Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-09-09 · Heft 36 (9.9.1886) · p. 565

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 36 (9.9.1886)
Article
Bekenntnisse der Reform
Date
1886-09-09
Page
565 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933190-2966893--22868-2966940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

565 Reform gesprochen und deren totale Insolvenz dargethan. Sie haben gezeigt, daß die von der Reform in Umlauf gesetzten Münzen nicht- Anders als Scheingold sind. Gestatten Sie mir, daß ich zur Bestätigung dieser von Ihnen ausgcdeckten Thalsachen ein Scharflein beitrage. Eines der lautesten Organe der Reform ist die' von Herrn D1\ Na hm er in Magdeburg herausgegebene ״Israelitische Wochenschrift", welche bekanntlich den Kampf gegen die Orthodoxie mit so vielem Eifer führt, daß sie in der Wahl ihrer Waffen nicht allzu skrupulös ist. Den von ihr zur Veröffentlichung gebrachten Aufsätzen wird man die Klassizität nicht abstrciten wollen, wenn sie aus dem Jager der Reform Kunde bringen. Ueber keinen Gegenstand ist reformseitig so viel gesprochen und gedruckt worden, wie über den Religionsunterricht. Die Reform konnte den Mund nicht voll genug nehnien, um der Welt vorzngaukeln, daß sie durch die Einführung eines ״systematischen NeligionS- Unterrichts", eines ״gehobenen Religionsunterrichts", der Einführung eines gediegenen ״geschichtlichen Neligionsunterrichts" und wie die Phrasen sonst heißen, der Begründer eines ״wirklich ersprießlichen Religions- Unterrichts" ist. Sie habe den ״wahren'Geist des Iudenthums" der Jugend eingeimpft und das gebildete Geschlecht der Gegenwart für die ״erhabenen, gcläuterten Ideen des Judenthnms" zuerst zu begeistern verstanden. Seit dreißig bis vierzig Jahren hört man dieses Selbstlob mit großer Zuversichtlichkeit verkünden. Nun bringt die jüngste Nummer des vorhin erwähnten Reform-OrganS vom 2. September einen Aufsatz unter der Uebcrschrift ״Zur Reform der Methode des Religionsunterrichts", ans welchem der folgende Auszug das Lügenhafte dieser dreisten, pomphaften Selbstbespiegelung aufdeckt. Es heißt in diesem Bekelmtnisse der Reform: ״Anstatt eine Reform der Methode des UnterrichteS anzubahnen, haben wir eine Reform des Unterrichtsstoffcs gestattet und sind dadurch soweit geföntmen, daß ein Kind, nachdem eS drei Jahre bei seinem NeligionSlehrer Geschichte deS jüdischen Volks gelernt, nicht einmal weiß, daß es Jude ist und seinen christlichen Kollegen, den schlimmen Schnciderjungen, ״Jude" schimpft. Wem nach solchen Erfolgen nicht die Schuppen von den Augen fallen, mag noch lange auf Erfolge warten." ״Während wir also £ie alte Methode, durch den Geist der jüdischen Literatur die Jugend zu erziehen, aufgegeben, glaubten wir den besseren Ersatz in der Geschichte des jüdischen Volkes gefunden zu haben. Dabei haben wir ganz vergessen, daß das Kind die vaterländische Geschichte ebenfalls studirt und für diese sich erwärmt und im hohen Grade niteressirt, indeß cs die Geschichte der Juden wie die allgemeine Weltgeschichte behandelt, in der gewisse schöne Charakterbilder auf sein Gemüth bildend wirken, ohne daß eS deshalb in eines jener Völker aufgehcn wollte. DaS österreichische Kind will die Geschichte seiner Heintath kennen, während es den andern Thcil der Weltgeschichte als die Geschichte des Auslandes behandelt. Wir sehen den Erfolg: das jüdische Kind an unserer Staatsanstalt behandelt -die Geschichte deS jüdischen Volkes wie die der Griechen und Römer. Es lernt nicht durch die Geschichte dieses Volkes die hohe Bedeutung desselben kennen, es lernt vielmehr dieses Volk verachten; denn eS schimpft seinen christlichen Kollegen ״Jude"." ״Bedarf es wohl eiueS bessern Beweises, daß dieser Unterrichtsgang unsere Jugend dem Jndenthnm ganz entfremdet? Die ganze Generation ist verloren, und wenn wir nicht auf Galizien und Ungarn rechnen dürsten, können wir bestimmt erwarten, daß in wenigen Jahren unsere Tempel selbst an den hohen Feiertagen leer stehen werden. Unlängst erst erklärte mir eine vornehme Frau, daß ihr Sohn, der eben maturirt hatte, ihr offen gestand, daß er gerade durch den Religionsunterricht zur Ueberzeugung gelangt sei, ״eS sei ein Unglück, Jude zu sein". Und daö ist etwa nicht eine Ausnahme, das wissen unsere NeligionSlehrer am besten. Trotzdem forscht Keiner nach dem Grunde dieser Erscheimmg. Und doch liegt das psychologische, Moment so nahe. Das Kind lernt die Geschichte Israels, liest einige Kapitel aus den Propheten. Das sind Bruchstücke, aus denen das Kind mir die Schattenseile dieses Volkes erhält, während ihm die Lichtseite in der einzelnen Person, dem Propheten, vorgcführt wird. Wir erziehen cs demgemäß planmäßig in Haß und Erbitterung gegen dieses Volk, für die Erkcnntniß des Judenthums und seiner Mission bietet die Geschichte dieses Volkes nur wenig (?Red.) Momente; der wichtigste erziehende Thci! uchält also keinen Platz in unserem Lehrplan. Somit dürfen wir uns nicht wundcrn, wenn unsere Jugend durch diesen Unterrichtsgang dem Judenthum entfremdet wird, und das Volk Israel wie die Griechen und Römer in die Vergangenheit versetzt, oder seine Glaubensgenossen nach der Geschichte -curtheilt oder nach dem Bilde, das der Prophet Jcsaiaö vom Volke Israel entwirft. Wir erziehen so gewissermaßen den Antisemitismus in unserer eigenen Mitte." Also die horrendeste Unwissenheit und die ganzliche Entfremdung ist zugestandenermaßen das Resultat des so viel gerühmten modernen Religionsunterrichts! Aus einer andern Feder bringt dasselbe Organ der Reform in derselben Nummer einen Aussatz unter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.