Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-09-09 · Heft 36 (9.9.1886) · p. 568

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 36 (9.9.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-09-09
Page
568 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933190-2966895--22874-2966943
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

568 ״So? nicht? das wollen wir sehen! Du bist die Mutter meines Kindes —" Sie hatte ihr Zimmer erreicht, war cingetretcn und wollte die Thür hinter sich schlichen; er drängte sich mit Gewalt ihr nach. ״Ich lasse mir den Weg zu meinem tranken Kinde nicht abschneidcn." Tirza eilte zur Wiege. In den heftigsten Zuckungen wand sich das zarte Wesen, die sonst so lieblichen Züge waren furchtbar entstellt, die Wangen glühend roth und weißer Schaum aus den Lippen. Der Arzt stand am Bette, wehrte den Eltern, das Kind zu berühren und trachtete nur, durch Eis- Umschläge die Gluth der Kleinen zu lindern. Doch Stunde um Stunde verging, es stellte sich keine Besserung ein. Der Arzt war abgcrufcn worden, die Eltern befanden sich allein am Bette ihres Kindes. Die Nacht war hcreingebrochen. Tirza wechselte unaufhörlich die kühlenden Tücher, während Müller am Fußende dcL Bettes mit verschränkten Armen in einem Sessel lehnte. Endlich ließen die Zuckungen des Kindes nach. Müller athmete erleichtert aus, und sein Auge ruhte nunmehr auf der Mutter seines Kindes, die er noch immer mit aller Macht seiner dämonischen Leidenschüft liebte. — Seit sechs Monaten war er nicht mit ihr allein gewesen, und je ruhiger er nun wegen seines Kindes sein zu können glaubte, desto unruhiger pochte sein Herz, desto heißer wallte das Blut in seinen Adern Leise erhob er sich und trat nahe zu ihrem Sessel. ״Tirza!" sprach er leise. Sie blickte fragend zu ihm ans. ״Die Kleine scheint jetzt außer Gefahr." ״Das gebe Gott!" ״Tirza," fuhr er mit bebender Stimme fort, ״cs ist Dein Kind und es ist meines — wir haben beide für sein Leben gezittert — Gott hat es uns heute zum zweiten Male geschenkt — am Krankenbette unseres Kindes flehe ich zu Dir — verzeihe mir!" ״Es,wird von Deinem Verhalten abhängen, ob ich Dir verzeihen kann. —. Doch mm ersuche ich Dich, mein Zimmer zu verlassen; wegen des Kindes kannst Du hoffentlich unbesorgt sein." ״Der Arzt betonte doch die Nothwendigkeit, es die Nacht hindurch zu beobachten." ״Ich werde nicht von seinem Bette weichen." ״Ucberlasse es mir, bei ihm zu wachen! — Tirza, ich beschwöre Dich! — cS ist mein Kind, mein einzigeS Kind, das einzige Wesen, das mir entgegenlächelt — stoße mich nicht von ihm!" Sie' schwieg, so sehr sie ihn verabscheute — es erschien ihr hart, diese Bitte ihn zu verweigern. räuschlos nahm er seinen Sitz ihr gegenüber wieder ein. Die Kleine schlummerte ruhig fort, es schien in der Thal jede Gefahr vorüber. Der Athem dcS aufgeregten Mannes ging rascher und lauter. Tirza fühlte seine glühenden Blicke, obgleich sie ihnen nicht begegnete; eine namenlose Angst erfaßte sie, 11111 keinen Preis wollte sic länger mit ihm allein sein. — Leise erhob sie sich und wollte das Zimmer verlassen, die Wärterin des Kindes herbei zu rufen. Doch er hatte ihre Absicht errathen und vor ihr die Thür erreicht. Rasch, ehe sie cS verhindern konnte, drehte er den Schlüssel um, zog ihn ab und barg ihn in der Brusttasche. Leichenblasse überzog ihr Gesicht, doch sie bezwang ihre Erregung. ״Habe die Güte, die Thür zu offnem" Höhnisch lächelnd schüttelte er den Kopf. ״Bor morgen nicht." Sie sah ein, daß jede Bitte vergebens, sah ein, daß sie um der Ruhe ihres Kindes jede Erörterung jetzt vermeiden müsse und schweigend schlich sie zurück zum Bette. Müller folgte ihr. ״Dank," flüsterte er, sich zu ihr neigend, Sie fuhr zusammen, doch sie erwiderte nichts. Und wieder verstrich eine Viertelstunde, sein Athem ward lauter, keuchender; sie glaubte, das wilde Pochen seines Herzens zu vernehmen, kalter Angstschweiß trat ihr auf die Stirn, doch sie regte sich nicht. Da fühlte sie Plötzlich, wie er seinen Arm um sie schlang. Sie fuhr empor und stand nun zornMhend ihm gegenüber. ״Hast Du vergessen," flüsterte sie bebend, ״daß ich Dein Geschick in Händen halte? entferne Dich augenblicklich oder ich überliefere Dich morgen dem Gericht." ״Ja, wenn Du das könntest, ohne Dich gleichzeitig der Schande Preis zu geben, so hättest Du es längst gethan." ״Wenn Dn mich reizest, so vergesse ich meine Schande." ״Das kannst Du nicht, sonst hättest Dn cS längst gethan. Komm, Tirza, sei vernünftig und verzeihe mir. Was ich gethan, ich that es doch nur ans Liebe zu Dir. — Sei vernünftig. Tirza, verzeihe mir! — Du könntest mich sonst zum Wahnsinn treiben, — und mit einem Wahnsinnigen allein sein —״ Die Stille der Nacht, Has Bewußtsein, daß sie um des Kindes willen jedes Geräusch vermeiden werde, verlieh ihm Muth. Nasch schlang er seinen Arm um sie und wollte sie an sich ziehen. Doch die Verzweiflung gab ihr nie geahnte Kraft. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.