Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1886)
- Article
- Nebelbilder
- Date
- 1886-09-29
- Page
- 615 (sequence 2)
- Language
- German
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615 auf einer Bank ich sitze. Friedensstille rings! Ist das der wahre Friede? Und wie ich sinne und sinne, da weht es wie ein Vorhang vor meinen Augen empor, und ich schaue Bilder vorübcrzichen, Bilder der Wahrheit, Bilder der Menscheugeschichte. Siche dort! Donner und Blitz am wolkenumhülltcn Gipfel des Riesenberges. — Horch! Posaunenton! Der Schrei einer tausendköpfigen Menge, ein Brausen und Rauschen, ein Drängen und Sturzen, — rückwärts drängt das Volk — Gottes Majestät auf dem Sinai, Gottes Stimme tönt durch das All: ״Ich bin Gott, dein Gott!" Hörst du den Donner, vernimmst du die Allmacht des ewigen Wesens, — höre Israel, Gott, dein Gott spricht zu dir! Auf den Knicen liegt das Volk, ein göttlicher Hauch durchweht seinen Geist — hörst du, was Gott dir verkündet! Frieden, ewigen Frieden! — Willst du den Frieden, willst dn gehorchen dem Worte, das ans Donner und Blitz, ans dem Wolkcnthrone des Allmächtigen zu Dir spricht? — Ich will, ich will, wir wollen es thnn, wir wollen cs vcrstehen! — Ewiger Friede! Die Menschheit hat ihn enipfangen, das Gottesgeschenk ist ihr verliehen! — Donner rollen, Wolken thürmen sich, finster ist es wieder — da, ein zweites Bild. Horch, feierliche Chöre, horch, Flöten und Cymbelspiel! Sieh, Rauchwolken steigen empor, die Altäre dampfen, die Herrlichkeit Gottes ruht in Israels Tempel. Und der Priester schreitet hinauf znm Altäre, die Weihe des Opfers zu vollbringen. — Schau, es drängt heran das Volk mit Früchten und Getreide, die Stiere beladen mit Allem, was des Landes Boden hervvrbringt. Es wallt durch die Gottesstadt, den Zehnten an der Stelle zu verzehren, die Gott ihm auserkoren. — Freude und Jubel ertönen, der Friede ist eingekehrt, Gottes Volk ist Gott treu! Keiner tritt leer vor das Antlitz Gottes, die Opfer dampfen, die Levitenchöre singen — Gottes Friede im Volke. Da — plötzlich — Lärm und Geschrei, Stöhnen und Aechzen! Das sind nicht mehr die Rauchwolken des Gottesaltares, das ist nicht mehr der Friedenston der Posaunedie Kriegstrompete tönt! Gottes Tempel in Flammen, in den Straßen der Gottesstadt Leichen, Blut — die GotteSbnrg sinkt, die Altäre stürzen ein — wehe, Roma siegt! Die Götzendiener triumphircn, Gottes Priester ans den Trümmern des Tempels. Hoch auf den zerschmetterten Mauern des HeiligthnmS steht eine Herrliche Gestalt — weiß wallt fein Bart, weiß sein Gewand — die Angen blitzen — in den Händen hochhaltend die Rollen des Gesetzes: ״Hörst dn. abtrünniges Volk, die Donnerstimme deines Gottes, sichst du das Strafgericht des Himmels — Mütter schlachten ihre Kinder, das Blut der Erschlagenen dient euch, zum Tranke — höre Israel, der Ewige, unser Gott, Gott ist einzig, einzig." Er stürzt sich hinein in den ausaufflanimcnden Tempel unter dem SiegeSschrei der römischen Mordbrenner: Fort mit euch in die Sklaverei, ihr Männer, fort mit euch zu den Lustgelagen der römischen Edeln, ihr Frauen und Jungfrauen! Wo ist der Gott, der euch rettet? — Jupiter, Mars, VenuS, Bacchus, euch ist der Sieg! Nieder mit dem Allerheiligsten, reißt sie heraus, die Gesetzesrotten, stampft sie in den Straßenkoth! Ertönet Tuben und Zinken! Vivat Imperator, vivat Titus!! — — Wolken und Nebel, Sturmgebraus und Finsterniß —ein viertes Bild. Dort die engen Gassen des Ghetto — die bartigen Männer, die dunkeläugigen Frauen, siehst du, was sie beginnen? Sie ziehen hinab zu dem lebendig fließenden Wasser, leise murmeln sie Gebete, — sie leeren ihre Taschen ans in den Bach hinein; — da, horch, Geschrei — eS bringt drohend näher und naher, unheilverkündend: ״Nieder mit den Juden, sie haben die Brunnen vergiftet — te cleum laudamus — hoch das Kreuz, ihr edlen Kreuzfahrer, erst die Juden, dann die Sarazenen — plündert, raubet, mordet, werft sie in den Rhein!" Wehruf, Klagegeschei.— ״Schaut, dort die Jndcndirnen — komm, sollst mein Liebchen sein!" Da — was drängt sich hin zu der Brücke des Stromes — zwanzig jüdische Mädchen — Hand in Hand — betend, hört ihr den Ruf, wie Engelschor hallend, von den Lippen der zarten. Jungfrauen: ״Lieber Tod als Entehrung! Gott, höre uns!" — Ein Schrei — ein Sprung — die Arme verschlangen stürzen sie sich hinunter in den brausenden Strom — weit klafft der unersättliche Schlund des Wasserriesen — der Nachen schließt sich — nur leise noch murmelnd kräuseln sich die Wellen über den Verschwundenen — leise fortrollend — forttragend die Mähr von den zwanzig jüdischen Jungfrauen, die zur Ehre der 8an6ta Maria, dem frommen Opferwerke der Kreuzfahrer entrinnend, mit dem freiwilligen Tod ihren Glauben, ihre Ehre sich bewahrt haben. Dort hinten verliert sich der Strom in weite, nebelhafte Ferne — weiter — immer weiter — ein anderes Bild. Hel! strählt der Silberhirt der Nacht auf die Wogen deS Meeres — laut brandend an der Küste Siziliens tost die Welle, springend und hüpfend wie ein ungcbändigt Füllen — hoch ragt der Fels von Milc1z;o, hell beleuchtet vom Scheine des MondeS. — Aber Heller noch leuchten blutig rothe Fenergarben, entsendet vom flammenden, donnernden, glühend umflosscnen Aetna — da, schau, leise landet am felsigen Ufer ein Schisslcin — heimlich und verstohlen, zag und scheu um sich blickend zieht ein Häuslein Männer und Frauen, — glauben sie hinter jedem Felsen- Vorsprung, hinter jedem Busch und Baum das gierig funkelnde Auge der spanischen Priestertiger zu erblicken