Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-09-16
- Page
- 583 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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583 Die Trauerwoche neigte fid) zu Ende. Noch hatten die Eltern, die um ihr Kind trällerten, kein Wort mit einander gewechselt. Müller hatte in Gegenwart Fremder zwar wiederholt versucht, Tirza anzureden, doch sie hatte sich stets den Anschein gegeben, als habe sie seine Worte nicht vernommen, und ihm hatte doch der Muth gesehlt, dieselben zu wiederholen. Sobald eS dunkelte, hatte er bisher stets unaufgefordert das Zimmer verlassen, doch heute war die Nacht früher als sonst hereingebrochen, ein Gewitter war im Anzuge. Die Trauernden befanden sich allein, die letzten Besucher hatten sie soeben verlassen. Karl lehnte an der Mutter Seite und suchte durch seine kindlichen Plaudereien sie zu unterhalten. Müller stand am Fenster, die Arme ineinander verschränkt schaute er bald hinauf zu dem nachtschwarzen Himmel, bald auf die liebliche Gruppe vor ihm. Tirza fühlte die Gluth seiner Blicke und hoffte vergebens, er werde sich entfernen. Endlich erhob sie sich, nahm ihren Knaben an der Hand und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. Müller erkannte ihre Absicht und vertrat ihr den Weg. ״Wohin willst Du?" fragte er barsch. ES kostete sie Ueberwindung, ihm zu antworten; doch sie fürchtete, durch Schweigen ihn noch mehr zu reizen. ״Ich will Karl zu Bett bringen," erwiderte sie ausweichend. ״Dazu giebt's Dienstboten," stieß er hervor, ״der Bursch mag sich trollen. Du aber bleibst." Tirza richtete sich auf zu ihrer vollen Höhe; mit vernichtenden Blicken ihn anschauend, wollte sie weiter der Thür zuschreiten. ״Du bleibst!" schrie Müller wild, indem er ihre Hand ergriff und wie mit eiserner Klammer sie um- . faßt hielt. Der Kleine,' der die Wuth des ManncS kannte, umklammerte angstvoll dessen Arm. ״Papa!" schrie er, ״thue Mama nichts! — lass' Mama los!" Düse Intervention brachte den im Moment halb Wahnsinnigen noch um den Nest seiner Besinnung Ein Faustschlag, und der arme Knabe brach bewußtlos zusammen, ein Btutstrom stürzte aus Nase und Mund. Mit gellendem Aufschrei warf sich Tirza neben ihrem Kinde zur Erde, dieser Moment hatte entschieden. Müller hatte seine Uebereilunyי bereits bereut, darum hielt er sie nicht zurück. Sie hob den noch immer bewußtlosen Knaben vom Boden, und ohne den Zurückbleibenden eines Blickes zu würdigen, verließ sie das Zimmer. Sie eilte die Stiegen hinunter. Seltsamerweise war sie von Niemanden bemerkt worden, denn das ׳ Gewitter war inzwischen zunr Ausbruch gekommen und hatte auch das Dienstpersonal in die inneren Räume gelockt. Der Wind heulte, der Regen ergoß sich in Strömen, zuckende Blitze erhellten nur auf Sekunden die rabenschwarze Nacht. Tirza kümmerte, das Alles nicht. Ohne schützenden Ueberwurf, nur im leichten Hauskleid, den ohnmächtigen Knaben im Arm, eilte sie dem Hauslhore zu. Erst als sie die Schwelle überschritten und der Sturmwind den Regen ihr ins Antlitz schleuderte, hielt sie an. Wohin sollte sie sich wenden in diesem fürchterlichen Wetter mit ihrem noch immer bewußtlosem Kinde? — Da ward schräg gegenüber im Erdgeschoß eines Hauses ein Fenster matt erhellt. Eine arme, seit Jahren kranke Wittwe wohnte dort. Ehedem hatte Tirza oft an ihrem Krankenbette verweilt, doch seit zwei Jahren hatte sie sich darauf beschrankt, die Unterstütznng, die sie ihr bestimmt, ihr durch Andere zu übersenden; hatte sie doch stets fürchten müssen, dem Doktor Werner, der die Kranke behandelte, dort zu begegnen. Jetzt flößte jedoch diese Möglichkeit ihr keine Furcht mehr ein. Mit ihrer Schürze den Knaben leicht bedeckend, eilte sie hinüber. Ohne anznklopfen trat sie in das Zimmer. ״Herr Gott, Frau Müller!" rief ein junges Mädchen, das am Bette der Großmutter dort weilte. ״Frau Müller!" wiederholte die Kranke, indem sic voll Entsetzen bald auf die bleiche, durchnäßte Frau,, bald auf den blutbcdcckten Knaben schaute. ״Um Gott, Frau Müller! was ist geschehen?" ״Mein Kind!" stammelte Tirza, ״mein Kind!" ״Kommen Sie hinein in das andere Zimmer," drängte das junge Mädchen, das vor Allem den Anblick des ihrer Meinung nach Verwundeten der Kranken entziehen wollte, legen Sie ihn dort aus das Kanapee und waschen ihm das Blut ab, während dessen laufe ich zum Arzte." Tirza folgte der Weisung des gewandten Mädchcns, das ihr Len Knaben aus das Sofa betten half, Wasser und Tücher schleunigst brachte und dann forteilte, um ärztliche Hülfe herbei zu schaffen. Noch immer hatte das Kind sich nicht geregt. Verzweiflung im Herzen, kniete Tirza neben ihm und wusch ihm das Blut von den bleichen Wangen. Endlich schlug das Kind die Angen aus und blickte verwundert um sich in dem fremden Zimmer. ״Gott sei.Dank! Gott sei Dank!" flüsterte die Mutter. Der Kleine lächelte sie freundlich an und bot ihr die bleichen Lippen zum Kusse. ״Gute Nacht, Mama!"