Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 41-42 (13.10.1886)
- Article
- Wie unser Ahn hierher kam
- Date
- 1886-10-13
- Page
- 662 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933195-2967367--23259-2967430- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
662 gegen die Inden selbst an, bis im Jahre 1492 endlich alle Juden aus Spanien vertrieben wurden. Meines Großvaters Urgroßvater, welcher zu der edlen spanischjüdischen Familie di Silveyra in Sevilla gehörte, wurde auch mit hinaus getrieben. Sein Vater war von einem heimtückischen Priester angeklagt, mit den Landesfeinden in Verbindung zu stehen, und hingerichtet worden. Seine Mutter starb bald darauf vor Gram und.Kummer, und so trat der 20jährige Joseph mit einigen befreundeten Familien die Reise in die unbekannte Ferne an, nicht wissend, wo sein Fuß Ruhe finden werde. — Lange, trieben die Reisenden ans bcm Meere umher, sie wollten nach Holland, um Spanien und Frankreich hernnrfahrend. So waren sie schon wochenlang zu Schiffe, als sich eines Tages ein furchtbarer Sturm erhob. Die Wellen thürmten sich Himmelhoch, daö Schiff flog wie eine Nußschale umhergeschleudert bald hoch oben, bald tief nuten im schwarzen Nachen der Niesenwogen. Eines Morgens — der Sturm hatte schon einen Tag und eine Nacht gewüthet, noch immer war das Schiff der Flüchtlinge völlig .unversehrt glücklich durch den Kampf der Elemente dahingestürmt — da ward plötzlich ein Krachen gespürt, wie wenn mächtige Balken zwischen riesige Klammern gepreßt werden. Die Reisenden stürzten wehklagend und jammernd aus das Deck, Greise und Kinder, Männer und Weiber lagen ans dcu Knieen, hin- und hergeschleudert vom Orkane, der das Schiff, welches auf eine Sandbank aufgerannt war, vom Kiel bis zur Mastspitze erschütternd jeden Augenblick zu zermalmen drohte. Da starrte den Unglücklichen, welche vom heimathlicheu Heerde geflohen waren, um eine neue Ruhestätte zu sin den, der grause Tod aus dem nassen FLuthengrabe entgegen. ״Sch'ma Israel! Sch'ma Israel!" tönte der Tvbesschrei durch die finstere Sturmesnacht. Da, ein neues, surchtbarcres Krachen — das Schiff hob sich hoch empor, wie ein feuriges Rennpferd sich bäumt — ein Klageschrei — dann war Alles still — die Ftutheu hatten das Schiff sammt den unglücklichen Reisenden verschlungen." — Der greife Erzähler, welchem im Feuer des Sprechens die Augen blitzten, die Wangen sich röthcten, hielt erschöpft inne. Eine längere Stille entstand im Kreise. ״Also sind sie alle ertrunken?" unterbrach zuerst meine kleine 3• tseweise Esther das allgemeine Schweigen. ״Nein״ mein Kind, höre nur Zweiter" begann der Großvater, wieder. ״Die Meisten ertranken alterdings. Auch unser Ahn Joseph war in die Tiefe gezogen. Aber er entrann dem nassen Tode. Als er aus dem SLrudel wieder heraufgcrissen wurde, trieb ihn der Strom der Wellen eine große Strecke vorwärLS. Plötzlich fühlte er etwas Festes unter seinen .Füßen--Land! Ja, es war fester Erdboden, auf welchem er sicher vorwärts watete, bis er das Ufer erreichte. Wie ihm, so war es noch fünf anderen von den spanischen Flüchtlingen ergangen, drei Jünglingen und. einem Manne, welcher von seinem Weib und seinem Kinde, einem vierzehnjährigen Mädchen, fest umklammert, dem Tode entronnen war. Das Schiff war also in der Nähe der Küste gescheitert. Bei der trotz des heran׳ brechenden TageS herrschenden Finsterniß hatten die Reisenden die Nähe des Ufers nicht bemerket! können. — Die Geretteten fielen am Ufer auf die Knice und dankten Gott im innigen Gebete für ihre wunderbare Errettung, zugleich heiße Thränen vergießend um den Tod ihrer treuen Gefährten." ״Ach, das ist aber schön," siel hier die übereifrige Esther ein, ״daß Dein Urmgroßvatcr oder was er sonst war, nicht ertrunken ist." ״Ja, mein liebes Kind," sagte lächelnd der Erzähler, ״dann würden wir wohl hier alle nicht beisammen seine Geschichte hören können. Meinst Du nicht auch, Orr kleine Kluge?" Wir alle lachten, der Großvater aber fuhr fort in seiner Erzählung: ״Während unsere geretteten Flüchtlinge am Meeresufer umhcrspähten und nicht wußten, in welchem Lande, ob in Holland, England, oder gar Schweden, sie sich befanden, hörten sie plötzlich von Weitem Stimmen, flackernde Lichter blitzten ans, Männer eilten herbei, in hohen Wasserstiefeln, breitkrümpigen Hüten, große Fischernetze und lange Stricke in den Händen haltend, einige mit Glaslaternen am Gürtel. Sie umvingtcit die Schiffbrüchigen und redeten zu ihnen in einer frcmbcit Sprache. Joseph, in Batet Hanse einstmals ein jüdischer Gelehrter aus Holland mehrere Jahre geweilt hatte, erkannte die Sprache als Holländisch. Er verstand auch in derselben Zu reden und erfuhr von den Fischern, daß man an der friesischen Küste sich befände, und daß in der Nähe die Hafenstadt E. läge. Ob Inden in E lebten, wagte er nicht zu fragen aus Furcht, sich Augriffeit seitens der Fischer, welche aus dem benachbarten Holland waren, auszusetzen. — Die Gesellschaft der Flüchtlinge machte sich nun auf die Wanderung zur Stadt, wo sie nach vielen Strapazen nach einem dreistündigen Marsche ankamen Doch stelle man sich ihre Empfindungen und wehj müthigen Gedanken vor. Fern von der sonnigen Hei- Math, die sie grausam verstoßen, in einem sremden, kalten, rauhen Lande, dessen Sprache und Sitten sie nicht kannten, lebte in il)1tc1t vor Allem der schmerzliche Gedanke: Würden sie in E. Glaubensgenossen finden, die ihnen hülfrcich zur Seite stehen würden? ״Gott wird uns nicht verlassen", tröstete Joseph, ״er wird seine Treuen stets schützen". In E. nahmen sie in einem Schiffswirthshausc Quartier. Joseph;nachte sich auf den Weg, um auf eigene Faust zu