Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 42-43 (28.10.1886)
- Article
- Aus der christlich-sozialen Partei
- Date
- 1886-10-28
- Page
- 676 (sequence 3)
- Language
- German
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676 dürften sie das nickt. In Frankreich hat das Buch von Drumont (La France juifc) in wenigen Monaten 70 Auflagen erlebt. (Ruf: 80) oder 80; das ist hier nicht möglich. Drumont verlangt einfach: ״Nehmt den Juden das Geld und macht damit soziale Ncformen!" Das ist freilich in den Augen Mancher ein Fehler; in den Augen politischer Kopse aber ein Gewinn. (Sehr schön, Herr Stöcker! Ist den ״politischen Köpfen" das Eigenthum nicht heilig?? Und die Moral, die vielgeliebte Moral??) Ju Frankreich reichen sich jetzt Radikale und Ultramoutane die Hand zur Bekämpfung der Juden. Hier stehen wir noch allein. Wenn an der Stelle VirchowS z. B., der sich verherrlichend an Judcusärge stellt, wahrhaft deutsch und christlich gesinnte Männer stünden, die uns unterstützten, so wäre das anders. Aber in einem Volk, wo sich auch die Arbeiter von einem Juden irre führen lassen, ist das noch nicht anders möglich. (Beifall.) — Es scheint, als ob uns die Antisemiten der strengsten Observanz den Krieg erklären wollten. Ich würde das sehr bedauern. Man könnte nichts Schlimmeres thun, als wenn man diesen Kampf gegen die konservative und christliche Auffassung der Judeufrage sortsctzte. Diese Frage ist doch keine bloße Deklamationssacke. Die Kunst der Politik will auch gelernt sein. Vielleicht könnten die Konservativen der Frage etwas mehr Beachtung im Parlament scheuken; aber wenn etwas geschehen soll, kann es nur durch die Konservativen geschehen, welche die Kraft und Klugheit haben, die Forderungen zu formuliren. Noch unglücklicher als die Trennung von den Konservativen seitens der Antisemiten, sind deren Angriffe auf das Ehristcuthnm. Dadurch, daß sich die Antisemiten auf einen reinen Nassenstaudpuntt stellen, werden sic selber Juden (Murmeln im Hintergründe); denn dieser Stand- Punkt ist kein christlicher, und er macht den Kampf unmöglich. Nichts ist gefährlicher als dieser Stand- Punkt. Die Religion ausschlicßen, heißt sich auf den irreligiösen Standpunkt stellen und. wenn er das thut, ist der Antisemitismus für Deutschland gefährlicher als das Judenthum selbst. Man sagt: ״Ich halte von der Taufe eines Inden nichts, d. h. nie würde ein Jude Christ." (Rufe: nie!) Aber, meine Herren, waren denn die Apostel keine Christen? (Lebhafter Beifall.) Christus dürfen wir dabei nicht nennen; denn er war kein Semit, sondern׳ als ״des Menschen Sohn" über alle Nationen erhaben, aber die Apostel waren Juden und doch haben sie uns das Christenthum gebracht... . Die Antisemiten sollen sich doch klar machen, was sie ansgcrichtet haben bisher. Sic werden nichts finden, was sie genützt: wohl aber viel, was sie durch ihr Ungestüm der Bewegung geschadet haben. Wenn alte die Herren, welche kurze Zeit mit großer Kraft ins Kriegshorn geblasen haben, mit uns gearbeitet hatten, anstatt so schnell wieder zu verduften, wir wären weiter. (Beifall.) Wer das an der Berliner Bewegung noch nicht gemerkt hat, daß das Werfen von geistigen Pulverfässern nur Unheil stiftet und nur den Gegnern nützt, der hat nicht viel politischen Verstand. (Beifall.) Wer vom irreligiösen Standpunkt auS die Juden bekämpft und uns angreift, ist der beste und treueste Bundesgenosse des Jndcnthnms (Beifall.), der drückt eine edle, deutsche, christliche Bewegung auf das Niveau des jüdischen Fanatismus herab. Mau sucht mich immer als Judenmissionar hinzustetlen. Das bin ich nicht. Man lese doch meine Schriften. Man verwerfe doch nickt die Bibel, sondern bekämpfe die Juden mit den schärfsten Schriften gegen sie, denen des Alten Testaments. — Mit einer Abweisung frcntber Hülfe auf Berliner Boden schließt Stöcker unter Beifall der Lersammlung. Herr Bartschis, der in der nculichen Antisemiten- Versammlung für die Christlich-Sozialen ausgetreten ist, nimmt jetzt die Antisemiten in Schutz, da er noch mehr Antisemit wie Konservativer sei. Herr Nicprich führt imtcr ^Betonung seines religiösen Standpunktes au zwei Beispielen aus, daß die getauften Juden und ihre Nachkommen immer wieder tu jüdische Fairnlicn heirathen. — Hofprcdiger Stöcker widerlegt das durch andere Beispiele. Herr Faselius bittet, den Streit beizulcgen und warnt vor Ueberschützuug des jetzt ganz unbedeutend gewordenen Aulisemitenbundcs. Er bittet, nicht neue Sezessionen zu machen, sondern sich gegebenen Falles der christlich-sozialen Partei oder bestehenden kouservativeu Vereinen anzuschlicßen. (Schluß gegen 11 Uhr.) KchNim Kerend y1׳ Einer der edelsten unb hervorragendsten Männer ist am jüngsten Simchath-Thora eingesammclt worden zu seinen Genossen, den Frommen und Gerechten in den Gefilden der jenseitigen Seligkeit. Koßmann Berend, der würdigste Sproß eines in den! inneren Leben der deutschen Judeuheit einen bedctitenden Rang behatlptendeu Stammes, ist im hohen Alter (cr war im Jahre 1801 am 9. Marcheschivan geboren) dahiugeschieden. Er war ein Sohn des ehemaligen KlansrabbinerS in Halbcrstadt Michael Berend, welcher später in Hannover ein Vaukgeschäst' errichtete und sich durch Gelehrsamkeit und Wohlthüligkeit auSzeichnete. Er war ein Ur-Uretrkel des berühmten Berend Leh - mann, bekannt unter dem Titel ״der polnische Nesldent", welcher eines hohen Ansehens und weitreichenden Einflusses unter August dem Starken sich erfreute und