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Jeschurun · 1886-10-13 · Heft 41-42 (13.10.1886) · p. 647

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 41-42 (13.10.1886)
Article
Jüdische Briefe aus und über Rußland
Date
1886-10-13
Page
647 (sequence 3)
Language
German
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647 der sich aufgeklärt und bildunasfreundlich nennenden Maßkilim, sowie Derjenigen,' welche in seine Fußtupfen treten, um die Reform mit Polizeigcwalt unter hoher Regierungsautorität einzuführen. Eine solche Reform von StaatSwcgen den Juden aufgezwungen und von Polizeibütteln eingeführt — das ist das hohe Ideal der sogenannten Aufgeklärten und Gebildeten, den Maßkilim! (Fortsetzung folgt.) Giftsilllt. Von Naphtali S i m o n. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Der Knabe trocknete sein thränennasses Antlitz. ״Ich melde es dem Direktor, Vater, ich lasse mich nicht schimpfen und mißhandeln! Ich fürchte mich nicht, aber es waren ihrer fünf. Ich konnte nichts machen. Der Direktor muß mir Recht schassen!" ״Lasse daS, mein Sohn!" mahnte der Vater, ״es hilft nichts,.es muß getragen werden! Gewiß würdendie Knaben bestrast werden, wenn bei dem Direktor die Meldung von ihrer Rohheit erstattet wird; aber dir wäre damit nicht geholfen. Im Gegentheil, du hättest noch mehr zu erdulden. Glaube mir, Kind, ich kenne das Leben und die Menschen. Wir sind Juden -. Gehe hinauf, ich komme dir gleich nach. ES ist Mittagszeit, Mutter wartet nicht gern." Joseph folgte der väterlichen Mahnung. Der brave Knabe nahm sich zusammen, der Mutter sein trauriges Begegniß nicht ahnen zu lassen, wußte er doch, wie sehr dieselbe sich darüber aufregen. würde. Aber das Mutterauge sieht scharf. Frau Friedlich war kaum ihres Sohnes ansichtig geworden, als sie in den Ausruf ausbrach: ״Aber, Joseph, was ist dir zngestoßcn?" Damit aber war eö mit Josephs Selbstbeherrschung zu Ende. Der auf seine Tertianerwürde ungemein stolze Gymnasiast warf sich an die Mntterbrnst und weinte dort seinen Schmerz aus. Und die Mutter beugte sich über ihren Liebling und flüsterte ihm Trostes- Worte zu, und der Mutter Zärtlichkeit träufelt liebenden Balsam in des Sohnes aufgeregtes Gemüth. Herr Friedlich kam heute etwas später, als gewöhnlich zu Tische. Er fand im Wohnzimmer seine Frau neben Joseph auf dem Sopha. Sie hielt dc-ö Sohnes Hand in der ihrigen und wurde nicht müde, ihm begütigend zuzureden. ״Macht Euch das Herz nicht schwer," sprach Friedlich, ״es ist eben nicht zu ändern. Das eine kurze Weile anscheinend schlummernde Vorurtheil ist aufs Neue erwacht. Wir mögen darob klagen, mögen cs bekämpfen, es zu überwältigen ist nicht unser. Gott vermag Herz und Geist der Menschen zu lenken. — Laßt uns zu Tisch gehen." DaS Mittagmahl war noch nicht beendet, als der Freund der Familie, Herr Jakob Mansfeld, in daS Zimmer trat. ״Ich bitte, die Störung bei Tische zu entschuldigen," sprach er. indem er sich niederließ, ״die Nachricht, die ich zu bringen habe, wird dieselbe rechtfertigen. Es ist mir soeben mitgetheilt worden, daß der Vorstand des Bnrgervercins gestern Abend ein Einladungsschreiben an den bekannten Agitator erlassen hat, um im Lause der nächsten Woche eine große Versammlung zu veranstaltcn, in welcher dieser angesehene Führer der Antisemiten eine Rede Hallen soll. Man will dadurch für die bevorstehende Stadtverordnetenwahl Stinimung machen. Du sollst nicht wicdergewählt und bamit die städtische Verwaltung von dem jüdischen Einflüsse defreit werden." Mansfeld hatte im ernsten Tone gesprochen. ES war einerseits die Erbitterung über die judcnfeindliche Gesinnung, welche hier nach langen Jahren zuerst wieder in dem öfsentlichcn Leben der guten Stadt Welsingen sich knndgab, andererseits aber auch die Freundschaft für Friedlich, der seines seit langer Zeit mit Ehre bekleideten Postens eines Mitgliedes des Stadtverordnetenkollcginms verlustig werden sollte, waS ihn so aufbrachte. ״Ich begreife wahrlich nicht, wie Du so ruhig bleiben kannst," rief er aus, als Friedlich sich nicht nn Geringsten durch diese Mittheilung beim Mahle stören ließ. ״Es ist doch unerhört, daß auch der gesunde Sinn unserer Bevölkerung durch daS unheilvolle Treiben jenes Volksauswieglers vergiftet werden soll! Ist cs schon nicht traurig genug, daß ein angesehener Verein es wagt, das Banner des schmählichsten Juden- Hasses zu entrollen? Sollen wir die Hände in den Schooß legen und ruhig zuschanen, wie der Acker für die Saat des Hasses und der Zwietracht empfänglich gemacht wird? Sollen wir nicht ans Mittel sinnen, um einem solchen Unheil vorzubengen, — sind wir dieses nicht dem städtischen Gemeinwesen und uns selbst als Inden schuldig?" ״Während ich das Tischgebet verrichte," antwortete Friedlich lächelnd, ״überlege Du Dir, was unsererscits zu geschehen wäre." ״Du bist mir ein Näthsel," fuhr ManSseld auf, nachdem sein Freund in aller Gemüthsruhe das Schlußgebet gesprochen hatte. ״Mich bringt die Sache in Harnisch und Dich läßt sie ganz kalt, obgleich Deine Person selbst dabei in erster Linie mit engagirt ist!. Was wir thun sollen? An die bestem Elemente der Bürgerschaft appetliren! Noch überwiegen dieselben,

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