Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-09-23 · Heft 38 (23.9.1886) · p. 606

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 38 (23.9.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-09-23
Page
606 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933192-2967082--23036-2967123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

606 und der Herzen. Ein jeder Grashalm, jedes Blatt" jedes Sonnenstäubchen, jeder Luftzug, jeder durch die klare Lust sich schwingende Vogel und Schmetterling hatte ihm etwas zu sagen. Gekräjtigt und beruhigt kehrte er in seine Zelle zurück. Er hatte überwunden. Ruhigen Blickes konnte er aus die Trümmer der Vergangenheit Hinschauen, denn er fühlte die geheime Regung des Keimes, welcher mit neugestaltigem Leben die Ruinen überblühen wird. — Noch am folgenden Tage schrieb er seinem Freund Moses, ihm unverzüglich die Bücher zukommcn zu lassen, welche er ihm bezcichnete. An crftcr. Stelle stand eine jüdische Geschichte, dann folgten die Namen einiger religionsphilosophischer Werke und einiger Propheten..... WaS er sonst gewohnt war, bei Römern und Griechen zu suchen, das fand er Alles in erhöhtem Strahlenglanz bei seinem eigenen Stamme. Homer, Demosthcn, Solon, Lconidas, Sokrat, Aristot — Cornclia und noch zahllos Andere, die seine Ideale waren, grüßten ihn von den glorreichen Blättern der jüdischen Geschichte. — An die Stelle der srüheren Geistesstnmpfheit war tiefernste, segensreiche Gedankenarbeit getreten. Er laö viel und dachte sehr viel nach über alle Fragen, welche seit dem Verlust des Paradieses Len Geist dcS Menschen beschäftigen. Am Hervorragendsten und Eingehendsten aber befaßte er sich mit der Stellung und Mission seines Stammes und seiner Glaubensgenossen, und der Gcniuö seines Volks und Glaubens offenbarte sich ihm durch diese Reflexionen in seiner ganzen Erhabenheit. Er sank anbctend vor ihm nieder und schwur ihm ewige Treue. Später gewohnte er sich, seine um allgemeine Interessen sich dewegende Gedanken zu Papier zu bringen, waS ihm einen zweifachen Vortheit cinbrachte. Erstens gewährte cS ihm eine angenehme Abwechslung, seine Gedanken in eine gefällige Form zu kleiden, und zweitens vcrantaßte ihn das Bewußtsein, daß diese Aphorismen dem Urtheile späterer, dem GemüthSleben der Gegenwart entfremdeter Tage ausbewahrt blieben, seine Untersnchungcn systematisch zu betreiben und zu vertiefen, wodurch er ihnen einen bleibenden, absoluten Werth verlieh. Einige heranSgerisscne Gedankensplitter, welche ihn in die neuen Bahnen lenkten, die er mit weiser Konsequenz sein ganzes Leben lang wandelte, mögen hier einen Platz finden. # .״Es ist nicht wahr, daß die moderne Kultur der jüdischen etwas zu vergeben habe; cs dürste mit dem geraden Gegcrtthcil seine Richtigkeit haben. Nur tnuß man sehr vorsichtig sein, was man für jüdische Kultur ansehen solle. Sie ist in der Gegenwart höchstens nur bei einzelnen, seltenen Ausnahmen vorfindlich, wahrend der heutige Zustand des großen TheilcS auch der frommen Juden nur ein Zerrbild des erhabenen Jdca.'S des klassischen AlterthumS ist. Es mußte so kommen, die Jahrtausende der Barbarei und des Verweitens unter dem sich mühsam und zollweis dem Sumpfe schlimmsler Verthiernng entringenden Geschlcchte konnte nicht spurlos an dem jüdischen Geiste vorübergehcn. Unter diesem fremden Einflüsse gelangte er zu den Befleckungen und Auswüchsen, die ihm heute anhaftcn — seine Reinigung und Zurück- Versetzung in seine alten Rechte sei das Losungswort eines jeden Juden, sowie es einst das Losungswort des gesammten Menschengeschlechts sein wird. Rückkehr zu den erhabenen Prinzipien deS hebräischen Alterthums!" ״.Es ist die thörichteste Beschränktheit, den jüdischen Zeremonialgesetzen die Möglichkeit abzusprechen, irgend welchen ethischen Zweck zu fördern und sie als zu kleinlich zu halten, als daß sie je von der Gottheit anbefohlen worden sein könnten. Wenn Rousseau allen Ernstes versichert, daß cs für das ganze Leben eines Kindes von großer Bedeutung sei, ob es in seinem Säuglingsalter mit einer künstlichen Silberschelle oder mit einem klappernden Mohnkops gespielt habe, wenn er beschwört, auf ein jedes Lachen, ein jedes Wort dem Kinde gegenüber genau Acht zu haben warum müßte es für die Seele irrelevant sein, ob am Sabbath geruht oder die WerkthätigkciL fortgesetzt wird warum sollte cs dem ethischen Ziele deS Menschen nicht fördernd oder hinderlich sein können, ob eine gewisse Speise genossen oder vermieden wird? Der nach seinem beschränkten Kreise urtheileude Thor setzt sich höhnisch lachend darüber hinweg, aber daö prophetische Auge des Weltwcijen, welches den innerlichen Zusammenhang der Dinge erspäht, erblickt darin das Postulat eines tiefen Gesetzes. Emil wird für das irdische Leben erzogen und sein Erzieher ist ein Mensch, dessen weise Lehrsätze wir begreifen, dessen Absichten wir wahrnchmen können; wir aber sind Kinder, die für die Ewigkeit erzogen werden und unser Erzieher ist das vollkommenste, unerforschlichc Wesen!." ״.Warum sollte ich mich scheuen, meinem christlichen Freunde zu sagen: ,Mein Freund, ich esse und trinke nicht mit dir, aber nicht aus Geringschätzung oder aus der Absicht, dich zu verletzen. — Bewahre:.... sondern weil eö meinem religiösen Gewissen zuwiderläuft. Darauf verpfände ich bei dir mein Manneswort! — Und der christliche Freund, der eS mir trotz dieser heiligen Versicherung übel nimmt, daß ich ihn nicht zu seiner Tafel begleite, und darin eine Veranlassung erblickt, daö freundliche Verhältniß mit mir zu lösen, der muß ein eigensinniger und eitler oder geistig zurückgebliebener Mensch sein, an dessen Freundschaft ich nichts verliere."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.