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Jeschurun · 1886-09-16 · Heft 37 (16.9.1886) · p. 584

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 37 (16.9.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-09-16
Page
584 (sequence 3)
Language
German
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584 ״Gute Nacht, mein Liebling, hast Du leinen Schmerz?" ״Nein," erwiderte der Kleine und schloß die Augen wieder. Sie hauchte einen Kuß. auf die Stirn des Kindes, und bald hatte sie die Genugthuung, es in ruhigen, regelmäßigen Athemzügcn schlummern zu sehen. Zehn Minuten mochten abermals verstrichen sein, als im Nebenzimmer die Thür geöffnet ward; Doktor Werner trat ein. Das junge Mädchen hatte ihn nicht getroffen, aber er hatte am Morgen die Kranke leidender als sonst gefunden, wollte daher am Abend nochmals nach ihr sehen. -In seiner freundlich theilnehmenden Weise fragte er nach ihrem Befinden, doch die erregte Alte wollte ihm nicht Rede stehen. ״Gehen Sie hinein, Herr Doktor, geschwind, geschwind! Ach, die arme Frau — wenn das Kind nur nicht stirbt!" Erschreckt eilte Werner in das anstoßende Zimmer, doch wie ward ihm, als er bei dem flackernden Schein der Kerze die noch immer an der Seite ihres Kindes Knieende erkannte. Der erste Blick auf den ruhig schlummernden Knaben überzeugte ihn, daß die Besorgniß der Alten unbegründet, doch er selbst bedurfte mehrerer Minuten, um sich zu fassen. Seit jenem Tage, als sie unter dem Trauhimmel seinen Armen entrissen worden, hatte er sie nicht wieder gesehen, und nun fand cr sich mit einem Mat so plötzlich, so unerwartet ihr gegenüber — mit ihr allein. Ob sie seine Anwesenheit ahnte? — er wußte es nicht. Leise trat cr endlich näher und ergriff die Hand LeS schlafenden Kindes, der Puls ging ruhig. ״Seien Sie unbesorgt," sprach er mit leiser, bebender Stimme, ״es ist durchaus keine Gefahr vor- Händen." Sie fuhr zusammen, diese Stimme — sie hatte sie seit zwei ^Jahren nur in ihren Träumen vernommen. Langsam wandte sie sich zu dem jetzt neben ihr Stehenden und schaute zu ihm auf mit einem Blicke, der bis in das Innerste seines Herzens ihm drang. ״Arnold!" flüsterte sie und hob flehend die Hände. ״Um des HimmelSwillcn, Frau Müller!" stammelte er und neigte sich, sie vom Boden zu heben. Doch kaum halte er ihre Hand erfaßt, als ferne Ueber- Legung schwand. Vergessen hatte er die Jahre Lange Trennung, vergessen, daß sie unter dein Trauhimnrel ihm entrissen. — Er sah in ihr nur das Weib, das er Liebte mit aller Gluch seines reinen, edlen Herzens. Schon war er im Begriff, seinen Arm um sie zu schlingen, doch plötzlich taumelte er zurück. ״Herr deS HiDMeLS, welch tin Elender bin ich!" ״Nein," sprach sie leise und trat ganz nahe an ihn hinan, ״nein, Arnold, nein. Du bist kein Elender — ein Elender ist nur Derjenige, der mich und alle Welt betrogen, der Deinen Armen mich entrissen, der —" ' Die Sprache versagte ihr, sie war nicht im Stande, das entsetzliche Wort, das ihr auf der Zunge schwebte, über die Lippen zu bringen. Er starrte sie an, als habe sie in einer fremden Sprache zu ihm gesprochen; war er doch außer Stande, den Sinn ihrer Worte zu fassen. Da neigte sie sich dicht an sein Ohr und in leisen Worten flüsterte sie, bebend, das Entsetzliche ihm zu. Dann aber brach sie zusammen. ״O, ich weiß es!" schluchzte sic, ״Du mußt mich verachten!" Er aber riß sie empor mit wildem Jubelschrei. ״Mein! mein!" ״Du verachtest mich nicht?" stammelte sic, ״Du stoßest mich nicht zurück?" ״Jetzt kann nur der Tod uns trennen!" In diesem Moment ward Müllers bleiches, verzerrtes Gesicht vor dem äußern Fenster sichtbar. Ungefähr eine Viertelstunde, nachdem er dem kleinen Karl jenen verhöugnißvotteii Schlag versetzt, hatte er sich in dessen Schlafzimmer begeben, wo er auch Tirza zu finden hoffte. Zu seinem Entsetzen fand er das Zimmer leer. Vergebens durchsuchte er alle Räume des weitläufigen Hauses, vergebens fragte er einen jeden seiner Leute nach dem Knaben — nach dessen Mutter zu fragen, dazu fehlte ihm der Muth. — Doch das Kind hatte Niemand gesehen. - Da cntsann er sich der alten Frau Winkler, die krank dort drüben in dem Häuschen wohnte. Wie oft hatte sein eifersüchtiges Herz den Doktor beschuldigt, daß dieser, nur um zu Tirza hinauf zu sehen, die Kranke drüben so häufig besuche. Eine entsetzliche Ahnung erfaßte ihn. Ohne sich klar bewußt zu sein, was cr beabsichtigte, steckte er einen geladenen Revolver zu sich und eilte hinüber. ׳ Er trat an das Fenster des im Erdgeschosse sich befindenden Stübchens — er sah das Weib, das er noch immer mit wahnsinniger Leidenschaft liebte, um dessentwitlen er das schwerste Verbrechen nicht gescheut, an der Seite dessen, den sie, er wußte eS, liebte. — Ein wilder, unartikulirter Schrei entfuhr seinen Lippen — die Liebenden drinnen im Zimmer fuhren anseinander und starrten zum Fenster. (Schluß folgt.)

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