nur allzu ephemeren Bedeutung — genug, daß das Publikum gar oft mit dem Anhörcn derselben gepeinigt wird — es nicht vcrdient, einer genaueren Besprechung gewürdigt zu werden, vielmehr cS bedeutend wirksamer und für Abstellung der vorhandenen Mißstände nutzbringender ist, über dieselbe etwa in Form jener kostbaren, in diesen Blätlern veröffentlichten ״Gedanken eines NichtprcdigcrS über die Predigt" en bloc den Stab zu brechen, ohne dabei des Vorwurfs gewärtig zu sein האף תספח צדיק עם רשע — so haben wir uns doch entschlossen, obige Reden einer kurzen Betrachtung zu unterziehen, sowohl weil sie von einem gefeierten Prediger der Metropole gehalten, sodann weil diese sowie andere desselben Autors sich augenblicklich im Kreise eines gewissen TheilS dcS jüdischen Publikums einer großen Beliebtheit zu erfreuen scheinen. Und in der That, die leicht verständliche, populäre und dabei doch elegante Diktion müssen dem oberflächlichen Leser imponirclr — aber ebenso wie sie einem leicht über die Wellen dahinftucifcnbcn Rachen gleichen, so zwingen sic auch den Leser oder Zuhörer, sich diesem Nachen anznvcnrauen, um in demselben über spicgeludc Fluthcn dahin zu gleiten, ahnungslos der unter den! im Glanze der Sonne strahlenden Spiegel verborgenen grausen Untiefen. — Wie schön klingt'S z. B., um nur die markantestcn Stetten herauSzugrciscn, wenn Herr Dr. Ritter aussührt, ״daß der Erwerb einer so rein geistigen Auffassung, wie sie unser Bekeuntniß enthält, von dem sinnlichen Menschen nicht ohne Weiteres, ohne vorausgegangene Fehlgriffe und Hcmntnisse, sondern erst nach Ueberwindung mancher Vorurthcile, unter Schwanken und Straucheln, erfolgt sein werde." Wenn aber mm weiterhin zur Begründung dieses im Allgemeinen wohl zutreffenden Gedankens Herr Dr. Ritter die Bibel zn Hülfe holt, und gerade die Stellen, welche jo recht die Scclcngrößc, Menschenliebe. Gottvertrauen — all' das, von welchem Herr Dr. Ritter in seiner Predigt salbadert, ohne auch nur mit einem Worte das. Unvesen jener Begriffe in acht jüdischem Sinne zu berühren — unseres Patriarchen?(braljaui erweisen, verdreht und ihn ״von falschen Vorstellungen, von religiösen Wahngebilden zu gelauterter Ucbcrzeugung gelangen läßt, — so müssen wir Leser um so mehr gegen diese seine — pardon seines Herrn und Meisters Geiger und nur von Herrn Dr. Ritter in pietätvollem Sinne adoptirtcn — mißbranchttchen Ansfassung protestircn, als, wie gesagt, die leicht gefällige Form, in welche sie gekleidet, den Uncrsahreuen blenden kann.' Demjenigen, welcher nur von Hörensagen die Geschichte der עקירה kennt, mag'S vielleicht ganz plausibel erscheinen, wenn Herr Dr. Ritter sagt: ״Er (Abraham) hatte in seiner göttlichen Hingebung gemeint, den Sohn opfern zu müssen, und wird im vcrhüngnißvollen Augenblicke eines Besscön belehrt und zn ciucm gottgefälligeren Ausweg geleitet." Utib wie ganz Anders verhält'S sich in Wirklichkcit? Sollten etwa in dem Herrn Dr. Ritter zur Verfügung gestandenen Bibclcxemplcir nicht die Worte gestanden haben: עתה ידעתי כי ירא אלק׳ אתה ולא ״ .חשכת את בנך את יהידך ממגיAlso*) nur darin erkennt Gott die Größe Abrahams, daß er ihm selbst seinen einzigen Sohn zu opfern bereit gewesen, nicht aber darin, daß er dies noch zur rechten Zeit unterlassen! Und eben darauf, auf die ״Akedah Jischak's", blickt die ganze jüdische Indcnheit bis heute, als ans das Höhenziel mustergültiger Gottesfurcht begeistert hin!" Wenn dann ferner zur Stützung jenes oben angeführten Satzes Herr Dr. Ritter auch Abraham an der göttlichen Gerechtigkeit zweifeln läßt, weil er fragt האף תספח צריק עם רשע — so hatte Herr Dr. Ritter im Gegenthcil jenes Zwiegespräch Abrahams mit dem Wcltenrichter dazu benutzen können, um zn erweisen, daß nicht, wie er an einer Stelle behauptet, die ״allmähliche Heranbildung der israelitischen Religion auf die drei Stammväter vcrtheilt ist", sondern daß bereits der erste unserer Patriarchen von einem Gefühl der Menschenliebe selbst gegen die bis zmn äußersten entarteten Sodomiter beseelt war, wie eS nur als höchstes Ideal vollkommenster Menschenliebe gedacht werden kann. Spricht cS doch Abraham Kap. 18, V. 25 aus, daß nur der Gedanke, daß durch den bevorstehenden Untergang jener Städte die Gerechten mit den Schuldigcn zugleich getroffen würden, ihm Entweihung sei: חלילה לך מעשת כדבר הזה להמית צדיק עם רשע והיה כצדיק כרשע הלילה לך הש־פם כל הארץ לא ״ .יעשה משפטAbraham**) fühlt sich in die Lage eines aus den! Untergänge eines solchen Ganzen geretteten Gerechten hinein, fühlt, was er in einer solchen Lage fühlen würde, fühlt, wie, wenn er das Unglück gehabt hätte, in'Sodom zu wohnen, er cS nie hätte fehlen lassen, unablässig die Besserung der entarteten Stadt- und Landgenossen zn versuchen, wie er nie die Hoffnung aufgcgeben, und wie er mit dem Untergang einer jeden Seele, an deren Rettung er gearbeitet, aus deren Rettung er gehofft, den eigenen Untergang erleiden würde, und wagt nun den Gedanken, ob denn nicht vielleicht das Leid, daö die Gerechten durch die •*) Siche Hirsch'S Pentatcuchkommentar. 1. B. M. 22, 11. **) Hirsch'S Pentateuchkonnnentar. 1. B. M. 18, 23. 24.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.