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Jeschurun · 1886-09-09 · Heft 36 (9.9.1886) · p. 567

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 36 (9.9.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-09-09
Page
567 (sequence 1)
Language
German
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567 Ua!lde!s1lgtn. von Friedrich Rott. (Nachdruck verboten (Fortsetzung.) Die Dame hatte das Haus bereits verlassen, Walther, befremdet durch die cigcuthnmliche Stellung des jungen Mädchens, beobachtete sie von der Ferne. Da cntsann sie sich plötzlich, wo sie dieses wunderbar schöne Antlitz einst gesehen und ein gellender Schrei entfuhr ihren Lippen. ״Um Gotteswillen? was ist geschehen?" rief Walther herbeicilend. ״Sie ist's," stammelte sie, ,.sie ist'S." ״Wer denn, wer?" ״Sie — sie — um derentwillen Martin mtdj verlassen^ und nun —״ Sie schlug die Hände vor das Gesicht und lehnte mit verhaltenem Schluchzen gegen die Mauer. Walther preßte die Lippen auf einander. ״Ich glaubte," sprach er nach kurzer Pause, und seine Stinrme klang rauh und kalt, ״ich glaubte, die Schändlichkeitcn jenes Elenden hätten jedes Gefühl für ihn längst getobtet, ich sehe, daß ich mich geirrt." ״Was giebt Dir ein Recht zu dieser beleidigenden Vcrmuthung?" rief sie heftig. ״Deine Erregung, Deine Thräncn beim Anblick dieser Dame." Sie blickte ihn an in wilder Gluth mit ihren schönen seelenvollen Augen. ״Und die könntest Du Dir in anderer Weise nicht erklären?" sprach sie mit leiser, bebender Stimme. ״Daß jener Elende mich um ihretwillen verlassen, dafür schulde ich ihr Dank so lange ich lebe — doch daß sie jenes Herz gewonnen — das einst mir gehört — und daß ich in frevelndem Ucbcrmuth —" ״Bella!" unterbrach er sie mit bebender Stimme, ״Bella!" — wiederholte er weich und innig, der Vollklang der Liebe lag in diesem Ton. Erschüttert bis in das Innerste ihres Herzens, war sie nicht im Stande, den Blick zu ihm zu heben. ״Glaubst Dn wirklich," sprach er leise, ״daß das Herz, das für Dich geschlagen, eine Andere lieben kann?" Er war dicht an sie heran getreten, er neigte sich über sie, er berührte sie nicht, aber ihr war. als em- Pfände sie seinen ^Athem an ihrer Stirn —: sie fühlte den Zauber seines Blickes, die wie mit magnetischer Kraft sie zwang, den Blick zu ihm zu heben -— sie schauten einander an, Auge in Auge — und in diesem Moment war jedes Mißverständniß geschwunden. ״Bella!" rief er, die Arme ausdreitend. Mit lautem Jubelschrei warf sie sich an seine Brust, in wortlosem Entzücken drückte er sie an sich. ״Und Du fühlst Dich nicht mehr gedemüthigt durch meine Liebe?" fragte er endlich, ohne sie jedoch׳ frei zu lassen. ״Verzeihe mir," flüsterte sie, sich noch fester an-, ihn lehnend, ,.verzeihe mir, ich habe durch diese wahnsinnigen Worte mir doch weit mehr gethan als Dir."- ..Masseltow!" ries Sternthal, der eben die Stiege hinaufkam. ״Masseltow!" jauchzte Albcrtiuc, die ihm auf dem Fuße folgte, und laut jubelnd umschlang sie die Nenvcreinten und zog sie hinein kn das Zimmer zu dem SanitätSrath, den ihr Jubel ans dem Schlum- - mer geweckt. ״Masseltow! masseltow! meine lieben, lieben Kinder!" und gleichzeitig drückte er beide an seine.. Brust, ״ich wußte cs ja längst, daß Altes gut werden würde." ״Nur bar{ keine abscheuliche Raupe dazwischen kommen," rief Atbertine lachend. * Tirza hatte den Heimweg, obgleich derselbe mehr als eine halbe Stunde betrug, zu Fuße znrückgclegt. Die Unterredung mit dem Gesetzeskundigen hatte sie mächtig erregt; so wie er sie ihr gezeigt, hatte sie die Konsequenzen ihres Verhaltens noch nicht in Betracht gezogen — und dennoch fand sie eS unmöglich, seiner Aufforderung rn entsprechen. .Als sic die Straße erreicht hatte, in der ihre Wohnung sich befand, sah sie schon von weitem ihren kleinen Kar! vor dem Hause stehen, der das Köpfchen nach allen Richtungen wandte. Sobald er die Mutter erblickte, eilte er ihr entgegen. ״Mama! Mama!" rief er ihr schon von weitem zn, ״komm geschwind nach HauS, geschwind! geschwind! Das Schwesterchen ist krank, und Papa hat den Doktor holen lassen und hat gefragt, wo Du bist und Niemaud hat eS gewußt, und da habe ich gesagt, daß Du vielleicht zu dem Herrn gegangen bist, der Dir gestern auf der Promenade geholfen hat. Und da ist der Papa so bös geworden —" Tirza hatte ihn längst nicht wehr gehört; sie hatlc ihre Schritte beschleunigt, um bald möglichst bei der kleinen Kranken zu sein. In der Hausflur trat Müller ihr entgegen. ״Wo bist Du gewesen?" herrschte er sie an. Sie würdigte ihn keiner Antwort, eilte an ihm , vorüber der Stiege zu. Er folgte ihr auf dem Fuße und hielt sich dicht an ihrer Seite. ״Hölle und Teufel! ich will wissen, wo Du gewesen bist? Dein Kind ist krank, und Du läufst fremden Männern nach."; ’! ׳ ״Und wenn ich's thäte. Dir wäre ich keine Rechenschaft schuldig."

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