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Jeschurun · 1886-09-09 · Heft 36 (9.9.1886) · p. 566

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 36 (9.9.1886)
Article
Bekenntnisse der Reform
Date
1886-09-09
Page
566 (sequence 3)
Language
German
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566 dem Titel ״Unsere KultuSbeamten". Ans diesem Aufsatze dürften die folgenden Bekenntnisse nicht ohne Interesse sein: ״Jndeß glauben sich heute die Erwachsenen dem weitern und fortbtlbcnbcn Religionsunterrichte entwachsen, man läßt sich nicht durch die Predigt belehren und erheben, man glaubt sich darüber erhaben. Aller Religionsunterricht ist jetzt aus den Unterricht der Kinder beschränkt, man begnügt sich Zeitlebens mit den Elementen deS religiösen 'Wissens." ,.Zur Hebung des GcmeindegesangeS wurde Chorgesang eingcführt; die Gemeinde wurde aber dadurch zur stillen Andacht oder andachtslosen Nolle gezwungen und aller lauten Mitwirkung beim Gottesdienste enthoben. Diese Theilnahmlosigkeit und Unthätigkeit der Gemeinde hat (Gleichgültigkeit hcrbcigesührt, und ist von Nebel. Schon die Alten waren darauf bedacht, die Gemeinde in Mitthätigkeit beim Gottesdienste, und dadurch das Interesse daran, zu erhallen. Dafür dienten die Ncsponsorien, das Aufrufen, auch ohne selbst vorzulcscn, der eigene Vortrag des Kadisch und anderer Gcbctstücke." ES ist sattsam bekannt, welcher Lärm.. mit der ״Hebung deS Gottesdienstes" seitens der Reform gemacht wird. Und hier — das unumwundene Bekcnnlmß, daß cs damit nur sehr schwach bestellt ist, und man auch hiermit gründlich bankerott geworden ist. Was so!! aas iiilsrmr imMMiche!« Mdern mcden? An euch, die ihr in ruhigem Behagen weilt, richtet sich diese Frage. Ihr habt euer HanS gebaut und wißt euch darin geborgen unter dem Schutze einer gerechten Obrigkeit. Ihr seht eure Kinder hcranblühen und die geachtete Stellung einnehmen, die ihr ihnen vorbereitet habt. Ihr habt Raum für eure Thätigkeit und genießet deren Frucht. Wohl Hört ihr das Grollen des Donners, aber das Gewitter entladet sich nicht über euren! Haupte. Die Feinde unseres Stammes und unserer Religion sind gegen euch ohnmächtig. Sie können ihrer feindseligen Gesinnung nur in Worten Luft machen, und wenn sie, was Gott gnädig verhüten wolle, praktische, ins Leben eingreifende Erfolge erzielen sollten, so würde man allerdings fernerhin keine jüdischen Männer im Rathe der Gemeinde und des Slaates, auf dem Richterstuhl und dem Katheder sehen, — euch aber ließe man ruhig und unbehelligt in eurer Heimath wohnen und würde euch im Handel und Wandel schwerlich hart bedrücken. Anders aber eure armen Brüder. Haß. Druck und Verfolgung benehmen ihnen die Möglichkeit der Existenz. In Rußland und Nnmänien ist cs Tausenden von jüdischen Familien zu einer llinnöglichkeit geworden zu leben. Man hat Gesetze gemacht und erläßt Ver- Ordnungen, die sic zu heimathlosen Bettlern machen. Was sott anö diesen werden?? Da irren die Aermsten von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land — Männer, Frauen. Kinder, Greise, Säuglinge! Niemand erbarmt sich ihrer, Niemand spricht zu ihnen: lasset euch bei uns nieder, unglückliche Brüder! Wir gönnen euch gern Luft zum Athmen und wir haben Raum, aus daß ihr euer Zelt bei uns anfschtagen könnt, nm euch eine neue Heimath zu gründen in emsiger, redlicher Arbeit.-Fort von hier! Weiter! Hier ist nicht eures Bleibens, also schallt eS ihnen überall'entgegen. Wo ist das Land in Europa, dem zivilisirtcn und gebildeten Welttheile, welches den armen, mittellosen Flüchtlingen seine Pforten öffnet? Und Amerika? — O, eS war der Inbegriff aller Weisheit und Liebe, die armen Verjagten und Ausgeplünderten zu Tausenden nach dem jenseitigen Ufer deS Ozeans zu entsenden! Amerika ist jetzt gerade so weise und human geworden wie Europa und versperrt den Armen, Mittellosen sein Land. Wohin sollen unsere unglücklichen Brüder? Ueber Bord — ins Meer! das ist die Antwort, -welche Europa auf Amerikas, Amerika auf Europas Frage hat. — — — Auf, tretet zusammen, Alle, die ihr diese Antwort nicht wollt, und schasset Rath! Nathet aber als Brüder, die daS Elend der unglücklichen Brüder als das eigene mitfühlen. Und der Rath führe zur Thal, zur aufopscrungsfähigen Begeisterung für wirkliche Hülfe! Europa und Amerika haben zusammen zu wirken für unsere unglücklichen Brüder! Wo ist der Mann, wo sind die Männer, die dieses große Werk fördern wollen?? — (Nachbemerkung der Redaktion. Die vorstehenden Zeilen sind uns ans Amerika zugegangen, wo die United Hebrcw ChariticS of Ncw-Iork wahrhaft unbarmherzig gegen die in amerikanischen Häfen landenden mittellosen Glaubensgenossen Vorgehen׳ und bcwirkt haben, daS ihnen das Betreten des aincrikanischeil Bodens untersagt wird. Wohl bedarf cS hier des ünfopfcrnugSfähigsten gemeinsamen Wirkens aller Juden, die ihren Wohnsitz ein sicheres Heim nennen können. -- Möge ein solches endlich augebahnt werden!)

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