Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1886)
- Article
- Die Faselei von dem Rachegotte
- Date
- 1886-09-29
- Page
- 613 (sequence 3)
- Language
- German
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613 haben, zu der Höhe dieser Güte schwinget sich kein Mensch empor.) Aber ist eS nicht ganz cigcnthümlich, daß man dem Judeuthume die Anbetung dcö NachcgottcS vorwirft, der bis in das vierte Geschlecht hinein ahndet, während man sich an den Juden bis in alle Ewigfeit hinein rächet, weil das Synhedriunr den Stijtcr der christlichen Religion bestraft hat? Denn, selbst wenn man sich in allen Punkten des Todes des Stifters der christlichen NcligionSlchrc mit der christlichen Auffassung cinvcrstaudcucrklärt, bleibt cS ja immer unbegreiflich, warum Rache nehmen an den ,heutigen* Juden!! Und endlich: 9) Sollten wir uns anmaßcn, Gottes Wege zu ergründen und zu meistern? Mag die Waltungsweise Gottes der ״Ahndung bis zum vierten Geschlcchte" für uns in tiefes Dunke! gehüllt sein?') Wir vertrauen seiner Liebe, seiner Gerechtigkeit, die in Ihn! keinen Gegensatz bilden. ״Wer doch weise wäre," sagt Hosen, ״daß er dies einsähe, verständig, daß er es erkenne; denn gerade sind die Wege des Ewigen, die Gerechten wandeln darauf und die Misscthäter straucheln darauf." MW Znefc MS und Wer AGM. Von Pcnicl. (Ans dem Hebräischen übersetzt.) HL Bis vor etwa vierzig Jahren war die Leitung der allgemeinen und speziell religiösen Angelegenheiten der Juden in diesem Lande eine einheitliche. Die Oberhäupter, Lehrer und Führer der Gemeinden waren ausschließlich gesetzeskundige Männer. TheilS waren es hervorragende Rabbiner, thcils wohlhabende Kaufleute, theilS tüchtige und gottcSfürchtigc Gelehrte, welche an der Spitze des Volkes .standen. Nach Maßgabe ihrer größeren oder geringeren Befähigung war ihre Wirksamkeit eine mehr oder weniger bedeutende. Alle aber waren daraus bedacht, Lchrhänscr zu errichten und *) So singt Wessely in der Mosaide, — beruhend nuf ״Midrasch" zu 1. B. M. 21, 27: ״baß du nicht treulos werden willst gegen mich, und meine Kinder und meine Enkel," wie folgt: "פוקד עדן אבות אשר ישחיתו, על בנים אשר תועבותם למדו, על שלשים על רבעים אפקדנו, כי רחמי אב עד רבעים יניעו. אולי עתי אבותם־ עוד תראמו, וביום רעתם עליהם יהמולו." u. .si w. n. s. w., um auch seinerseits einen Vccnunstgrund hierfür zn finden. Wissen zu verbreiten; zugleich aber hatten sie auch die politische Führung und Vertretung. So ruhte die Wahrnehmung der geistigen und materiellen Interessen in einer Hand. Gab es doch bei uns außer den berühmten großen Rabbinern hochangesehcne und einslußreiche Männer, welche tiefes religiöses Wissen mit ihrer bedeutenden bürgerlichen Stellung verbanden und sür ihre Brüder außerordentlich heilsam wirkten. Ich erinnere beispielsweise an den großen Rabbi Saul Wahl unter König Sigismund August von Polen, der bei der Negierung sich eines großen Ansehens erfreute. Von ihm wird sogar berichtet, daß er während einiger Tage oder Wochen den polnischen Königsthron eingenommen hat, wie solches, ausführlich in dem'Buche ״Gcdulath Schoul" zu lesen ist. Dieser bedeutende Mann hat mehrere talmudische Hochschulen gegründet imb bedeutende Kapitalien zur Förderung der Thora-Wisscnschasl ausgesctzt. Seine Söhne, Schwiegersöhne und spätere Nachkommenschaft zählten zu den hervorragenden Gclchltcn bis zur jüngst vergangenen Zeit hinab, bis auf Nabbi Jakob Meir Padua. Rabbiner in Brest LitewSk. Ebenso war der große R. Michael Josapowiz in Brest LitewSk unter Sigismund I. überaus angesehen und einflußreich, so daß ihm justiziäre Gewalt beigelcgt wurde. Was dieser bedeutende Mann sür die Fördcrung der geistigen und materiellen Interessen seiner Glaubensgenossen geleistet, ist ausführlich in dem Werke ״Toldoth Brisk Delita" zu finden. In gleicher Weise wirkte vor hundert Jahren in Wilna der gelehrte und fromme Nabbi Jehuda Jeßod. (Der Name ימוד wurde ihm beigclegt und bezeichnet als יהודא ספרא ודינא :ר' ת׳.)] Er besaß großes Anscheu und Vermögen. Von seiner Gelehrsamkeit mag der Umstand zeugen, daß er, bis sein Schwiegersohn Nabbi Samuel, der letzte Oberrabbiner in Wilna, zu dieser hohen Würde gelangte, mehrere Jahre den bedeutenden Nabbincrstuhl in Wilna elnnahm. In einer wichtigen Angelegenheit begab er sich nach Krakau zum König und cs gelang ihm, für seine Brüder Bedeutendes zu erwirken. Interessant ist cs, zu erfahren, welche Anerkennung diese ihm für das große Heil, das sie ihm verdankten, zollten. Kein Denkmal, keine Gedenktafel, — nichts, als die Vergünstigung, daß ihm allein cö vergönnt sei, den Wein sür קידוש והבדלה in der Synagoge alljährlich zu spenden. Er setzte be- Lrächtliche Summen für die Errichtung von Lehrhäusern auS, ihm verdankt die große, milden Zwecken gewidmete Stiftung ״Zedokah gcdolah", deren gleichen eS wohl nirgend sonst gkebt, ihren Grundstock. Als ferneres Beispiel sei der Nabbi Jehvschua Zitlin aus Sklow erwähnt, welcher unter der Regierung der Kaiserin Katharina II. bei dem Fürsten Potemkiu ' f-