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Jeschurun · 1886-08-19 · Heft 33 (19.8.1886) · p. 519

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 33 (19.8.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-08-19
Page
519 (sequence 3)
Language
German
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519 Plötzlich sah er die Dame wanken, das Kind schrie Laut auf und wollte sie Hallen; doch sie wäre sicher gefallen, wäre nicht Walther sofort zur Stelle gewesen und hätte sie gestutzt. Glücklicher Weise war eine Bank in der Nähe und cS gelang ihm, sie dorthin zu geleiten. ״Karl!" flüsterte sie ängstlich, ״Karl! — mein Gott! wo bist Du?" ״Hier bin ich, Mama," rief, der Kleine, indem er ihre schmale, durchsichtige Hand streichelte. ״Wie fühlen Sie sich, Madame?" fragte Walther theilnehmend. Sie fuhr zusammen, erschreckt durch die ihr unbekannte Stimme, und bemühte sich, die Augen zu öffnen. ״Wo bin ich?" stammelte sie. ״mein Gott, wo bin ich?" ״Sie besindcn sich auf der Promenade," erwiderte Walther, ״und bitte ich Sie, unbesorgt zu sein. Sie sind unter dem Schutze eines Ehrenmannes; ich sah Sic wanken, und erlaubte mir, Sie hierher zu führen." ״Ja, Mama, ja." rief der Kleine, ״der Herr hat Dir gut geholfen; ich habe Dich gar nicht mehr halten können." ״Ich danke Ihnen," sprach sie leise. Er hob den kleinen Knaben auf die Bank und setzte ihn dicht neben seine Mutter. ״Komm, Kleiner, stütze die Mutter ein wenig." Dann nahm er das Batisttuch, das ihr entfallen, eilt damit zu der nahen Fontaine, tauchte cs hinein und mit dem nassen Tuche kühlte er ihr Stirn und Schläfen. Sie öffnete die Augen und athmete tief auf. ״Ich danke Ihnen — Sie sind so gütig — aber bitte, bemühen Sie sich nicht weiter." ״Fühlen Sie sich denn bereits vollkommen hergestellt? — es war wohl nur ein Schwindel, der Sie befallen?" ״Ich weiß es nicht — mir war mit einem Mal, als ginge es zu Ende — als müßte ich mein Kind verlassen — v. mein Gott!" murmelte sie in sich erschauernd, ״mein Kind verlassen! — entsetzlich!" Sie legte ihre Hand um den Hals des Knaben und zog ihn fest an sich. Dieser blickte mit seinen schönen klugen Augen wie beschwichtigend-zu ihr auf. ״Darüber brauchst Du Dich gar nicht so zu fürchten, liebe Mama, Du sagst ja immer, wenn wir auch ganz allein im Zimmer sind, so ist der liebe Gott doch bei uns. Und vorigen Sabbath. da ist sogar das Nachtlicht auSgclöscht und es war ganz dunkel im Zimmer und zuerst habe ich mich gefürchtet und wollte Lisette rufen, baß sie das Licht wieder anzündet, dann ist mir aber eingefallen, daß ich ihr das am Sabbath nicht sagen darf, und dann habe ich mich erinnert, daß der liebe Gott auch im Dunkeln bei mir ist, und da habe ich mich gar nicht mehr gefürchtet. Und Du mußt Dich auch nicht mehr fürchten, liebe Mama", und liebkosend streichelte er abermals ihre Hände. ..Du hast Recht," flüsterte sie, indem sie ihn noch scstcr an sich zog. ״Er schützt die Wittwen und Waisen." (Fortsetzung folgt.) Korrcs-oildcilzeil nnd Nachrichten. Deutschland. -a- Berlin, 12. August. Wenn eS überhaupt ein pikantes und gar ost lehrreiches Vergnügen ist, das Treiben hinter den Koulissen zu beobachten und zu bcmerken, wie gar Manches dort den Glanz und die Pracht verliert, die cS, vom Zuschaucrraum betrachtet, zu entfalten scheint — so ist eS auch recht interessant nnd für daS Vcrständniß der sogenannten antisemitischen BewcguNg im höchsten Grade wichtig, wenn eS uns hin und wieder gestattet ist, einen Blick in die Werkstatten zu werfen, wo die Pläne geschmiedet werden, bevor sie.in der äußern Form vollendet dem allgemeinen Publikum prasentirt werden. Da sieht es denn doch ost himmelweit anders aus, als man so bei der oberflächlichen Betrachtung wohl glauben mag. Wie zu einem schweren Ungewitter scheinen sich die Wolken des Antisemitismus über unserem Haupte zusammenzuthürmen — so laut borniert, so hell blitzt es vom autisemitischen Lager herüber. — ״Reizet den Löwen nicht!" — so schallt eS aus aller Munde — doch: ״Ihr, Fräulein, deren Herz fürchtet die kleinste Maus, ״Die in monströser Gestalt thut auf dem Boden schweben, ״Mögt itzo zwcifclsohn' erzittern und erbeben, ״Wenn Löwe, rauh von Wuth, läßt sein Gebrüll heraus. ״So wißt, daß ein gewisser Schnack, der Schreiner, ich, ״Ein Löwenfell mir bin, und sonst kein Löwe nicht." An diese Worte des Löwen aus dem ״Sommernachtsträum" wurden wir lebhaft erinnert, als wir den folgenden Artikel in der ״Volkszcitnng" lasen: ״Wir erhalten folgende Mitthcilung: Discret, Antisemitische Korrespondenz und SprechsaaL für innere Partci-Angelegcnhcitcn. Leipzig!686. Juli. Nr. 6. Wird׳ nur an zuverlässige Parteigenossen versandt. Unter diesem Titel erfolgt die neueste Kundgebung der Hetz- Partei mit der gleichzeitigen Versendung einer Anzahl Beilagen, durch welche der Eifer der großen Patrioten angespornt und vor Allem versucht wird, aus dem großen Portemonnaie eine Kleinigkeit für die. ״gerechte Sache" herauszuholen. Au diesem Zwecke ist gleich eine Postanweisung beigefügt, so daß nur die Kleinigkeit des

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