Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 41-42 (13.10.1886)
- Article
- Jüdische Briefe aus und über Rußland
- Date
- 1886-10-13
- Page
- 646 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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listiger Weise ihre reformistischen und neologischcn Geflnnungen und ihre auf Vernichtung gesetzestreuen jüdischen Wandels gerichteten Bestrebungen unter falscher Flagge zu decken. Sie gaben vor, eine Verbiudüng der jüdischen mit der allgemeinen Wissenschaft auzustreben, die Fahne des Indenthum mit neuem Glanz bedecken, die Kennlniß der hebräischen Sprache pflegen und verbreiten und eine Annäherung der Juden an die allgemeinen russischen Sitten und Lebensgewohnheitcn fördern zu wollen. Der Einsichtige und Kundige wird aber unschwer erkennen, daß die unheilvollen und Verderben bringenden Lehren eines Hokdheim, Geiger und deren Genossen in den Schriften eines Nachmann Krochmal aus Brody wiedergegeben sind, der eS freilich verstanden hat, sie durch ein dichtes Gewebe der Wahrnehmung Unkundiger und Harmloser zu entziehen. Nach diesem trat Isaak Ber Lcwinsohn aus Kremcnez auf, welcher von unseren sogenannten Maßkilim der russische Mendelssohn genannt wird, der Verfasser der בית יהודה ,תעודה בישראל und anderer Schriften. In der letztgenannten Schrift lüftet er freilich den Schleier, unter welchem Krochmal seine Ideen zu hüllen wußte, aber nur, um an dessen Stelle ein dichteres Gewebe treten zu lagen. Trotzdem aber leuchtet seine wahre Gesinnung und Absicht jedem Kundigen aus diesem seinen Werke klar entgegen. So stellt er dort die Behauptung auf, daß das Sanhcdrin und VeLh-Din-Hagadol die Bcfngniß besitze, die Thora dem Volkswillen entsprechend abzuändcrn, in jeder Zeit aber mit Genehmigung der Landesregierung überall Sanhedrin eingerichtet werden können.*) Der aufmerksame und kundige Leser erkennt aber, daß er damit nichts Geringeres hat aussprechcn wollen, als daß man den Sabbath anfheben und ein Surrogat in Gestalt einer Sountagsscier an deren Statt adoptiren darf. Dieser Isaak Ber Lewinsohn ist das Oberhaupt der sogenannten ״AusklärungS׳ und Bildungsfrcundc", Maßkilim, unseres Landes. Er ha! es verstanden, sich Ansehen und Einfluß bei der Negierung zu verschaffen und sich als der Leiter und Führer der Juden darzustellcn, der ihre Interessen vertritt, Iudcnthum mit Wissenschaft vereinigt fördert, und Loyalität, Treue und Liebe für Kaiser und Reich unter den Inden pflegt. Durch solche Vorspiegelungen gelang cs ihm, sich nach Oben angenehm zu machen und die Herrschaft über seine Glaubensgcnosicn zu führen.} Dabei verkündet er fortwährend sein eigenes Lob, daß er *) Er drückt sich in seinem 5 ,בית?הודה. Abschnitt, Kap. 102, Seite 35, in einer Anmerkung also aus: '1ע1ר ראי ברורה מבאן שרשות בבל זמן לגדולי חדור לקבץ בית גדול וכללי לבל הגולה לתקן הדת בפי'ההכרח במקום ובזמן. lediglich für fein Volk und dessen Wissenschaft sich abmühe. Wer dieses Buch בית יהודה, welches in der Form von an die Negierung gerichteten Antworten eine Vertheidiguug dcS Talmuds gegen die wider ihn erhobenen Anklagen darftcllt und zwar, wie in Wahrheit zugestanden werden muß, in meisterhafter Weise, oberflächlich liest, wird durch den bestechenden Stil sehr leicht zu der Meinung gelangen, daß der Verfasser von einer begeisterten Verehrung für die Thora erfüllt sei, eine staunenöwerthe umfassende Kennlniß in der jüdischen Literatur besitze und von einer innigen Liebe seines Volkes beseelt sei. Wenn man sich jedoch ausmerksam in die Lektüre dieses Buches vertieft, dessen Inhalt nüchtern überdenkt, ihn der wunderbar gleißnerischen Form entkleidet, so wird man erstaunen und sich entsetzen ob der Wahrnehmung der furchtbaren und verführerischen Verleugnung der Grundwahrheiten des Judenlhums, welche kaum von den wüthendsten Reformern auszusprcchen gewagt worden ist. DaS ganze Buch ist mit feiner Berechnung, Täuschung und Blendwerk angelegt. Vor einer ruhigen Beobachtung zerfließt jedoch der tauschende Dunst, und man schaut die nackte Wirklichkeit. In diesem Buche wird die .Heiligkeit der Thora und deren Gebote einfach geleugnet, unser ganzes Gesetz zu einem leeren Formwerk, einer inhaltlosen Zercrnonie gestempelt — zu nichts Anderem. Der Verfasser unternimmt eine neue EintlMung der Thora. Ein Theil der Gebote dienen zur Erinnerung, andere zum Schutze u. s. w. Es springt aber sofort jedem kundigen Leser in die Angen, daß er alle Gebote als leere Zeremonialvorscheiften und tobte Formen erklärt, nur berechnet für rohe Menschen, für eben ans der ägyptischen Sklaverei Entlassem. Aber in Bezug auf eine Generation, die zm einer höher entwickelten Kultur gelangt ist, bedürfe es solcher Erinnernngs-. und Schutzverordnungen über- Haupt nicht. Die Religion habe sich den jeweiligen Zcitbedürsnissen und Volksanschauungen anzupassen und könne auf dem Boden des Judenthnms auch in der That durch ein Sanhcdrin jederzeit abgcändert werden. Ein Sanhedrin aber braucht nach seiner Behauptung keineswegs ans solchen Männern zu bestehen, welche die במיכה empfangen haben in der Weise, wie solches von dem jüdischen Gesetze in Wirklichkeit verlangt wird, vielmehr genügt cS ihm. wenn die Mitglieder eines solschen fälschlich also genannten Sanhedrin von der Negierung anerkannt sind. Er räth deshalb, daß die Negierung anS den Nabbinerschntcn dazu autorisirte Rabbiner ernennen möge, welche dann daS Synhedrin bilden. Dieses aber Hobe dann die Gewalt, Las Indenthum Len Zeitbedürfnisscn gemäß nmzngestaltcn. Das ist der Geist seines Buches und das letzte Ziel