Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 42-43 (28.10.1886)
- Article
- Giftsaat
- Date
- 1886-10-28
- Page
- 678 (sequence 2)
- Language
- German
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Vorstand nicht für angezcigt erachten könnte. Der Vorstand habe einen faux pas gemacht, welcher jedoch bedanerlichst nicht mehr zu rcdressiren sei. Die Einladung sei nun einmal erlassen und man könne den Vorstand nicht bloßstellcn. .,Aber Sie bauschen in der That diese Einladung und die beabsichtigte Vcrsammlung zu einem weltcrfchüttcrnton Ereignisse auf," sagte man ihn״ ..׳Sie nehmen die Sache viel zu tragisch. Von welcher Tragweite kann denn ein Vortrag sein, welchen ein der Majorität des Auditoriums völlig nnsympatischcr Redner hält? Er ist vom Vorstand hierher berufen, deshalb wird man Anstands halber hingehcn und am andern Tage des Vortrages gar nichts mehr gedenken. Wollten wir aber die ganze Stadt wegen dieses Redners jetzt in Allarm setzen, so würden wir gerade für ihn Propaganda machen." Und damit mußte er sich beruhigen lassen. Er erschöpfte vergebens seine eifrige Beredsamkeit; er jand keinen Einzigen seinem Verlangen bereit. DaS Erscheinen des berühmten Redners aus der Landeshauptstadt war für die guten Wclsinger ein Er> eigniß, welches seine Schatten vor sich her warf in dem ungemein starken Begehr nach Eintrittskarten zn dem großen Nathhaussaale, wclcher dem Vorstand des Bürgervereins für diese große Versammlung zur Versügung gestellt war. Der Magistrat hatte jedoch an diese Einräumung deS städtischen Lokals die Bedingung geknüpft, daß in demselben eine eigentliche Versammln!׳,g nicht abgehalten werden dürste. ES sei nur einem einzigen Redner vcrstaitci, über zuvor dem Magistrale mitzutheilendes Thema einen Vortrag zu Hallen, ganz besonders aber habe der VcrcinSvorstand dafür Sorge zu tragen, daß keinerlei Diskussion sich diesem Dortrage anreihe. Der Magistrat wollte durch diese Beschränkung einer Agitation Vorbeugen. Dem Vorstande kam dieselbe übrigens sehr gelegen. Mansfelds Eifer hatte es doch bewirkt, daß der Präses des Vereins fast bedauerte, jene Einladung erlassen zu haben. Er glaubte doch, durch dieselbe sich im Gegensatz zw den Anschauungen eines ThcilS der Mitglieder zn befinden und fürchtete, daß durch eine Besprechung des VortragS in offener Versammlung leicht unliebsame Störungen tos Friedens innerhalb des Vereins cntstehen könnten. Durch die Verfügung des Magistrats war er dieser Sorge überhobcn. Er gab dem cingeladencn Herrn von derselben Nachricht und erhielt umgehend die Antwort, daß er selbstverständlich der wohlmeinenden Absicht des MagistratS Rechnung tragen werde, und deshalb ein höchst ttnoersänglicheS Thema ״Ueber die Macht der Gewöhnheit in ihrer Beziehung zum sozialen Leben" zu behandeln gedenke. Der große Rathhausscra! war zum Erdrücken voll, als der berühmte Redner, von zwei Vorstandsmitgliedern geleitet, der Rednertribüne zuschritt. Ein lebhaftes Beifallklatschen begrüßte ihn und gewährte ihm die Befriedigung daß er hier als ein sehr geschätzter Gast empfangen werde. Friedlich hatte den jüdischen Mitgliedern geratheu. dem Vortrage nicht anznwohnen. Er fand aber mit dieser Mahnung kein Gehör. Die Einen mochten der Neugierde nicht widerstehen, ton viel genannten Mann kennen zn lernen, die Andern glaubten durch ihre Nichtanwesenheit eine nicht äuge׳ brachte Demonstration gegen den Vorstand auszuüben, und wiederum waren Andere der Meinung, man müsse den Vortrag hören, um die Haltung der Bürgerschaft zu erkennen, sowie um etwaigen Verdächtigungen der Juden seitens des Redners spater wirksam entgegnen zu können. Der Vortragende behandelte sein Thema in geschicktcr Weise und fesselte die Zuhörer durch die klare Bestimmtheit des Ausdruckes. Er erläuterte zunächst kurz den Begriff der Gewohnheit, die er als den eigentlicheu Schöpfer der sozialen Lebeusnormen bczeichncte. Ja die Gewohnheit sei im Grunde überhaupt die Basis aller Verhältnisse des menschlichen Lebens, welches von dem Dichterworte in tiefer Erkenntniß mit vollem Rechte die süße Gewohnheit des Daseins genannt wird. Nichts rächt sich furchtbarer als der frevelhafte Versuch der Macht der Gewohnheit das soziale Leben zu entreißen. Das predigen in erschütternder Eindringlichkeit die Blätter der Geschichte. Jedes Volk, das, die Majestät der Gewohnheit mißachtend, sich gegen ihr Gebot auslchutc, habe mit dieser Empörung den ersten Spatenstich zum eigenen Grabe gcthan. Er wies auf die Kulturstaatcn des AlterthumS hin, welche dem Untergange verfallen waren, sobald sie den alten Gewohnheiten, den Kern ihres eigenthümlichen Wesens, untreu wurden. Eine jede wirkliche Aenderung der Gewohnheit sei eine Entartung, über ein entartetes Staatslcben sei aber der Stab gebrochen. Die unerbittliche Nemesis verdämmt cs zum Untergänge. Einen überzeugenden Beweis von der Macht der Gewohnheit gewähre auch die Erscheinung der wunderbaren israelitischen Nation, welche alle Bedingungen einer ciacnthümlichen Existenz längst verloren, sich dieselbe trotzdem durch die Macht der Gewohnheit erhalten habe. Daß der Jude so zähe und unentwegt seiner ureignen Natur treu bleibt, habe ihn trotz der widrigstcns Verhältnisse lebensfrisch und lebenskräftig gemacht. Der Jude sei wohl der einzige Mensch, welcher den Kontakt mit fremdem Kulturleben der mannigfachsten Art vertragen und überdauern konnte, weil er wohl der Einzige sei', der sich der Macht der Gewohnheit nicht entziehen wolle, weil er wohl der Einzige sei. der das Geheimniß der Unüberwindlichkeit längst erkannt habe, welche sie ihren treuen Unterthanen