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Jeschurun · 1886-09-29 · Heft 39 (29.9.1886) · p. 616

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 39 (29.9.1886)
Article
Nebelbilder
Date
1886-09-29
Page
616 (sequence 3)
Language
German
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616 — nein, ihr armen Flüchtlinge, in Sizilien lebt kein Torquemada, kein Peter Arbuez — des Guadiana, dcS Tajo Wogen sind roth gefärbt von dem Wiederschein derAutodaso's euerer Bruder — ihr seid heimathlos — vertrieben — so muß cS sein, dafür seid ihr Juden, Inden, — wißt ihr, was das bedeutet? Fraget Ferdinand, fragt die holde Jsabella, fraget LimeneS — ziehet weiter durch die Asche des feuerspeienden Aetna — euer Weg ist glühende Lava, euern Pfad erleuchten stets Feuerzeichen, euer HauS erfüllt stets Schwcseldampf — so — jetzt sind sie entschwunden — wohin — wohin?- Ruhig liegen die Gassen der deutschen Rheinstadt Köln — Alles schläft, nur hier und da ein vereiuzeltes Flackern und Leuchten eines schwachen LämpchenS. — Da, horch, der Schrei einer Frauenstimme — zornig drohende Männerstimmen — im Stübchen dort hinten in der Gasse kämpft ein engelschönes Weib — schwarz umflattert ihr Haupt das wallende Haar — ihre schwarzen Augen sprühen Zorn und Angst, ihr Busen wogt in übermenschlichem Ringen, im Ringen mit einem — frommen Pater. Wie kommt das Judenweib zu dem Dominikanermönch? Judenweib? Nein, eS ist das Weib des Apostaten Pfefferkorn. Hört ihr den ehrwürdigen Pater keuchen: ״Mein wirst du, schönes Weib!" — Ein wüthendes Ringen — da — die Kräfte des Weibes erschlaffen — ist?eine Rettung da? — horch! Wer naht? — Die Thür wird aufgcrissen — auf der Schwelle steht ein bleicher, finsterer Mann — wer wagt cs, sein Weib zu schänden? — ״Nette mich, hilf mir!" stöhnt das Weib ihrem Manne — eS ist Pfefferkorn — zu. Da spricht der fromme Klosterbruder: ״Laß mir dein Weib, Pfefferkorn, deiner warten Ehren und Titel, wenn du cS mir preiögiebst!" — ״Hilf mir, Mann," stöhnt das Weib. — Und der Mann — wendet sich ab, winkt dem Pater, — der faßt das halb ohnmächtige Weib und' schleppt es hinaus — Pfefferkorns Weib wird die Buhlerin der frommen Doulinikaner. ״Ha, Hab' ich meinen Glauben, euern Glauben, verruchte Juden, dahingegeben, mein Weib den Lüsten der Mönche überlassen, um Ehre und Ruhm, Rang und Würde zu erreichen? — Euch, ihr Juden, meine» Haß, euch meine . Rache! — Die Religion will ich euch rauben, eure Ruhe vernichten! Hörst Du es, Gott? Nein, es giebt keinen Gott! Ha, ha, ha!" Wie. wahnwitzig lacht er auf und stürzt fort. — Wolken thürmeu sich, Rauch und Dampf steigt auf über dem Scheiterhaufen heiliger Bücher, über der Mißhandlung ihrer Bertheidiger — Alles umschlingend — verhüllend — ein anderes Bild. Karneval, Karneval! Bunt drängt sich das Volk auf dem Korso — Wagen rollen. Rosse traben. Harlekine tanzen, Damen kreischen: eonkotti, confetti! — Da, welch Drängen und Stauen — das Volk reckt die Hälse, das Wettrennen beginnt, erst die Esel, dann die Stiere, dann die Hebräer und schließlich die Rosse. Die Muli sind vorbei gerast, die Büffel haben ihre Schnelligkeit gezeigt. ״Ob Ebrei, Gli Ebroi!" schreit das Volk lachend und jauchzend. Schau, dort kommen sie angetaufen, den Korso hinab, die zehn Vertreter ihres Stammes — gli Ebrei — ja, der Mönch Caraffa, der jetzt den Stuhl Petri als Paul IV. einnimmt, weiß zu sorgen für das Wohl des Volkes! Da, sieh, wie sie keuchen im Wettlanf, die langbärtigen Ebro!, gehetzt von der Peitsche der Treiber, Heller Schweiß, mit Blutstropfen untermischt, rieselt herab von ihrem Körper — nackt, nur um die Hüften ein Tuch blutig gefärbt von der Hetzjagd ans dem Korso. — Da — dort stürzt einer auf dem Sande — Peitschenhiebe — Stöhnen! — Schadet nichts! Ein Jude mehr oder weniger! — Das Volt hat sich amüsirt und geht lachend und scherzend weiter, während dort auf dem Saude des Korso einer der Ebrei sein Leben verröchelt. — Dampf und Rauch, Feuer und Mord, fort rollt das Rad der Menschengeschichte — Leibzoll und Schutzzoll, Verbammng und Tod, Raub und Plünderung- Das neunzehnte Jahrhundert! Dort ziehen fliehende Schaaren herbei aus den russischen Steppen, bleiche Gestalten, zerlumpt, blutig, mit zerbrochenen Gliedern, hinter ihnen die Axt, die Hetzpeitsche des, Russen — sie ziehen vorüber, vorüber über's Meer — sie kommen zurück wieder auS Elend, in Elend — endlos, endlos wandernd — da, ein anderes Bild. Auf hoher Tribüne steht im Kleide des Priesters ein Mann und redet, und was er redet, — ist eS Gottes Wort? der Mann nennt sich einen Diener Gottes. — Die Menge lauscht andächtig, und nur Beifall unterbricht ihn. — Er redet, der Priester des Herrn — nicht von Bruderliebe, nicht von Ruhe und Frieden — nein, von Bürgerkrieg und Brudermord, von Verlreibnng und Bedrückung — und was er spricht, zündet wie der Blitzesfnnke, denn jodelnd und lärmend hallt es wieder von den Wänden der Halle: ״Nieder mit den Inden, nieder mit den Inden!" Laut tönt der Nus in der Hauptstadt des ersten Kulturstaates: ״Hinaus, mit den Inden! " —Und daS Bild bleibt, bleibt — Wolken ziehen, Donner rollen — die Stimme des Volkes übertönt ihn-ich fahre auf aus meinen Traumen. Da liegt noch immer so ruhig, jo friedlich die schlummernde Erde. — Frieden? Und doch haben die Stürme gewüthet, noch wüthen sie fort. — Schlummert mir dort unten, nur eine Nacht — dann beginnen wieder die Stürme, dann rollen wieder die Donner, dann zucken wieder die Blitze. — Eine Nacht ruht! Dann wieder auf — weiter — weiter — bis heranbricht der ewige Friede, die ewige Ruhe — Er dort oben wacht für euch, siehe, es schlummert nicht, es schläft nicht der Hüter Jsraelsr

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