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Jeschurun · 1886-09-02 · Heft 35 (2.9.1886) · p. 547

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 35 (2.9.1886)
Article
Der innere Richter
Date
1886-09-02
Page
547 (sequence 2)
Language
German
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547 Richter sind nicht da, um Rache zu üben für geschehene Handlungen, vielmehr soll durch das Gericht den zukünftigen Verbrechen vorgebeugt werden; nicht quälen und peinigen, sondern sühnen und warnen will das Strafgesetz,^ nicht die Zweige des Bösen abhaucn, sondern besten Wurzeln aus der Tiefe entfernen. In dem Stadtthvre sollten sie Wacht halten, damit das Böse überhaupt nicht ein dringe, um in den Straßen und Wohnungen Raum zu gewinnen. Wenn nun aber jeder Einzelne nicht durch ein strenges Sclbstgericht den Trägern der Gesetzcsgcwalt vorarbeitct, — wie können die Richter bann überhaupt zur Erreichung eines so hohen sittlichen Zieles wirken? Wo nur die Furcht vor der irdischen Gcrichtsstrafe wohnt, da werden sich die Verbrechen kaum vermindern, sie werden nur die Schlupfwinkel aussucheu und aus Verhältnissen cmporwachscn, von wo aus der gesetzliche Buchstabe von ihnen nicht gefürchtet zu werden braucht. Sollen jene Wächter am Stadtthvre ihres Amtes mit Erfolg wallen, so muffen die Aufseher wirken vor den Thoren der Seele, müssen sie jeden Genuß und jede That des Menschen in strenger Weise prüfen, nicht allein, ob sie vor dem weltlichen Richter sich rechtfertigen lasten, sondern ob sie vor dein inneren Gerichtshöfe der Seele Stand halten. Wenn nur das dort Gebilligte geschicht, dann hat ein strengerer Ncchtsgeist dem Richter vorgearbeitet. Da wir nun in der ernsten Bubzeit nicht mit Begriffen spielen, sondern mit den ihnen zu Grunde liegenden Thatsachen uns beschäftigen sollen, so rust uns R. Jeschaja zu: Befragt eure Seele, ob ihr dort stets unbedingte Zustimmung zu eurem Thun erhaltet, ob dort das Urtheil in eurem Sinne gesprochen wird. Aber scheint diese Herzensstimme nicht trügerisch zu sein? Wie Vieles geschieht nicht auf Erden, wovon unser Auge sich abwendet! Und doch hat Jeder seine Thal überlegt. Es ist nicht möglich, daß sein Verstand und seine Empfindung dabei sich IhcilnahmloS verhalten sollen — wie kann man unsernr Sclbsturlhcile Unbestechlichkeit zmnuthen? In uns soll ein Warner leben, während unser Herz uns ebenso irreleitet, wie die Einflüsse der Außenwelt? Sollen wir aber wirklich ein derartig hohes Gericht in uns vermuthen, dann müßte sich ja Alles rechtfertigen, was von Herz und Geist gebilligt worden ist — dann wäre aber auch der objektive Begriff des Unrechts geschwunden? — Allerdings, dieser Gerichtshof im Innern des Menschen kann irren, aber wenn er irrt,, so irrt er mit Bewußtsein und Absicht; das Gefühl des Menschen kann zur Ueöereinstimmung mit seinem Thun künstlich gezwangen werden. ״ ושפטו את תעם משכט צדקJene Richter am Thore sollen das Volk mit Gerechtigkeit richten;" sie können in bester Absicht irren, denn man ist im Stande, sie zu täuschen. Aber der innere Richter, der dem Ohre und dem Atlge Aufseher zu stellen hat, kann nicht betrogen werden; wenn er das Böse richtig findet, dann ist er bestochen und hat absichtlich ein falsches Urtheil gefällt. לא הטה משפט ,.Beuge das Recht nicht," so lautet die Mahnung auch an den Richter im Innern. Hier werden wir auf die Jrrpfade aufmerksam gemacht, von welchen nicht nur daS gerichtliche Urtheil, sondern auch die menschliche Empfindung sich fern zu halten hat. Beuge das Recht nicht, deute das Gesetz deö Höchsten nicht nach deinem Sinne um. Ist es doch die erste Thätigkeit des falschen Richters, dem Grundgesetze eine solche Deutung zu geben, daß sich dadurch die andern Bestimmungen leicht in ihr Gegentheil verwandeln lassen. Wenn nun die Lockung zum Bösen an das Thor der Seele herantritt, und die bestochenen Richter das Gesetz Gottes um deutend, zu uns täuschend sprechen: ״Wie lautet doch das Grundgesetz Israels? אנכי כו׳ אשר הוצאתיך מארץ מצרים Das heißt: DerEwigc ist deshalb unser Gott, w e i l wir ihm den Vor! heil der Befreiung aus Aegypten verdanken. Siehst du nicht, wie unser Nutzen die Grundbedingung des Gesetzes und aller unserer Bestrebuugen ist? Stimmt die Handlung zu deinem Nutzen, so stimmt sie mit deinem aufjauchzenden Herzen und so mit dem Gesetze selbst überein " Allerdings heißt cs ״ לא תכיר פניםDu sollst kein Ansehen der Person kennen;" das gilt aber, wie die Selbstsucht sich gern einredet, von jeglicher Rücksicht, die du nehmen und damit deinen Nutzen schmälern könntest. So ist in vielen Fällen der Verlauf jener inneren Gerichtsverhandlung. Die Wächter und Vögte an den Thoren der Seele schließen wohlweislich ihr Auge, das Böse darf hineinschlüpfen, die Warnungen Gottes werden als eitelc Thorheiten verlacht, mit fester Hand übt man das aus, wovor der Genius des reinen MenschthumS sich verhüllt und das Auge der Sterblichen mit Entsetzen sich abwendet. כי השוחד יעור עיני חכמים ויסלף דברי צדיקים ״Denn die Bestechung verblendet die Augen der Weise« unverdreht die Worte der Gerechten." War unsere Empfindung auch zuerst gerade und unbestechlich, so gewöhnt sie sich schließlich an diese künstlichen Verdrehungcn des heiligsten Rechtes, bis sie entartet unden vom Ewigen ihr ausgeprägten Stempel nicht mehr trägt. Weisheit hört dann ganz aus Selbsterkenntniß zu sein, sie artet in kleinliche Klugheit, in berechnende Ausnutzung des Ncbenmenschen und der Umstände aus. Die Siege, welche durch diese Geisteskraft errungen werden, sind geradezu Niederlagen für jene hohe Weisheit, die da rust: Erkenne und richte dich selbst!

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